Ole hatte sich niedergesetzt und sein Gesicht in den Händen geborgen. — „Hier will ich mit dir reden,“ sagte der Schulmeister und setzte sich neben ihn.
Unten in Pladsen war Öyvind eben von einer längern Reise zurückgekehrt, der Wagen stand noch vor der Tür, da das Pferd sich ausruhen mußte. Obwohl Öyvind jetzt einen guten Verdienst als Bezirksagronom hatte, wohnte er doch noch bei den Eltern in seiner kleinen Kammer unten in Pladsen und half ihnen in jeder freien Stunde. Pladsen war nach jeder Richtung hin verbessert worden, aber es war so klein, daß Öyvind das Ganze Mutters Puppenstube nannte, denn es war namentlich sie, die die Ackerwirtschaft betrieb.
Er hatte sich gerade umgezogen, der Vater war weißbestäubt aus der Mühle heimgekehrt und hatte sich ebenfalls umgezogen. Sie standen gerade da und sprachen darüber, daß sie vor dem Abendessen noch ein wenig hinausgehn wollten, als die Mutter ganz bleich hereinkam: „Es kommen seltne Gäste auf unser Haus zu, Lieber, sieh nur einmal hinaus!“ — Beide Männer eilten ans Fenster, und Öyvind war es, der zuerst ausrief: „Das ist der Schulmeister und — ja, ich glaube fast — ja natürlich ist ers!“ — „Ja, das ist der alte Ole Nordistuen,“ sagte auch Thore, indem er sich vom Fenster abwandte, um nicht gesehen zu werden; denn die beiden waren schon vor dem Hause.
Öyvind erhielt einen Blick von dem Schulmeister, als er das Fenster verließ. Baard lächelte und sah nach dem alten Ole zurück, der an seinem Stock mit den kleinen kurzen Schritten dahergehumpelt kam, wobei er immer das eine Bein etwas höher hob als das andre.
Man hörte den Schulmeister draußen sagen: „Er ist offenbar erst eben wieder heimgekommen;“ worauf Ole zweimal: „Na na!“ antwortete.
Sie standen lange draußen auf der Diele still; die Mutter hatte sich in der Ecke verkrochen, wo das Milchbort stand, Öyvind hatte seinen Lieblingsplatz eingenommen, indem er sich nämlich mit dem Rücken gegen den großen Tisch lehnte und das Gesicht der Tür zuwandte, der Vater saß neben ihm. Endlich wurde angeklopft, und herein trat der Schulmeister und nahm den Hut ab, dann kam Ole, der ebenfalls die Mütze abnahm, worauf er sich nach der Tür umkehrte, um sie zu schließen. Alle seine Bewegungen waren langsam, er war offenbar verlegen. Thore erhob sich und bat sie, Platz zu nehmen; sie setzten sich nebeneinander auf die Bank vor das Fenster, Thore setzte sich auch wieder.
Aber so, wie ich es nun erzähle, trug sich die Werbung zu.
Der Schulmeister: „Wir haben doch noch schönes Wetter diesen Herbst bekommen.“ — Thore: „Das hat sich nun so gewandt.“ — „Der Wind wird sich wohl noch lange halten, da er nach der Richtung hin umgeschlagen ist.“ — „Seid ihr da oben mit der Ernte fertig?“ — „Noch nicht; Ole Nordistuen hier, den du vielleicht kennst, möchte gern deine Hilfe haben, Öyvind, falls sonst nichts im Wege ist.“ — Öyvind: „Wenn er sie verlangt, will ich tun, was ich vermag.“ — „Ja, so auf den Augenblick meinte er es eigentlich nicht. Er findet, daß es nicht recht vorwärtsgeht mit dem Hofe, und er glaubt, daß es an der richtigen Methode und der nötigen Aufsicht fehlt.“ — Öyvind: „Ich bin nur so wenig zu Hause.“ — Der Schulmeister sieht Ole an. Dieser fühlt, daß er jetzt ins Feuer rücken muß, räuspert sich ein paarmal und beginnt dann kurz und bündig: „Es war — es ist — ja, meine Absicht war, daß du ein festes — ja, daß du da oben bei uns wie zu Hause sein sollst — daß du da sein sollst, wenn du nicht auswärts bist.“ — „Vielen Dank für das Anerbieten, aber ich möchte gern da wohnen bleiben, wo ich wohne.“ — Ole sieht den Schulmeister an, und dieser sagt: „Ole scheint heute nicht den rechten Ausdruck finden zu können. Die Sache ist die, daß er schon früher einmal hier gewesen ist, und die Erinnerung daran verwirrt ihn, so daß er die Worte nicht recht finden kann.“ — Ole rasch: „So ist es, ja; es war ein dummer Streich von mir, aber ich hatte mich so lange mit dem Mädchen herumgezankt, bis mir schließlich die Geduld riß. Laßt es aber vergessen und vergeben sein. Der Wind schlägt das Korn nieder, nicht aber ein kalter Lufthauch. Der Regenbach löst keine großen Steine; Schnee im Mai bleibt nicht lange liegen; es ist nicht der Donner, der die Menschen erschlägt.“ — Sie lachen alle vier; der Schulmeister sagt: „Ole meint, du sollst nicht länger daran denken, und du auch nicht, Thore.“ — Ole sieht sie an und weiß nicht, ob er fortfahren darf. Da sagt Thore: „Der Dornbusch greift mit vielen Zähnen zu, aber er reißt keine Wunden. In mir haftet kein Dorn mehr.“ — Ole: „Ich kannte den Burschen damals nicht. Jetzt sehe ich, daß es wächst, wenn er sät; der Herbst entspricht dem Frühling, in seinen Fingerspitzen sitzt Geld, und ich möchte ihn gern fest haben.“
Öyvind sieht den Vater und dieser die Mutter an, die ihrerseits wieder zu dem Schulmeister hinüberblickt, und dann sehen alle ihn an. — „Ole meint, er habe einen großen Hof.“ — Ole unterbricht ihn: „Einen großen Hof, aber schlecht bewirtschaftet; ich kann nicht mehr, ich bin alt, und die Beine wollen nicht mehr so wie der Kopf. Aber es verlohnte sich schon, da oben alle Kraft dranzusetzen.“ — „Es ist der größte Hof im Kirchspiel, und zwar weitaus,“ fällt der Schulmeister ein. — „Der größte Hof im Kirchspiel, das ist ja gerade das Unglück, denn große Schuhe verliert man; es ist ganz schön, wenn das Gewehr gut ist, aber man muß es heben können!“ Und indem er sich schnell zu Öyvind wendet: „Du könntest vielleicht mit zugreifen, du?“ — „Ich sollte also Verwalter auf dem Hofe sein?“ — „Freilich, ja; du sollst den Hof ja haben.“ — „Soll ich den Hof haben!“ — „Freilich, ja; dann wirst du ihn wohl verwalten.“ — „Aber —“ — Ole sieht den Schulmeister verwundert an. — „Öyvind fragt noch, ob er Marit auch haben soll?“ — Ole schnell: „Marit mit in den Kauf, Marit mit in den Kauf!“ — Da lachte Öyvind hell auf und sprang hoch in die Höhe, und alle drei stimmen in sein Lachen ein. Öyvind rieb sich die Hände, lief in der Stube auf und nieder und wiederholte einmal über das andre: „Marit mit in den Kauf! Marit mit in den Kauf!“ — Thore lachte, daß es laut schluchzte; die Mutter sah den Sohn von ihrer Ecke aus unverwandt an, bis ihr die Tränen in die Augen traten.