Was sind all die andern wohl gegen sie,
Wohl gegen sie,
Die immer du suchst und findest sie nie,
Findest sie nie!
Fünfzehntes Kapitel
Es war ein Sonntagabend Anfang des Sommers; der Pfarrer war aus der Kirche nach Hause gekommen, und Margit hatte bis gegen sieben Uhr bei ihm gesessen. Da verabschiedete sie sich und eilte die Treppe hinunter auf den Hof hinaus, denn dort war eben Eli Böen in Sicht gekommen, die solange mit dem Sohn des Pfarrers und ihrem eignen Bruder gespielt hatte.
"Guten Abend!" sagte Margit, indem sie stehen blieb, "und Grüß Gott!"—"Guten Abend!" sagte Eli, sie war feuerrot und wollte das Spiel einstellen, obwohl die Jungens sie bestürmten; aber sie bat sehr herzlich und war für diesen Abend entlassen.—"Mir ist, ich müßte Dich kennen", sagte Margit.—"Das ist wohl möglich", sagte die andre.—"Du kannst doch nicht die Eli Böen sein?"—Doch, die sei sie.—"Nein, aber so was!—Also die Eli Böen bist Du! Ja, jetzt sehe ich es auch,—Du bist Deiner Mutter ähnlich." Elis rötlichbraunes Haar war aufgegangen, daß es lang und lose herunterhing; ihr Gesicht war so heiß und rot wie eine Erdbeere, ihre Brust hob und senkte sich, sie konnte kaum sprechen und lachte, weil sie so außer Atem war.—"Ach ja, das gehört zur Jugend",—Margit freute sich an ihr. "Du kennst mich wohl nicht?" Eli hatte schon fragen wollen, hatte sich aber nicht getraut, weil die andere älter war; jetzt sagte sie, sie könne sich nicht erinnern, sie schon gesehen zu haben.——"O nein, das ist auch sehr unwahrscheinlich; alte Leute kommen selten aus ihrem Bau.—Vielleicht kennst Du aber meinen Sohn, den Arne Kampen; ich bin seine Mutter", sie schaute Eli an, die auf einmal ganz verändert war.—"Ich glaub' beinah, er hat einmal in Böen gearbeitet?"—Ja, das habe er.—"Es ist solch schönes Wetter heut abend; wir haben den Tag über geheut und eingefahren, bis ich weggegangen bin; es ist ein gottgesegnetes Wetter."—"Es gibt sicher ein gutes Heujahr", meinte Eli.—"Ja, das darf man wohl sagen;—in Böen ist es auch wohl gut?"—"Da ist schon alles fertig."—"Natürlich, ja; viel Hilfe und tüchtige Leute.—Mußt Du heut abend nach Hause?"—Nein, sie brauche nicht. Sie sprachen über dies und jenes und wurden schließlich so bekannt, daß Margit die Frage wagen konnte, ob Eli ein Stück mitgehen wolle. "Könntest Du mich wohl ein paar Schritte begleiten?" sagte sie; "ich treffe so selten jemand, mit dem ich ein Wort reden kann, und Dir geht es wohl ebenso?"—Eli entschuldigte sich, sie habe keine Jacke an.—"Na ja, ich sollte mich auch schämen, einen Menschen drum zu bitten, den ich zum erstenmal sehe; aber mit alten Leuten muß man es nicht so genau nehmen."—Eli sagte, sie würde gern mitkommen, aber sie müsse sich erst ihre Jacke holen. Es war eine enganschließende Jacke. Wenn sie zugehakt war, sah sie wie ein Leibchen aus; jetzt machte sie aber bloß die beiden untersten Haken zu; ihr war so warm. Das feine Leinenhemd hatte einen kleinen, überfallenden Kragen, der am Halse von einem silbernen Knopf in Gestalt eines Vogels mit ausgebreiteten Schwingen zusammengehalten wurde. So einen hatte Schneider Nils getragen, als Margit zum erstenmal mit ihm getanzt hatte.—"Ein schöner Knopf", sagte sie und besah ihn.—"Ich habe ihn von Mutter", sagte Eli.—"Das hast Du wohl", und sie half ihr beim Anziehen.
