An seinem Sterbebett gab ich mir selbst das Versprechen, sobald seine Geschichte einst öffentlich erzählt werden könnte, wollte ich es tun. Aber ich wußte, in dem ersten darauf folgenden Menschenalter konnte dies kaum geschehen.

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Nun hat sich öffentlich vor aller Augen in Norwegen etwas ereignet, das bis zu mir dringt und fragt: Ist die Zeit noch nicht gekommen?[1]

Ivar Bye’s Name war den Meisten bekannt, welche die Eröffnung des norwegischen Theaters in Christiania sahen. Bis in die fünfziger Jahre waren wir künstlerisch ein von Dänemark abhängiges Land; wir waren ohne dramatische Literatur, ohne Schauspieler und, der Ansicht vieler gebildeter Norweger zufolge, absolut unfähig, dies Beides zu erlangen, — bis Ole Bull den Braven zeigte, daß dennoch ein großes Schauspielertalent im Volk steckte, und daß die Stücke von selbst kamen. Nach dem Bergenser norwegischen Theater, das er errichtete, erstand das Christianiaer norwegische Theater, in Gang gebracht von einigen Patrioten, deren einziger überlebender der alte Oberlehrer K. Knudsen[2] ist. Am Eröffnungstag des norwegischen Theaters war Ivar Bye mit dabei. Ein dunkler, breitschultriger Mann von schlanker Taille, einen Kopf so schön von Form, so gut und edel von Gesichtsausdruck, daß keiner ihn vergaß. Die Stirn breit und hoch, das Haar fast schwarz, die Augenbrauen gewölbt, eine Adlernase, schmal, fein, — und dazu die guten, grauen Augen mit einem Schelm drin, sobald er sprach. Dann verzog sich auch der Mund gern zu einem Lächeln, voll von Erotik und erhellt von einem Schimmer herrlicher Zähne in breiter Rundung. Diese grauen Augen und der Mund taten gute Dienste zusammen, machten unablässig Eroberungen unter Männern und Frauen, alten und jungen. Aber im Stillen. Obgleich sein Kopf auf einem recht langen Hals aufrecht getragen wurde, und obschon das Kinn vorspringend war und Mut bekundete und obschon das hagere, bräunliche Antlitz Energie verhieß, — immer kam er gedämpft und rücksichtsvoll.

Zwei Mängel hatte der Körper; er war nicht rund ausgebaut, sondern eher flachgedrückt, und die Kniee waren nicht frei von der Neigung, auseinander zu gehen. Die Meisten sahen das nicht; sie hielten sich an seinen schönen Gang, dessen angenehmen Rhythmus sie empfanden. Nie hat jemand ihn irgendwo im Vordergrund gesehen, wo sie ihn aber zu Gesicht bekamen, da zog er die feineren Naturen an. Und auch die andern fühlten, hier war ein Mann von Rasse.

Und das war er. Aus einer alten norwegischen Beamtenfamilie, in der das Erbe unsrer ältesten Geschlechter steckte, er hieß nicht Bye.

Sein Großvater hatte als Beamter Kassendefraudation begangen, und obwohl die Umstände nicht sonderlich gravierend waren, empfanden es die Kinder als eine solche Schande, daß sie einen andern Namen annahmen. Ivars Vater war zum Offizier bestimmt, ich glaube auch, er war auf der Kriegsschule; aber nach des Vaters Fall mußte er sich damit zufrieden geben, Sergeant zu werden.

Jeder Moldenser Schuljunge aus meiner Zeit erinnert sich an Sergeant Bye, wenn er in der Stadt war .... stets betrunken. Ein mittelgroßer, breit ausgehauener Mann mit großer Adlernase und mit einer gewissen Würde in seinen Bewegungen. Selbst wenn er am allerbetrunkensten war, bewahrte er die. Er konnte nicht gedeihen in der Umgebung, zu der er herabgesunken war, und so schuf sein romantisches Naturell sich manche sonnige Stunde, in denen er den Herrn spielte. Alle rühmten seine Güte und Rechtschaffenheit.