Es war kurz nach Mitternacht, und sie wollten bei dem Toten wachen, bis der Tag kam. Arne zündete auf dem Herde ein helles Feuer an, die Mutter setzte sich daneben. Und wie sie so dasaß, ging ihr durch den Sinn, wieviele böse Tage sie mit Nils gehabt hatte, und da dankte sie Gott in heißem, inbrünstigem Gebet für das, was er getan. "Ich habe doch aber auch manchen guten Tag gehabt", sagte sie und weinte, als bereue sie ihr Dankgebet, und schließlich war sie so weit, die größte Schuld auf sich zu nehmen, die sie aus Liebe zu dem Toten gegen Gottes Gebot gehandelt hatte, ihrer Mutter ungehorsam gewesen und deshalb durch diese ihre sündige Liebe gestraft worden war.

Arne setzte sich ihr gegenüber. Die Mutter blickte zum Bett hinüber:—"Arne, Du darfst nicht vergessen, daß ich um Deinetwillen das alles erduldet habe", schluchzte sie und hungerte nach einem lieben Wort, das ihr in ihren Selbstanklagen Stütze und ein Trost in der kommenden Zeit sein sollte. Der Junge bebte und konnte nicht antworten. "Du darfst mich nie verlassen", schluchzte sie.—Da wurde ihm mit einem Male klar, was sie in dieser ganzen Zeit des Jammers gewesen war, und wie grenzenlos verlassen sie wäre, wenn er zum Lohn für ihre große Treue jetzt von ihr ginge. "Nie, nie", flüsterte er und wollte hin zu ihr, hatte aber nicht die Kraft dazu. So saßen sie, und ihr heftiges Weinen floß ineinander. Sie betete laut, bald für den Toten, bald für sich und den Jungen, und sie weinten, und sie betete wieder, und dann weinten sie wieder. Dann sagte sie: "Arne, Du hast solch schöne Stimme; setz' Dich zu Deinem Vater und sing ihm was vor."

Und es war, als komme neue Kraft über ihn. Er stand auf und holte das Gesangbuch, zündete einen Kienspan an und setzte sich, den Span in der einen Hand, das Gesangbuch in der andern, ans Kopfende des Bettes und sang mit klarer Stimme den 127. Choral des Kingo:

"Herr, o laß deinen Zorn jetzt fahren,
Wolle die blutige Zuchtrute sparen,
Die deines Grimmes Wucht uns kündigt,
Weil wir gesündigt!"

Fünftes Kapitel

Arne wurde wortkarg und menschenscheu; er hütete das Vieh und machte
Verse. Er ging ins zwanzigste Jahr, und noch immer hütete er das Vieh.
Er lieh sich vom Pfarrer Bücher und las; aber das war auch das einzige,
was er tat.

Der Pfarrer ließ ihn auffordern, die Lehrerstelle anzunehmen, "denn das
Kirchspiel müsse Nutzen aus seinen Fähigkeiten und Kenntnissen ziehen".
Arne antwortete nicht; am andern Tage aber, während er die Schafherde
vor sich her trieb, machte er ein Lied:

Böcklein junges, Lämmlein mein,
Geht's auch oft über Stock und Stein
Hoch auf schroffe Fjelle,—
Folg' du nur brav deiner Schelle!

Böcklein junges, Lämmlein mein,
Halt dein Fell mir hell und rein!
Mutter will vom Böcklein,
Wenn es schneit, sein Röcklein.

Böcklein junges, Lämmlein mein,
Pfleg' mir auch dein Bäuchlein fein!
Siehst nicht, kleiner Töffel,
Mutters Suppenlöffel?