Jetzt schritten sie den Weg entlang. Das Heu war gemäht und stand in Hocken, Margit griff in die Hocken hinein, roch dran und fand, es sei schönes Heu. Sie fragte nach dem Vieh hier auf dem Hof, dann nach dem in Böen und erzählte schließlich, wieviel sie auf Kampen hätten. "Die Wirtschaft ist in den letzten Jahren tüchtig vorwärts gekommen, und sie läßt sich vergrößern, soviel man will. Sie ernährt jetzt zwölf Milchkühe und könnte noch mehr ernähren; aber Arne hat soviel Bücher, in denen er liest, und nach denen er alles einrichtet, darum will er sie so großartig gefüttert haben." Eli sagte, wie zu erwarten war, zu all dem nichts; Margit aber fragte sie, wie alt sie sei. Sie sei neunzehn Jahr. "Legst Du manchmal im Hause mit Hand an? Du siehst so fein aus, damit ist's wohl nicht viel geworden."—O doch, sie habe bei mancherlei geholfen, besonders in letzter Zeit.—"Ja, es ist gut, wenn einer an alles gewöhnt ist; wenn man selbst mal eine große Wirtschaft bekommt, tut's not. Aber natürlich, wenn einer tüchtige Hilfe hat, ist's nicht so schlimm."—Eli wollte umkehren, denn sie waren längst am Pfarracker vorbei. "Es ist noch lange hin, bis die Sonne untergeht;—es wäre nett von Dir, wenn Du noch ein bißchen mit mir plaudern wolltest",—und Eli ging mit.
Nun fing Margit von Arne zu reden an. "Ich weiß nicht, ob Du ihn genauer kennst. Der kann Dir über alles Bescheid sagen; Herrgott, was hat der nicht alles gelesen!" Eli gab zu, sie wisse, daß er viel gelesen habe. "Na ja, aber das ist noch das wenigste; doch wie er sein ganzes Leben lang zu seiner Mutter gewesen ist, das ist mehr. Wenn es wahr ist, was das Sprichwort sagt, daß einer, der gut zu seiner Mutter war, auch gut zu seiner Frau ist, dann wird die, die er erwählt, sich nicht zu beklagen haben.—Wonach siehst Du, Kind?"—"Mir ist bloß ein kleiner Zweig weg, den ich in der Hand hatte."—Sie verstummten beide und gingen weiter, ohne sich anzusehen. "Er ist so eigentümlich", sagte die Mutter wieder; "er ist als Kind so eingeschüchtert worden, und da hat er sich dran gewöhnt, alles mit sich allein abzumachen, und die Art Leute können sich nicht so frei geben."—Jetzt wollte Eli wirklich umkehren, aber Margit meinte, es sei nur noch ein kleines Stück bis Kampen, und Kampen müsse sie sehen, wo sie nun doch einmal hier sei. Eli aber sagte, es sei heute schon zu spät. "Es ist immer jemand da, der Dich nach Hause begleitet", sagte Margit. "Nein, nein", antwortete Eli rasch und wollte weg. "Der Arne freilich ist nicht zu Hause," sagte Margit, "er kann's also nicht; aber es sind genug andere da", und Eli hatte jetzt weniger dagegen; sie wollte doch Kampen gern sehen, "wenn es bloß nicht zu spät wird."—"Ja, wenn wir hier lange stehen und drüber reden, dann mag es wohl zu spät werden",—und sie gingen. "Du hast auch wohl viel gelernt, wo Du doch beim Herrn Pfarrer aufgewachsen bist?" Ja, das habe sie. "Das wird Dir gut zustatten kommen," meinte Margit, "wenn Du mal einen bekommst, der weniger kann."—Nein, meinte Eli, solchen möchte sie nicht. "Nun ja, es ist ja auch vielleicht nicht das beste, aber hier im Dorf haben die Leute wenig Bildung."