Er fügte ehrerbietig hinzu: „Das, was inzwischen passiert ist, stürmt ja auf einen ein.“
Viel mehr wurde nicht gesprochen; er hatte gerade bereit gestanden, auszugehen, und nun kam der Schwager. Er betrachtete ihre Jungen draußen im Schneehaufen, er sah ihre Blumen, ihr Klavier, ihre Noten an; dann bat er, wiederkommen zu dürfen. Das Ganze dauerte fünf Minuten.
Aber etwas blieb in ihrer Vorstellung zurück — etwas wie der zierliche blonde Bart, der auf die Seidenweste herab fiel. Das Zimmer war geheiligt, das Klavier, die Noten, der Stuhl, auf dem er gesessen hatte, ja, der Teppich, über den er gegangen war; — sogar in seinem Gang lag Rücksicht für sie. Sie empfand alles, was er gesagt und getan hatte als Mitgefühl für ihr Schicksal.
An diesem Tage konnte sie nichts mehr vornehmen; sie schlief kaum in der Nacht. Aber was in ihr vorging, war auch nichts geringeres, als daß sie etwas, das fünf Jahre — eigentlich sechs — zurücklag, in die Sonne hinaustrug — es hinaustrug, wie man Blumen aus dem Keller holt, wohin sie zum Winterschlaf gestellt worden, und sie wieder hinauf zum Frühling trägt. Dabei machte sie dieselbe Bewegung, gewiß mehr als zwanzigmal: sie legte beide Hände auf die Brust, die eine Handfläche über die andere, wie um die Brust niederzuhalten; es durfte nicht zu laut reden.
Tags darauf ging ihr Gespräch leichter. Die Knaben wurden herein gerufen. Nachdem er sie eine Weile angesehen hatte, sagte er: „Da haben Sie doch etwas Reelles!“
Binnen kurzem waren sie so gute Freunde, er und die Knaben, daß er sich auf alle Viere legte, ihnen als Pferd diente und andere ganz neue Kunststücke machte, die sie furchtbar amüsant fanden. Und dann lud er sie zu einer Schlittenfahrt für den nächsten Tag ein! Nach scharfem Tauwetter war gerade eine ungewöhnliche Menge Schnee gefallen; die Stadt war weiß und die Schlittenbahn wieder vorzüglich. Bevor er ging, mußte Ella bitten, ihn abbürsten zu dürfen; der Teppich sei nicht so sauber gewesen, wie er sein müßte. Er nahm ihr die Bürste ab und tat es selbst; aber leider hatte er auch auf dem Rücken gelegen, und so mußte er sie es tun lassen. Sie bürstete dann sein feines Jackett ab, machte es so nett und leicht, aber es wollte gar nicht gut werden. Auch vorn war es nicht, wie es sein sollte, er mußte die Bürste noch einmal nehmen; sie stand dabei und sah zu. Als er fertig war trug sie die Bürste in die Küche hinaus. „Wie hübsch, daß Sie noch den Zopf haben,“ sagte er hinter ihr. Sie blieb ziemlich lange fort und kam von einer anderen Seite wieder herein. Da war er fort; die Knaben sagten, jemand habe ihn geholt.
Am nächsten Vormittag Schlittenfahrt. Erst am Nachmittag kamen sie zurück; sie waren in Baadshaug eingekehrt, ein Badeort mit Hotel und vorzüglicher Restauration, wohin die Leute auch im Winter gern wallfahrteten. Der jüngste Knabe seiner Schwester war mit, und während alle drei das Pferd zu „Andresens an der Ecke“ nach Hause brachten, blieb Aarö im Gange stehen. Noch nie hatte Ella ihn so aufgeräumt gesehen; die Augen hatten das Leuchtende wie damals beim Gesang, und dann sprach er von dem Augenblick an, wo er kam, bis er wieder ging. Sprach vom norwegischen Winter, den er nie zuvor gesehen; woher mochte das kommen? Seit vielen Jahren hatte er ein Lied zum Preis des Winters auf seinem Repertoire, das alte Winterlied, das auch sie kannte: „Der Sommer schlief ein in des Winters Arm’“ — freilich sie kenne es, — und jetzt erst sollte er lernen, wie wahr das Lied war? Der Eindruck vom Winter auf die Menschen mußte doch entscheidend sein. Der Winter war beinahe ihr halbes Leben! Was für Gesundheit und Schönheit — und Phantasie er geben mußte! Er begann zu schildern, was er heute im Walde gesehen habe; er brauchte nicht viele Worte, aber die Bilder waren klar. Sprach, bis er bewegt wurde und sah sie währenddessen an wie ein Verzückter.
Alles in einem einzigen Augenblick; er hatte ja seinen Reiseanzug an. Aber als er gegangen war, schien es ihr, als hätte sie ihn nie zuvor zu Gesicht bekommen. Ein Schwärmer also, — ein Schwärmer bis in die tiefste Tiefe, der sich für gewöhnlich nie verriet? Von dieser Schwärmerei war das Lied der Bote? Deshalb nahm seine Stimme alle mit in ein anderes Reich hinüber? Sein schwermütiger Vater — wenn der trinken wollte, schloß er sich mit seiner Violine ein, spielte und spielte, bis er da lag. Hatte auch der Sohn diese Scheu vor den Menschen gehabt, diese Verzückung in seiner eigenen Schwärmerei?
Gott sei Dank, Axel Aarö war gerettet! Gerade aus seiner Schwärmerei heraus hatte er sie so angeblickt —! Jetzt erst drang es ein, sie war zu sehr mit dem Neuen an ihm selbst beschäftigt gewesen. Jetzt erst drang es ein, — drang mit großer Wärme ein mit überwältigender Furcht und Wonne, ein Freudenbote, der noch bebte vor Zweifel. Sollte die Bestimmung ihres Lebens nahe sein —! Sie fühlte, daß sie rot wurde, sie konnte nicht mehr ruhig bleiben, sie ging ans Fenster, um ihn dort wieder zu suchen, dann umher, um zu suchen, was sie selbst glauben solle. Jedes Wort von ihm zu ihr, jede Miene und Bewegung vom ersten Mal an, da er hier gewesen, wurden gegenwärtig; aber sie schienen alle so vorsichtig, fast spärlich. Gerade das war ihr Reiz. Seine Augen hatten sie jetzt gedeutet, und diese Augen hüllten Ella ein, sie gab sich ihnen ganz und gar hin.
Das Mädchen reichte einen Brief herein; es war eine Weihnachtskarte in einem Kuvert ohne Aufschrift von Axel Aarö. Eine von den gebräuchlichen Weihnachtskarten, die eine jugendliche Schar auf Schneeschuhen darstellte; darunter stand gedruckt: