Im ersten Jahre bekam sie einen Knaben und noch einen im nächsten. So oft sie allein war, teilte sie ihre Zeit zwischen ihnen und den Unterrichtsstunden. Der Mann steuerte so gut wie nichts zum Haushalt bei, mit Ausnahme der kurzen Zeiten, wenn er zu Hause war. Dann wurde das Geld mit Kameraden in flottem Leben verschwendet. „Die Jungen“ wurden so lange zur Tante geschickt; „man konnte ja nicht vier Schritte in dem Lumpenhause machen, ohne durch die Wand zu gehen.“ Solange sagte sie auch ihre Stunden ab; sie konnte nicht mehr leisten, als daß sie ihm aufwartete.
Daß sie nicht glücklich sein könne, begriffen alle; aber daß sie ein Leben in Angst lebte, davon hatte niemand eine Ahnung. In Angst vor dem Telegramm, das sein Kommen meldete, wenn auch nur für einige Tage, in Angst vor dem, was dann geschehen würde. Wenn er kam, wagte sie nicht den leisesten Widerspruch und zeigte ihm und allen die unbefangenen Augen, dieselbe rasche, ein wenig gedämpfte Art, die machte, daß sie ging und kam, ohne daß man sie bemerkte. Wenn er dann abgereist war, wurde sie mit einem Male so übermüde nach der Spannung der Tage und Nächte, daß sie zu Bette mußte.
Jedesmal, wenn er zu Hause war, wurde er weniger achtsam auf sich selbst, unverschämter gegen andere; wenn sie aber begriffen hätte, wie Männer mit seiner Verausgabung von Kraft in der Regel um die vierziger Jahre herum fertig sind (und deren sind gar viele in den Küstenstädten), dann hätte sie auch schon begriffen, daß gerade dies die Zeichen des Niederganges waren; er war weit vorgeschritten. Ihr erschien er nur immer widerlicher.
Er war wenig zu Hause, das half ihr. Sie hatte sich vorgenommen, daß sie und die Knaben ausgezeichnet miteinander leben würden; das half ihr auch, meist aber ihre rastlose Arbeit und die Achtung aller. Nach fünfjähriger Ehe schien sie ebenso niedlich, wie damals, schien auch ebenso unbefangen und munter; sie war so daran gewöhnt, sich zu verstellen.
Nun waren ihre Jungen der eine vier, der andere drei Jahre alt, und selten fand man sie anderswo, als auf dem Marktplatz — in den Schneehaufen im Winter, in den Sandhaufen im Sommer. Oder auf dem Lande bei der Tante, ihrer „Großmutter“.
Nächst der Beschäftigung mit den Knaben war die mit den Blumen ihr die liebste. Sie hatte deren eine Menge, die das Haus kleiner machten, als es eigentlich war. Mit den Knaben konnte sie spielen, aber mit den Blumen konnte sie denken. Wenn sie den Blumen Wasser gab, empfand sie am stärksten, wie gequält sie selbst war. Wenn sie ihre Blätter abwischte, sehnte sie sich nach guten Worten, freundlichen Augen. Wenn sie trockne Zweige entfernte, überflüssige Schüsse, wenn sie ihnen andere Erde gab, weinte es oft in ihr vor Sehnen, wallte das in ihr auf, was nichts bekam.
Fünf Jahre waren also vergangen, — als eines Tages das Gerücht durch die Stadt ging, daß Axel Aarö ein reicher Mann geworden sei; sein alter Freund war gestorben und hatte ihm eine große Leibrente hinterlassen! Gleich darauf wurde auch erzählt, daß Axel Aarö zum zweitenmal die Kur gegen die Trunksucht durchgemacht habe; die erste sei nicht von Erfolg gewesen; jetzt aber sei er geheilt. Man konnte sehen, wie beliebt Axel Aarö war; denn es gab kaum einen, den es nicht freute.
Am Mittwoch den 16. März 1892, um vier Uhr nachmittags, saß sie mit einer Arbeit zwischen ihren Blumen, als sie nach dem Hotel hinüber sehen mußte. Im Eckfenster der zweiten Etage stand der, an den sie dachte; er sah auf sie nieder.
Sie stand auf, und er grüßte zweimal. Sie stand noch da, als er über die Straße kam, in dunkler Pelzmütze, schwarzer Seidenweste, auf die der lange, blonde Bart herab fiel, das Gesicht ziemlich bleich, aber die Augen klarer im Ausdruck. Er klopfte an; sie konnte kein Wort hervorbringen, sich nicht rühren. Als er aber die Tür öffnete und im Zimmer stand, sank sie auf einen Stuhl nieder und weinte.
Er kam langsam auf sie zu, nahm einen Stuhl und setzte sich ihr gegenüber. „Sie dürfen nicht erschrecken, weil ich so geradezu komme. Es freut mich zu sehr, Sie wiederzusehen.“ Nein, wie das in diesem Hause klang, diese wenigen gedämpften Worte, so rücksichtsvoll, vertraulich. Der Tonfall war fremd geworden, aber die Stimme, die Stimme! Und daß er ihre Schwäche nicht mißdeutete, sondern ihr darüber forthalf! Nach und nach wurde sie wieder dieselbe, wie in alter Zeit, zuversichtlich, fröhlich, verschämt. „Es war so seltsam unerwartet,“ sagte sie.