—Eli fragte, was da hinten im Walde rauche. "Das kommt von dem neuen Pächterhaus, das zu Kampen gehört. Da wohnt der Knut vom Oberland. Er war immer so allein, und da hat Arne ihm den Platz gegeben, daß er ihn urbar mache. Er weiß, was es heißt, allein zu sein, der arme Arne." Nach einer Weile waren sie hoch genug, um das Gehöft sehen zu können. Die Sonne schien ihnen gerade ins Gesicht; sie beschatteten die Augen und schauten hin. Mitten drin lag das rotgestrichene Haus mit den weißen Fensterrahmen; ringsum die Wiesen waren gemäht, hier und da stand das Heu noch in Hocken; die Äcker standen grün und üppig mitten in der hellen Wiese; bei den Ställen war großes Leben: Kühe, Schafe und Ziegen kamen gerade nach Hause, ihre Glocken bimmelten, die Hunde bellten, die Kuhmagd rief; alles aber übertönte mit seinem furchtbaren Getöse der Wasserfall am Kampenschlund. Je länger Eli hinschaute, desto mehr hörte sie bloß diesen Ton, und er wurde ihr schließlich so grauenvoll, daß sie Herzklopfen bekam; in ihrem Kopf sauste und brauste es,—es wurde ihr ganz wirr und doch wieder so weich und warm, daß sie unwillkürlich behutsam auftrat und kleine Schritte machte; Margit mußte sie bitten, ein bißchen schneller zu gehen. Sie schrak zusammen; "ich habe noch nie etwas Ähnliches gehört wie diesen Wasserfall", sagte sie; "ich bekomme beinah Angst."—"Daran gewöhnst Du Dich schnell," sagte die Mutter, "schließlich würde er Dir sogar fehlen."—"Meinst Du wirklich?" fragte Eli.—"Ja, das sollst Du sehen", sagte Margit und lächelte.
"Komm, jetzt wollen wir uns erst das Vieh ansehen", sagte sie, während sie vom Weg abbog; "diese Bäume hier zu beiden Seiten hat Nils gepflanzt.—Nils wollte gern alles recht schön haben;—Arne auch; Du sollst mal den Garten sehen, den er angelegt hat."—"Nein, wie schön!" rief Eli und lief an den Zaun. Sie hatte Kampen schon öfter gesehen, aber nie so in der Nähe, und daher auch noch nie den Garten.—"Den wollen wir uns nachher ansehen", sagte Margit.—Eli blickte flüchtig durch die Scheiben, als sie am Hause vorbeigingen; es war niemand drin.
Sie stellten sich nun beide auf die Scheunenbrücke und besahen die Kühe, wie sie brüllend an ihnen vorbei in den Stall zogen. Margit nannte Eli die Namen alle, erzählte ihr, wieviel Milch jede gebe, welche trächtig seien und welche nicht. Die Schafe wurden gezählt und in den Stall gelassen; es war eine große fremde Rasse; Arne hatte sich zwei Lämmer aus dem Süden kommen lassen. "Mit all so was beschäftigt er sich, wenn man es ihm auch gar nicht zutraut."—Sie gingen jetzt in die Scheune, besahen das eingefahrene Heu, und Eli mußte daran riechen,—"denn solches Heu gibt es nicht überall". Sie zeigte durch die Scheunenluke hinaus auf die Äcker und erklärte, was auf jedem stand, und wieviel von jeder Sorte gesät war.—Sie gingen hinaus und auf das Haus zu; aber Eli, die auf all das andre nicht geantwortet hatte, bat jetzt, als sie an dem Garten vorbeigingen, ob sie nicht hinein dürfe. Und als ihr das erlaubt war, bat sie, eine Blume oder zwei pflücken zu dürfen. Hinten in der Ecke stand eine kleine Bank: auf die setzte sie sich, wie um sie auszuprobieren, denn sie stand gleich wieder auf.
