Der Sohn hatte denselben Drang aus dem Bauernleben heraus. Draußen an der Küste ging es damals recht eng und ärmlich zu. Da saß er als Hirte und träumte davon, das Geschlecht zu ehemaliger Herrlichkeit emporzuheben; er erzählte diese großen Träume bloß seiner kleinen Schwester, sonst niemand. Die beiden Geschwister hielten sich ganz für sich.

Der kleine Ivar hatte ein unglaubliches Talent, sie und sich selbst herauszuputzen. „Etwas zu machen aus nichts oder aus einer ungeeigneten Materie,“ wie das religiöse Lehrbuch meiner Zeit „die Schöpfung“ definierte. Zum Lohn für dies Talent wurde, als er älter war, Vaters abgelegte Uniform für ihn gewendet und zugeschnitten, so daß er sich eines Tages in der Stadt in blauem Tuchanzug, mit blauer Mütze zeigen konnte! Das war wohl der höchste Festtag seines Lebens! Er wurde auch gleich um seiner ungewöhnlichen Schönheit willen bewundert. Die Gesellschaft anderer als der Zöglinge der höheren Schule verschmähte er. Er erzählte mir später, wie er lange vergebens darauf brannte, mit in das Spiel der großen, vornehmen Jungens zu kommen. Und es glückte, — dank Einem insbesondere, dem Herrn über alle andern. Die Hingebung und der Stolz des kleinen Jungen kannte keine Grenzen.

Hier hatte er auch seine erste Liebe. Es war kein Mädchen, sondern ein fast erwachsener Kamerad unter denen, die sich seiner angenommen hatten, — schön, verwegen, herrschsüchtig, schon recht lebenserfahren, schon ziemlich verdorben. Aber das verstand Ivar nicht; er bewunderte seine Flottheit, sein Befehlshabertalent, seine herablassende Leutseligkeit, — und vielleicht vor allem seine große Schönheit, seine hohe, schlanke Figur, seine ungewöhnlich weiße Haut zu schwarzem Haar — nicht zu vergessen seine gesellschaftliche Gewandtheit und die Gunstbeweise der Frauen ihm gegenüber; das war für den Knaben etwas ganz Neues. Das war der Herrentyp, das Ideal des Knaben.

Unter all diesen Kameraden war Ivar der kleinste und behendeste, wenn es gefahrvolle Schelmenstreiche galt, z. B. Äpfel und Beeren in den Gärten stehlen und verschwunden sein, wenn der Eigentümer oder andre den Lärm hörten und herbeikamen. Jedesmal, wenn sie etwas derartiges angestellt hatten, wie eine Schnur über den Weg spannen, so daß die Bauern, wenn sie betrunken von der Stadt zurückkehrten, drüber fielen und die Pferde durchgingen, oder wenn sie die Leinen an den Booten der Bauern durchschnitten hatten, so daß sie ins Meer hinaustrieben ... jedesmal, wenn sie etwas derartiges angestellt hatten, ohne entdeckt zu werden, so hielten sie das für „eine Tat“. In Stadt und Umgegend davon reden zu hören, das war ein Jux!

An einem Ende der Stadt lebte eine geizige, zornmütige Witwe, die einen Laden und einen großen Garten besaß; mit diesem Zornbesen lagen sie ganz besonders in Fehde, d. h. sie wußten, wem sie ihren Schabernack spielten; aber die Alte wußte nicht, gegen wen sie Wachen ausstellte, den Hund hetzte, in die dunkeln Herbstabende hinaus schalt und drohte. So lange trieben sie das, bis sie fanden, es sei nötig, noch mehr zu tun. Der Vorschlag des Anführers, daß sie sich eines Abends in den geschlossenen Laden schleichen und ihre Kleingeldkasse (sie wußten, in welcher Schiebelade sie stand) entwenden wollten, fand allgemeine Zustimmung. Das war ein „Hauptulk“; ihr Zorn würde gradezu in „Besessenheit“ ausarten! Der Jüngste und Behendste wurde durchs Kellerfenster hineinkommandiert, die Andern standen Wache.

Aber wie es nun zuging, — der Jüngste und Behendste wurde entdeckt. Und mit einem Mal erhielt die Sache ein Aussehen, wie es keiner der Spaßmacher sich gedacht hatte.

An die Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. Das Ende war, daß er, der den Streich auf Befehl ausgeführt, die Kasse abgeliefert und keinen Vorteil davon gehabt hatte, — der Einzige war, der gefaßt, angeklagt und verurteilt wurde. Die andern waren „guter Leute Kinder“. Es waren auch verschiedene Konfirmierte unter ihnen, für die die Strafe allzu ernst geworden wäre; denn die Gesetze jener Zeit waren streng.

So drangen denn die andern Knaben und deren Eltern mit Bitten und Versprechungen auf ihn ein; der Gefängniswärter gab freien Zutritt. Es wäre gar nicht notwendig gewesen, ihn zu bitten, alles auf sich zu nehmen; er hätte gern sein Leben für die Kameraden gegeben. Besonders für den Großen mit der weißen Haut und dem schwarzen Haar. Es war eine Freude für ihn, als schließlich auch der kam und sagte: „Du sollst es nicht bereuen,“ — und ihm dazu übers Haar strich.

Wohl tat es weh, als Vater und Mutter kamen und ihn gar nicht verstehen konnten. „Er, der immer so lieb und gut gewesen war, — er sollte nun ihre Schande werden!“ Der Knabe weinte bitterlich mit ihnen; aber schwieg.

Und dabei bliebs auch an dem schweren Tag, als er in seinem hübschen blauen Anzug an Bord des Dampfschiffes mußte; er sollte in das Trontheimer Zuchthaus überführt werden, um dort „konfirmiert“ zu werden. Er durfte an der Reeling stehen und nach der Stadt hinüberblicken; er wollte gern aufpassen, ob keiner von denen, für die er die Reise tat, in einem der Boote drunten war. Er durfte an der Reeling stehen, bis das Dampfboot abfuhr. Aber er sah keinen von ihnen.