Entwirf nun einen klugen Kriegsplan, wonach Ihr ein Jahr lang mit uns hier unten zusammen sein könnt! Oder wenn es nur ein Besuch wird, bis Sigurd nach Hause berufen wird ... Er und Du habt dann auf alle Fälle den Sommer in Tirol und den Oktober in Rom, die schönste Zeit für Italien! Küsse den kleinen Tankred, grüss’ Deinen Herzensmann und die alten Ibsens und andre Freunde von
Deinem Freund Vater.
Besonders Sörensens!
Bitte Sörensen, daß er mir noch eins von Utheims Büchern schickt, ich habe das erste zu Agitationszwecken weggegeben. Er verschickt sie wohl an Zeitungen und Reichstagsabgeordnete in Schweden?
Ich wäre ihm sehr dankbar, wenn er Sars’ Abhandlung und Utheims Buch an Prof. Fridtjof Holmgren in Upsala senden wollte. Er war neulich hier (auf dem Ärztekongreß), und ihm fehlten die Beweise für das Recht unsrer Sache. Einem Mann wie ihm dürfen sie nicht fehlen.
Dein Freund Vater.
Wie ich den Brief zusammenfalten will, erhalte ich folgendes Telegramm von L’Arronge, Direktor des „Deutschen Theaters“: „Außerordentlich beifällige Aufnahme. Habe mehrmals für Sie danken können. Alle großen Zeitungen voll Lob. Gruß, Glückwünsche. L’Arronge!“ Hurra, hurra; das bedeutet nämlich ganz Deutschland! Und für mich folglich ein ganzes Kapital.
Schwaz, Tirol, 29. Mai 1894.
Liebe Bergliot, Du kannst Dir denken, wie uns Deine Schilderung des 17. Mai ergötzt hat! Und daß ich einen Vertreter von meinem Fleisch und Blut und Temperament hatte, machte mir nicht am wenigsten Spaß.
Hierher kam an dem Tage — ohne an den Tag zu denken! — Z. mit Frau. Wir tranken „Vöslauer Schaumwein“, und vielleicht waren es Zeit und Ort und Stimmung, die es bewirkten; aber der beste Champagner behagt mir nicht so wie dieser. Es ist ein süßes Singen darin, ein Preislied auf Tirol an einem klaren Tag und das Echo dazu. Ihr müßt ihn, falls er aufzutreiben ist, kosten und ihn auf den Tiroler Sommer trinken, obwohl er ein Stück weit von Tirol geboren und gewachsen ist, aber doch in derselben Art Natur, wie man sagt. Z. war völlig der Alte, nur fand ich ihn noch häßlicher, schiefbeinig, buckelrückig, langarmig, und die fette Zunge immer vorne zwischen den Zähnen. Aber wie klug und anhänglich und treu er ist! Seine Frau hat ihn vom Vegetarianismus abgebracht; sie hat die Hosen an. Aber sie ist eine brave Person und so innig anhänglich an ihn, wie bloß eine erlöste Gouvernante es sein kann. Sie ist hübsch, „besonders wenn sie einen Schleier um hat“, fügen Dagny und Mutter hinzu. Für die, die besser sehen als ich, soll sie etwas Angejahrtes haben, wenn sie ihn heruntertut. Sie ist groß, schlank, dunkelhaarig, mit schönen Augen. Nun habe ich es so weit gebracht, daß ich französisch (mangelhaft) sprechen kann über Gott weiß was alles, und bis ich wieder nach Italien zurückkomme, werde ich es ebensoweit im Italienischen gebracht haben. In Rom mußte ich eine ganze Menge der neuesten Belletristik lesen, um mein Urteil abzugeben. Die italienische Jugend ist so naiv, frisch, poetisch, es ist eine Freude, mit ihr zu verkehren. Ich begreife vorläufig nicht, was der Grund ist, daß ihre sozialen und politischen Verhältnisse so bedauerlich im Rückstand sind. Daß kein großer Reformator ersteht. Ich glaube, Italien gibt zum drittenmal der Welt einen neuen Anfang, oder vielleicht besser: zum vierten Male, wenn das Papsttum ebenfalls als solcher gerechnet wird. Die Römerherrschaft, das Papsttum, die Renaissance. Kein andres Volk hat solchen Reichtum besessen, und wenn ich unter der Jugend bin, so habe ich den Eindruck, als sei er noch immer da.