"Wir müssen uns jetzt beeilen, wenn es nicht zu spät werden soll", sagte Margit, die in der Pforte stand. Und nun gingen sie ins Haus. Margit fragte, ob sie ihr nicht etwas anbieten dürfe, wo sie zum erstenmal da sei; Eli aber wurde rot und sagte kurz: danke. Sie schaute sich nun nach allen Seiten um; die Fenster gingen auf den Weg hinaus; hier hielten sie sich den Tag über auf; die Stube war nicht groß, aber gemütlich, mit Wanduhr und Kachelofen. Dort hing Nils' Geige, alt und dunkel, aber mit neuen Saiten. Hier hingen ein paar Flinten, die Arne gehörten, englische Angelruten und andre seltsame Sachen, die die Mutter herunterholte und zeigte; Eli besah und befühlte sie. Die Stube war nicht gemalt, denn das mochte Arne nicht, auch die andere Stube nicht, die auf die Kampenschlucht mit den frischgrünen Bergen geradeüber und den blauen Höhen im Hintergrunde hinausging; diese Stube, die wie die eine ganze Hälfte des Hauses später angebaut war, war größer und schöner; die beiden kleineren Stuben in dem Flügel aber hatten Malerei, denn da sollte die Mutter wohnen, wenn sie alt würde,—und er eine Frau im Hause habe. Sie gingen in die Küche, in die Vorratskammer, in den Holzschuppen; Eli sagte kein Wort,—sie besah sich alles gewissermaßen aus der Entfernung; nur wenn Margit ihr irgend etwas hinhielt, faßte sie es an, aber auch nur ganz zaghaft. Margit, die in einemfort schwatzte, führte sie jetzt wieder auf die Diele; sie wollten nach oben und den Boden besichtigen.
Auch hier waren gut eingerichtete Zimmer, die den Stuben im unteren Stockwerk entsprachen, aber sie waren neu und noch nicht in Benutzung genommen außer einem, das auf die Kampenschlucht hinausging. In diesen Zimmern hing und stand aller möglicher Hausrat, der in der täglichen Wirtschaft nicht gebraucht wurde. Hier hingen ein gut Teil fertig genähter Felldecken sowie anderes Bettzeug; die Mutter befühlte sie und hob sie hoch, Eli mußte es manchmal auch tun; es war aber, als habe sie jetzt etwas mehr Mut bekommen, vielleicht hatte sie auch mehr Freude an diesen Dingen; denn auf einzelne Sachen kam sie zurück, fragte und wurde immer vergnügter. Da sagte die Mutter: "Jetzt, zuletzt wollen wir in Arnes Zimmer", und sie gingen in das Zimmer, das nach der Kampenschlucht hinauslag. Das fürchterliche Getöse des Wasserfalls schlug ihnen wieder entgegen, denn das Fenster war offen. Hier stand man höher, hier konnte man den Gischt des Wasserfalls zwischen den Felsen aufsprühen sehen, nicht aber den Wasserfall selbst, oder doch nur weiter oben, wo ein Felsblock abgestürzt war, gerade an der Stelle, wo er mit aller Macht sich zu dem letzten Sprung in die Tiefe anschickte. Frischer Rasen deckte die obere Fläche des Felsblockes, ein paar Kieferzapfen hatten sich hineingebohrt und in den Felsritzen Wurzel gefaßt. Der Wind hatte die Bäume gerüttelt und geschüttelt, der Wasserfall hatte sie bespült, so daß vier Ellen hoch von der Wurzel keine Zweige waren, sie waren aufs Knie gesunken, und ihre Äste krümmten sich, aber sie standen fest und schossen hoch auf zwischen den Felswänden. Das war das erste, was Eli vom Fenster aus sah, und dann die blendend weißen Schneefirnen hoch über dem Grün. Ihre Augen schweiften hinunter: auf den Feldern war Frieden und Fruchtbarkeit, und jetzt endlich sah sie sich in dem Zimmer um, wo sie stand; der Wasserfall hatte es bisher nicht zugelassen.