In seinem zwanzigsten Jahr wurde er eines Tages zufällig Zeuge eines Gesprächs zwischen seiner Mutter und der Frau des früheren Hofbesitzers; sie waren im Streit über das Pferd, das ihnen gemeinsam gehörte. "Ich will abwarten, was Arne dazu sagt", meinte seine Mutter. "Ach, der Faulpelz," antwortete die andre, "der möchte wohl, das Pferd triebe sich im Walde 'rum, gerade wie er." Da schwieg die Mutter, so beredt sie vorhin gewesen war.
Arne wurde feuerrot. Daß die Mutter um seinetwillen spöttische Worte hören mußte, hatte er noch nie bedacht, und vielleicht hatte sie schon gar viele hören müssen. Warum hatte sie ihm das nicht gesagt?
Er dachte lange darüber nach, und da fiel ihm ein, daß die Mutter fast nie mit ihm sprach; er aber auch nicht mit ihr. Mit wem sprach er überhaupt?
An manchem Sonntag, wenn er still zu Hause saß, hätte er gern seiner Mutter die Predigt vorgelesen, weil ihre Augen nicht mehr gut waren; sie hatte all ihr Lebtag zu viel geweint. Aber es war nichts draus geworden. Manch liebes Mal hatte er ihr aus seinen eigenen Büchern vorlesen wollen, wenn es so still im Hause war, und er dachte, sie müsse sich langweilen. Aber es war nichts draus geworden.
"Ja, dann ist's nicht anders. Ich lasse das Hüten sein und gehe zu
Mutter hinunter." Er wartete ein paar Tage und befestigte sich in seinem
Entschluß; die Herde ließ er weit in den Wald hineingehen und dichtete
ein Lied:
Im Dorfe, da ist Unruh, im Walde läßt sich's ruhn,
Es pfändet hier kein Amtmann, dort pfänden zweie nun.
Hier dreht nicht um die Kirche wie dort sich steter Zwist;
Doch kommt's vielleicht daher, daß hier noch keine Kirche ist.
Wie ruhig ist's im Walde; nur gründlich rupft allhier
Der Habicht einen Spatzen aus reiner Wißbegier,
Und nur der Adler würgt hier ein arm Geschöpf zu Tod,
Weil arge Langeweile sonst ihn umzubringen droht.
Ein Baum wird umgehauen, beim andern fault der Stamm;
Dem Rotfuchs fiel gen Abend anheim das weiße Lamm.
Der ward vom Wolf zerrissen, und beide wurden zahm;
Denn Arne schoß das Wölflein tot, bevor der Morgen kam.
Soviel kann sich ereignen im Wald und auf der Au;
Da gilt's nur aufzupassen, daß man nichts Falsches schau'.
'nen Burschen, der den Vater erschlug, sah ich im Traum;
Ich weiß nicht wo, doch denk' ich mir, es war im Höllenraum.
Er kam nach Hause und sagte seiner Mutter, sie möge sich im Dorf nach einem andern Hütejungen umsehn; er selbst wolle sich jetzt lieber um den Hof bekümmern. So geschah es; aber seine Mutter kam immer mit Ermahnungen; er solle sich nicht bei der Arbeit überanstrengen. Sie setzte ihm in dieser Zeit auch so gutes Essen vor, daß er oft ganz beschämt war; aber er sagte nichts.