Der Pate war mit Arne sehr gut bekannt und mochte ihn um seiner Lieder willen gern leiden. Jetzt lud er ihn zur Nußernte ein. Arne errötete und machte Ausflüchte; er sei es nicht gewöhnt, mit Frauenzimmern zusammen zu sein, sagte er. "So mußt Du Dich dran gewöhnen", antwortete der Pate.
Arne konnte nachts bei dem Gedanken nicht schlafen; Furcht und Sehnsucht stritten in ihm: aber das Ende vom Lied war: er ging hin und war der einzige Bursch unter all den Frauenzimmern. Er konnte sich eine Enttäuschung nicht verhehlen; das waren nicht solche, wie er sie besungen hatte, auch nicht solche, vor denen er Angst gehabt hatte. Sie machten eine Wirtschaft, wie er sein Lebtag nicht gesehen hatte, und am meisten wunderte er sich darüber, daß sie über nichts und wieder nichts lachen konnten; und wenn drei lachten, dann lachten die andern fünf auch, bloß weil die drei lachten. Alle benahmen sich, als lebten sie Tag für Tag zusammen, und viele hatten sich bis jetzt noch nie gesehen. Wenn sie den Zweig erhaschten, nach dem sie in die Höhe sprangen, lachten sie drüber, und wenn sie ihn nicht erhaschten, lachten sie auch. Sie balgten sich um den Nußhaken; die ihn eroberten, lachten, und die ihn nicht eroberten, lachten auch. Der Pate humpelte am Stock hinter ihnen her und trieb allen möglichen Schabernack mit ihnen. Die er haschte, lachten, weil er sie haschte; und die er nicht haschte, lachten, weil er sie nicht haschte. Alle miteinander aber lachten sie über Arne, weil er solch ein ernstes Gesicht machte, und als er dann lachen mußte, lachten sie, weil er endlich lachte.
Schließlich setzten sie sich auf eine Anhöhe, der Pate in die Mitte und die Mädchen alle um ihn herum. Da hatte man einen weiten Blick; die Sonne stach, aber sie kümmerten sich nicht drum, bewarfen sich mit den Nußschalen und den Hülsen und gaben dem Paten die Kerne. Der Pate versuchte sie zum Schweigen zu bringen und schlug mit seinem Stock um sich, soweit er reichte, denn er wünschte, jetzt solle etwas erzählt werden, etwas recht Lustiges. Aber sie zum Geschichtenerzählen zu bewegen, schien schwieriger zu sein, als einen bergab sausenden Wagen aufzuhalten. Der Pate fing an; manche wollten nichts hören, denn seine Geschichten kannten sie schon; aber schließlich hörte doch alles zu. Und ehe sie sich's versahen, waren sie mitten drin im besten Erzählen. Da wunderte sich Arne wieder über eins: so lebhaft sie vorhin gewesen waren, so ernst waren jetzt ihre Geschichten. Sie handelten meistens von Liebe.
"Aber Du, Aase, kennst eine hübsche; das weiß ich noch vom vorigen Jahr", sagte der Pate und wandte sich an ein stattliches Mädel mit einem gutmütigen, rundlichen Gesicht; sie saß und flocht ihrer jüngeren Schwester, die den Kopf in ihren Schoß gelegt hatte, das Haar. "Die kennen aber wohl viele", antwortete sie. "Erzähl' sie doch", baten alle. "Ich will mich nicht lange nötigen lassen", sagte sie und erzählte und sang, während sie immer weiter flocht:
"Es war einmal ein Bursch, der hütete das Vieh, und er trieb die Herde am liebsten an einem breiten Fluß entlang. Wenn er höher hinaufkam, war da ein Felsen, der soweit in den Fluß hinausragte, daß der Bursch nach der andern Seite hinüberrufen konnte. Denn drüben auf der andern Seite war ein Hirtenmädchen, das er den ganzen Tag über vor Augen hatte, ohne zu ihr kommen zu können.
Dei' Blas'n, des geht mir
Ganz sakrisch in's Bluet.
Geh, Deandl, wie hoaßt denn?
Du g'fallst mer so guet!
Ein paar Tage lang wiederholte er dieselbe Frage und schließlich bekam er Antwort:
Mit der Liab' in dein' Herz'n
Und dein' Bockshuet a'm Kopf—
Schwimm 'rüber, wenns d'Schneid hast,
Du damischer Tropf!
Da war der Bursch so klug wie vorher und nahm sich vor, sich nicht weiter um sie zu kümmern. Das ging aber nicht so einfach; denn er mochte die Herde treiben, wohin er wollte, immer zog es ihn wieder zum Felsen hin. Da wurde dem Burschen bange, und er rief:
Wo hat denn dei' Vota
Sei' Hütt'n hi'baut,
Daß koaner am Kirchgang
Di nie net derschaut?