Wie war es hier still und fein gegen draußen! Sie sah keine Einzelheiten, weil eins sich in das andere einfügte und das meiste ihr neu war; denn Arne hatte seine ganze Liebe auf dieses Zimmer verwandt, und so dürftig es war, auch in den kleinsten Dingen zeigte sich Kunstverständnis. Ihr war's, als klängen seine Lieder um sie her oder als lächele er selbst sie aus jedem Gegenstand an. Das erste, was sie fesselte, war ein großes, breites, schön geschnitztes Bücherbrett. Da standen soviele Bücher, daß der Herr Pfarrer selbst ja wohl nicht mehr haben konnte. Das nächste war ein schöner Schrank. Darin habe er viele schöne Sachen, sagte die Mutter; da habe er auch sein Geld drin, fügte sie flüsternd hinzu. Zweimal hätten sie geerbt, sagte sie nachher; sie würden noch einmal etwas erben, wenn alles nach Wunsch ginge. "Aber Geld ist nicht das beste auf der Welt; er kann etwas kriegen, was noch besser ist."—Es waren gar manche Kleinigkeiten in dem Zimmer, die ergötzlich anzuschauen waren, und Eli besah sie sich alle wie ein fröhliches Kind. Margit klopfte ihr auf die Schulter: "Ich sehe Dich heute zum erstenmal, Kind, aber ich habe Dich schon so liebgewonnen", sagte sie und sah ihr treuherzig in die Augen. Ehe Eli noch Zeit hatte, verlegen zu werden, zupfte Margit sie am Kleid und sagte ganz leise: "Siehst Du die kleine rote Truhe da?—da ist was Feines drin, kannst Du glauben."——Eli sah hin, es war eine kleine, viereckige Truhe, die sie für ihr Leben gern hätte haben mögen. "Ich darf eigentlich nicht wissen, was in der Truhe ist," flüsterte die Mutter, "und er zieht jedesmal den Schlüssel ab"; sie ging nach der Wand, wo einige Kleidungsstücke hingen, nahm eine Samtweste herunter, suchte in der Uhrtasche und fand wirklich den Schlüssel. "Jetzt sollst Du mal sehen", flüsterte sie. Eli fand es nicht ganz recht, was die Mutter da tat; aber Frauen sind Frauen, und beide gingen ganz leise auf die Truhe zu und knieten davor nieder. Als die Mutter den Deckel aufklappte, schlug ihnen ein Duft daraus entgegen, daß Eli die Hände zusammenschlug, noch ehe sie ein Stück gesehen hatte. Oben drüber war ein Taschentuch gebreitet, das nahm die Mutter weg; "nun sollst Du mal sehen!" flüsterte sie und holte ein schönes, schwarzseidenes Tuch heraus, so eins, wie Männer nicht tragen. "Das ist wie für ein Mädchen gemacht", sagte die Mutter. "Hier ist noch eins", sagte sie dann; Eli befühlte es, sie konnte es nicht lassen; die Mutter wollte es ihr aber auch noch umlegen, obwohl Eli es nicht mochte und den Kopf abwandte. Die Mutter legte es sorglich wieder zusammen. "Jetzt sollst Du mal sehen", sagte sie dann und holte ein paar schöne Atlasbänder heraus; "alles ist doch wie für ein Mädchen." Eli wurde feuerrot, gab aber keinen Laut von sich; ihr Busen wogte, und ihre Augen gingen scheu zur Seite; sonst rührte sie sich nicht. "Hier ist noch mehr!" Die Mutter holte schönen schwarzen Kleiderstoff heraus;—"der ist aber fein", sagte sie und hielt ihn gegen das Licht. Eli zitterte die Hand ein bißchen, als die Mutter sie bat, ihn mal anzufühlen; sie merkte, wie ihr das Blut zu Kopf stieg, sie hätte sich gern abgewandt, aber es ging nicht an. "Er hat jedesmal in der Stadt etwas gekauft", sagte die Mutter. Eli konnte sich kaum noch halten; ihre Augen schweiften von einem Stück in der Truhe zum andern und dann wieder zurück auf den Kleiderstoff; im Grunde sah sie überhaupt nichts mehr. Die Mutter aber ließ nicht nach, und der letzte Gegenstand, den sie herausholte, war in Papier gewickelt; sie wickelte einen Bogen nach dem andern aus; das war nun wieder spannend; und Eli wurde sehr neugierig; es waren ein Paar kleine Schuhe. Etwas so Hübsches hatten sie beide ihr Lebtag nicht gesehen; die Mutter meinte, so etwas könne doch gar nicht gemacht werden, Eli sagte kein Wort; aber als sie die Schuhe anfaßte, drückten sich ihre fünf Finger darauf ab; sie wurde so verlegen, daß sie dem Weinen nahe war; sie wäre am liebsten gegangen; aber sie wagte nicht zu sprechen, wagte auch nicht die Mutter anzusehen. Die hatte aber genug mit sich zu tun. "Sieht es nicht genau aus, als habe er das alles nach und nach für eine gekauft, der er sich's nicht zu geben getraut hat?" sagte sie und packte alles genau so wieder ein, wie es gelegen hatte; sie mußte schon Übung darin haben. "Jetzt wollen wir mal sehen, was hier in der Schublade ist!" Sie öffnete sie so behutsam, als würden sie etwas besonders Schönes zu sehen bekommen. Da lag eine breite Schnalle wie für einen Gürtel; die zeigte sie Eli zuerst; dann zeigte sie ihr ein paar zusammengebundene goldene Ringe, und dann sah sie ein Gesangbuch mit silberbeschlagenem Samtdeckel, aber dann sah sie auch gar nichts mehr, denn auf dem Silberbeschlag des Gesangbuchs war mit feiner Schrift eingraviert: "Eli, Tochter von Baard Böen."——Die Mutter wollte gern, daß sie es sähe, bekam aber keine Antwort und sah nur eine Träne nach der andern auf das Seidenzeug fallen und darüber hinrinnen. Schnell legte die Mutter die Brosche hin, die sie in der Hand hatte, machte die Schublade zu und zog Eli in ihre Arme. Da weinte die Tochter an ihrem Herzen, und die Mutter weinte mit ihr, ohne daß einer von ihnen noch ein Wort gesprochen hätte.

