Süße Bergliot, die Sache mit dem Gelde mußt Du nicht so tragisch nehmen. Du kannst Dir doch denken, daß Mutter und ich immer genug zum Leben haben werden, und könnt Ihr uns etwas wiedergeben, so ist es gut; könnt Ihr nicht, so ist es auch gut. Dafür leben wir doch nicht. Und am allerwenigsten ich, der den größten Teil seines Lebens für andere gelebt hat. Das ist ja die einzige Freude, die ich habe.

Deine Stimme läßt Dich noch immer bisweilen im Stich; — ich bin sicher, sie wird Dir eine Lebensfreude werden, wie sie in ihren guten Stunden die unsre ist. Wenige Menschen können so hell ins Leben schauen wie Du, die zweifellos großen Aufgaben und mancher schönen Tat entgegengeht.

Wir müssen unsern Lebensmut hüten, er ist unser höchster Schatz. Gut essen, gut schlafen, das Rechte tun, gute Menschen in unser Herz schließen und die Zerstörungslust der anderen hindern, das erhält den Mut in uns. So ausgerüstet und begabt und geliebt, wie Du bist, — — Bergliot!

Du kannst überzeugt sein, ich leuchte Jonas Lie heim; denn ich habe Briefe gefunden, die alles bestätigen, was ich gesagt habe. Ich glaube nicht einmal, daß er es selbst erlebt haben kann; dazu war der Konflikt in Rom wegen der gleichen Angelegenheit zu heftig.

Grüß’ Ingeborg, an die ich niemals wieder schreiben darf, und Björn, der bereits seine Sommergage erhoben hat — wozu? Hier ist alles wohl; meine Herzbeschwerden gänzlich vorüber.

Dein Freund Vater.

Roma, Quattro Fontane 155. Sonnabend,
24. April 1894.

Ihr solltet uns in Schwaz treffen und mit uns weiter gehen nach Italien. — Ihr werdet nie Italien sehen, wenn Ihr es nicht jetzt seht. Das „nie“ meine ich nicht so bitter ernst; denn sicher kommt Ihr einmal hin. Aber nicht jetzt, nicht in Eurer Jugend, nicht zusammen mit so vielen guten Freunden, wie die, die wir hier um Euch versammeln, und dann zusammen mit Ejnar und uns; denn Ejnar kommt zum Herbst heim, wir hatten kürzlich einen Brief! Ihr solltet das unbedingt tun! Erst nach Tirol, dann nach Rom; — was sollten das für Tage werden! Und wie Ihr Euch nach einer Veränderung sehnen müßt! Selbst die alten Ibsens müssen Eure Sehnsucht verstehen — und auch unser Recht, Euch und den kleinen Buben einmal zu genießen. Und der Gedanke, den Du verlauten ließest, über Dagnys Gesang die Führung zu übernehmen, hat sich in mir festgesetzt. Sie hat Anlage für Musik; ich sehe das an ihren Fortschritten auf dem Klavier, obwohl sie kaum spielt. Und dann bedarf sie eines Anhalts. Sie zerfließt reineweg in bloßer Konversation. Ihre schwache Gesundheit hat bisher jede Regel und Anstrengung unmöglich gemacht; aber jetzt ist das anders; sie wird kräftiger. Sie macht hier großes Glück und ist selbst glücklich. Sie ist auch in allen Stücken ein braves, kluges Ding, und hübsch. Aber sie muß nun ein festes Interesse haben. Ich denke, es ist keinerlei Opfer für Euch, ihr dieses zu verschaffen; aber selbst wenn es das wäre, so ist sie es wohl wert. —

Der Maler Ross ist uns ein guter Freund. Er hat sich zu einem gutartigen (obwohl etwas scharfzüngigen) Weltmann entwickelt, ohne jede Spur von Unarten oder Snobismus; er gehört zu den angenehmsten und gefälligsten Bekanntschaften, die man haben kann; — und uns ist er außerdem, und ist es stets gewesen, der beste Freund. Ihr werdet beide Eure helle Freude an ihm haben. Seine Freunde hier sind auch die meinen, und edlere, natürlichere, gebildetere Männer und Damen hat das europäische Gesellschaftsleben nicht aufzuweisen — außer etwa in Kreisen, die ich nicht kenne. — Wir erfuhren gestern zu unserer Überraschung, daß „Die Neuvermählten“ am Montag, den 23. im Valle-Theater aufgeführt werden sollen! Man fragte mich, ob ich nicht der Generalprobe beiwohnen wolle, morgen — Sonntag —! Die genieren sich nicht. „Ein Fallissement“ geht über ganz Italien und hat großartigen Erfolg. Nun sollen auch „Die Neuvermählten“ und „Geographie und Liebe“ folgen. Aber ich bekomme nicht einen Schilling. Das einzige, was ich davon habe, ist die Freundschaft des Übersetzers, eines vortrefflichen, liebenswürdigen Mannes. Ich habe auch in Rumänien einen liebenswürdigen Übersetzer gefunden; aber, wie gesagt, ihre Liebenswürdigkeit ist der ganze Gewinn. Ich hatte jetzt Gelegenheit, meine neue kleine Erzählung (sie ist in den Zeitungen angekündigt worden) ins Deutsche, Französische, Englische, Russische, Italienische, Ungarische, Rumänische, Tschechische, Littauische und Kroatische übersetzen zu lassen!! Ich habe laut aufgelacht über alle die Nein, die ich in die Welt hinaussenden mußte (außer an den Engländer), weil Hegel das ganze Buch, in dem die Erzählung stehen sollte, vertrödelt hat! Er hat es seit November, und hat jetzt vier — sage: vier — Bogen fertig gedruckt. — Mir ist solche Geschäftsordnung unbegreiflich.

Wir sind alle bei vorzüglicher Laune. Meine Krankheit unterbrach sie eine Weile; aber wir sind darüber weg, seitdem wir die nötige Vorsicht gelernt haben. Ich habe Schwindelanfälle, und ich vertrage nicht viel, ohne daß ich müde werde. Aber es geht gut vorwärts. Im übrigen stecke ich mitten in der größten Arbeit, die ich je vorhatte, und bin ungeduldig. Mutter sieht vorzüglich aus und erregt großes Aufsehen in den Gesellschaften, so hübsch ist sie; sie ist ungemein munter — außer wenn sie Briefe schreibt.