22. Mai 1890.

Du Liebe, Liebe, um 11 Uhr gestern abend (denk Dir, erst um 11!) kamen Frau Karoline Björnson und John Lund (die sich unerwartet getroffen hatten) hier an, am Pfingstabend also, und heute, am Pfingstsonntag, habe ich die schöne Zeit verplaudert; vollständig vergessen, daß wir eine Bergliot in Paris haben; also dieser Brief wird nichts als eine Wurst sein. Aber fressen mußt Du sie doch, von einem Zipfel zum andern.

Du Liebe, Süße, wie hübsch Dein letzter Brief zu lesen war! Wenn Du Dich nur nicht in zu viel Geselligkeit verzettelst! Aber Du hast den Leuten gegenüber ja keine Verpflichtungen; Du kannst in Gesellschaft gehen und es lassen. Enfin! So wenig davon wie möglich. Und zugleich viel Freude und Vergnügen dazu! — Kein Mensch auf der Welt brächte mich dazu, in einer Matinee oder sonst wo etwas anderes zu singen, als was mir selber paßte. Kein Mensch! Ich würde diese Bedingung stellen und mich um keinen, keinen Preis davon abbringen lassen. — Hier ist das allerwundersamste Frühlingswetter, ein paar Tage lauter Sonnenschein, den nächsten Tag Regen, und das abwechselnd Wochen hindurch. Dieses Jahr muß, falls es lange so anhält, großartig werden. Gestern ließen wir die Kühe heraus. Einen so schmucken Viehbestand, wie unserer jetzt ist, haben wir noch nie gehabt. Es war ein schöner Anblick. Hansens und Kristofersens teilten ihn. Gestern badete ich auch zum erstenmal im Freien. Prächtig! — Mutter ist recht müde. Die Ärzte in Kopenhagen sind einstimmig der Ansicht, daß ihre Taubheit von Nervosität herrührt, und daß sie nur dann abnehmen oder wenigstens nicht weiterschreiten könnte, wenn ihre Nerven sich besserten.

Ich glaube, das ist anders; ich glaube, die Heilkunde muß hierin erst Fortschritte machen. Der Hypnotismus spielt unter anderm da eine große Rolle. Ferner müssen Instrumente erfunden werden, vermittelst derer schwache Ohren hören, wie vermittelst der Brillen schwache Augen sehen.

Lund und Mutter kommen mit den widerlichsten Erzählungen über die Bohêmerei heim, und ich muß schon sagen, solche Kerle sind nicht gefährlich.

Heute habe ich 13 — sage: dreizehn — Bauern zu Tisch und Mutter und John Lund als Extragäste. Karen ist rein aus dem Häuschen. Frau Hansen hat uns Fisch geschickt, so daß wir wohl über das Schlimmste wegkommen. — Gestern war ich oben und sah mir ein Fohlen von „Spellet“ an; Erling kaufte es auf dem Fleck, so entzückend war es. Nun warten wir auf „Musmärra“, auch bei ihr ist es bestimmt sehr bald soweit. In diesen warmen Tagen haben wir voll Mitleid an Dich gedacht; ich glaub’ es noch nicht recht, wenn Du sagst, Du seist gesund; es kann ein Umschlag kommen. — Das Haus ist nun fertig in Mädchenkammer und Küche und Speisekammer; alles andre mehr oder weniger unfertig, und dann fehlt die Holzverkleidung außen. Die Leute hatten mit der Frühjahrsbestellung zu tun, deshalb geht es so langsam mit dem Bau. — Schön wird es, wenn es fertig ist, und einen großen, flotten Hofraum gibt es rundum! — Anna ist ein prächtiges Mädchen; nie etwas Unangenehmes los mit ihr; sie hat es eigentlich früher nie in ihrem Leben recht gut gehabt, bis jetzt; das trägt auch dazu bei, daß sie so fröhlich ist. — Mutter erzählt, „Das neue System“ werde in Kopenhagen beständig vor vollen Häusern gegeben. „König Midas“ dagegen ist unwiderruflich abgetan. „Das neue System“ bezahlt ein gut Teil für Dich.

Sonst nichts zu berichten. Ich freue mich, daß Thaulows (und nicht Tauwlows) freundlich zu Dir sind. Ich halte große Stücke auf ihn; aber in einigen wesentlichen Punkten ist er nicht so, wie ich ihn haben möchte. Ich gehe indessen davon aus, daß eine solche Naturkraft so sein muß, wie er ist. Im Verhältnis zu mir fordere ich Treue, und die, denke ich, hat er. Ich meinte, er sei ein Freund von Chr. Krohg; aber seitdem ich hörte, daß er das nicht ist, ist alles andre mir gleichgültig, z. B. daß er mich Ramseth genannt hatte. Er ist ja ein großes Schwatzmaul. — John Lund sitzt hier und wartet auf mich, ich muß schließen.

Dein Freund Vater.

Ich meine, Du solltest über Kopenhagen fahren, um Hegel zu danken, der so gut gegen Dich ist. Dort haben wir gute Freunde, und die soll man festhalten. „Auf dem Wege zu Deinem Freund soll kein Gras wachsen.“

Aulestad, 22. April 1892.