* * * * *

Eine Weile drauf ging Eli allein in den Garten; die Mutter mußte in die Küche, um etwas Gutes herzurichten, denn jetzt kam Arne bald. Später ging sie hinaus und sah sich im Garten nach Eli um; die kauerte da am Boden und schrieb in den Sand. Sie wischte es aus, als Margit kam, blickte auf und lächelte; sie hatte geweint.—"Dabei ist nichts zu weinen, Kind", sagte Margit und streichelte sie. Sie sahen oben am Wege etwas Schwarzes hinter den Büschen. Eli schlich sich ins Haus, die Mutter hinterher. Drinnen war gewaltig aufgetischt: Rahmbrei, Rauchfleisch und Kringel; Eli sah aber gar nicht hin; sie setzte sich dicht an die Wand auf einen Stuhl in der Ecke neben der Uhr und zitterte, sowie sich nur eine Katze rührte. Die Mutter stand am Tisch. Feste Schritte ertönten auf den Steinfliesen, ein kurzer, leichter auf der Diele, leise wurde die Tür aufgemacht und Arne trat ein. Das erste, was er sah, war Eli in der Ecke neben der Uhr; er ließ die Tür los und blieb stehen. Das machte Eli noch verlegener; sie stand auf, bereute es aber gleich und drehte sich nach der Wand um.—"Du bist hier?" sagte Arne leise und wurde glühend rot bei dieser Frage.—Sie hob die Hand hoch und hielt sie sich vor die Augen, als wenn die Sonne zu grell hineinfällt. "Wie—?" er sprach nicht zu Ende, sondern trat einen Schritt oder auch zwei auf sie zu; da ließ sie die Hand wieder sinken und wandte sich ihm zu, neigte aber den Kopf und brach in Tränen aus.—"Gott segne Dich, Eli!" sagte er und umschlang sie; sie lehnte sich an ihn. Er flüsterte etwas zu ihr hinunter, sie antwortete nicht, legte aber beide Arme um seinen Hals.

Lange standen sie so; kein Laut war zu hören außer der ewigen Mahnung des Wasserfalls. Da klang ein Schluchzen vom Tisch her, Arne blickte auf, es war die Mutter; er hatte sie bis dahin nicht gesehen. "Jetzt bin ich unbesorgt, daß Du mich nicht verläßt, Arne", sagte sie und kam auf ihn zu. Sie weinte sehr, aber es tue ihr gut, sagte sie.

* * * * *

Als sie in der hellen Sommernacht nach Hause gingen, konnten sie in ihrer jungen Seligkeit nicht viel sprechen. Sie ließen die Natur für sich reden, wie sie still und licht und groß vor ihnen lag. Auf dem Heimweg aber von dieser ersten Sommernachtwanderung, der erwachenden Sonne entgegen, ging er und legte den Grund zu einem Liede, das zu formen er jetzt freilich nicht die Muße hatte, das aber später, als es fertig war, auf lange Zeit sein Lieblingslied wurde. Es lautete so:

Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das kam', wenn ich fort aus dem Tal.
Hab' mich und alles vergessen,—
Aufs Wandern nur war ich versessen.
Da sah mir ein Mädchen ins Auge hinein,
Und ließ mir die Ferne verschwinden:
Jetzt schien mir des Lebens Krone zu sein,
Mit ihr den Frieden zu finden.

Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das kam', wenn ich fort aus dem Tal.
Mich trieb's, in der Geister Sphären
Die junge Kraft zu bewähren.
Sie lehrte mich, eh noch ein Wort ihr entfiel,
Es sei das Höchste auf Erden,
Nicht Ruhm und Größe zu suchen als Ziel,
Nein, richtig ein Mensch zu werden.

Ich dachte, was Großes würd' ich einmal;
Ich dachte, das käm', wenn ich fort aus dem Tal.
Ich fror in der Heimat, ich dachte,
Daß man mich verkenn' und verachte.
Als sie mir genaht, da schien mir, es ward
Mir rings mit Liebe begegnet;
Ich war es allein, auf den sie geharrt,
Und neu war das Leben gesegnet.

Noch manche Sommernachtwanderung folgte und manches Lied hinterher. Eins davon mag noch aufgezeichnet werden: