In dem Felsen jenseits der Höfe war eine Kluft; von da führte der Weg zu den Heidehofalmen, großen, grasreichen Hochebenen. Oben in der Kluft stand heut ein Mann und hielt Umschau, als warte er auf jemand. Hinter ihm war ein kleiner Bergsee, wo der Bach entsprang, der die Kluft in den Felsen gegraben hatte; um diesen See herum führten zu beiden Seiten die Viehsteige nach den Almen hinüber, die man in der Ferne sehen konnte. Jodeln und Gekläff klang zu ihm hin, die Kuhglocken läuteten auf den Höhen; denn die Kühe rasten umher und wollten Wasser, und Hunde und Hirten versuchten vergeblich, sie zusammenzutreiben. Die Kühe machten die wunderlichsten Grimassen und Sprünge und liefen mit kurzem, wütendem Gebrüll und hocherhobenem Schweif gerade in den See hinein; da blieben sie stehen; ihre Glocken läuteten bei jeder Kopfbewegung über den See hin. Die Hunde tranken auch, aber sie blieben am Lande stehen, und die Hirten kamen hinterdrein und setzten sich auf den warmen glatten Felsen. Da holten sie ihr Vesperbrot heraus, tauschten es gegenseitig aus, prahlten mit ihren Hunden, ihren Ochsen und ihrer Herrschaft, zogen sich dann aus und sprangen zu den Kühen ins Wasser. Die Hunde wollten nicht mit; sie schlichen träge umher mit hängendem Kopf und brennenden Augen, und die Zunge hing ihnen aus der Schnauze. Rings auf den Hängen war kein Vogel zu sehen, kein Laut zu hören außer dem Geplauder der Mägde und dem Läuten der Glocken; das Gras war verdorrt und versengt; die Sonne brannte auf die Halden, daß alles in der Hitze erstickte.
Öyvind war's, der da oben in der Mittagssonne saß und wartete. Er saß in Hemdärmeln dicht am Bach, der aus dem See herauskam. Noch immer war auf dem ganzen Heidehof keiner zu sehen, und allmählich wurde ihm ängstlich zumute; da kam plötzlich ein großer Hund schwerfällig auf Nordistuen aus einer Tür, und hinter ihm ein Mädchen in Hemdärmeln. Sie lief über die Wiesen den Berg hinan; er hatte große Lust, ihr zuzujauchzen, aber er wagte es nicht. Er behielt aufmerksam den Hof im Auge, ob auch keiner komme und sie sehe, aber schon war sie in Sicherheit, und er sprang ein paarmal ungeduldig auf.
Dann war sie endlich mühsam am Bach heraufgeklommen, der Hund dicht vor ihr schnupperte in der Luft; sie hielt sich am Gebüsch fest, aber ihre Schritte wurden immer müder. Öyvind lief ihr entgegen, der Hund knurrte, wurde aber gleich zum Schweigen gebracht; als Margit ihn kommen sah, setzte sie sich rot wie Blut, müde und abgespannt von der Hitze auf einen großen Stein. Er schwang sich auf den Stein neben sie. "Ich danke Dir, daß Du kommst."—"Aber die Hitze und dieser Weg! Hast Du lange gewartet?"—"Nein! Wenn man uns abends aufpaßt, müssen wir eben die Mittagsstunde ausnutzen. Aber ich denke, fortan brauchen wir nicht mehr so heimlich und umständlich zu verfahren; ich wollte mit Dir darüber reden."—"Nicht heimlich?"—"Ich weiß ja, Dir gefällt gerade das Heimliche am besten; aber Mut magst Du doch auch zeigen. Ich habe heute viel mit Dir zu besprechen, und Du mußt gut zuhören."—"Ist es wahr, daß Du Amtsagronom werden willst?"—"Ja, und ich werde es auch erreichen. Ich habe dabei eine doppelte Absicht, erstens die, eine Stellung zu bekommen, außerdem aber und vor allen Dingen, etwas zu erreichen, was Deinem Großvater auffallen muß. Es trifft sich so glücklich, daß die meisten Bauern hier auf den Heidehöfen junge Leute sind, die Verbesserungen einführen möchten und dazu Hilfe brauchen; Geld haben sie auch. Da fange ich an; ich bringe alles in Ordnung, von ihren Kuhställen an bis zu ihren Wasserleitungen; ich werde Vorträge halten und arbeiten und den Alten sozusagen durch gute Taten bekehren."—"Das ist fein; weiter, Öyvind!"—"Ja, das andere betrifft uns beide. Du darfst nicht fort."—"Wenn er es aber befiehlt?"—"Und nichts mehr verheimlichen was uns beide angeht."—"Und wenn er mich quält?"—"Wir erreichen nämlich mehr und können uns besser schützen, wenn wir alles öffentlich tun. Wir wollen gerade vor aller Leute Augen zusammen sein, damit sie davon reden, wie lieb wir uns haben; um so eher wünschen sie, daß es uns gut geht. Du darfst nicht fort. Es ist immer eine Gefahr in der Trennung, und es kann allerhand Klatsch dazwischen kommen. Im ersten Jahr glaubt man's nicht, aber nachher im zweiten leuchtet es einem so allmählich ein. Wir beide wollen uns einmal in der Woche treffen und alles Böse hinweglachen, das man zwischen uns säen will; wir treffen uns auch beim Tanz und treten den Takt, daß es nur so klappt, während alle unsere Verleumder um uns herumsitzen. Wir treffen uns in der Kirche und nicken uns zu, daß auch die es sehen, die uns hundert Meilen auseinander haben möchten. Macht einer einen Vers auf uns, dann setzen wir uns hin und versuchen, eine Antwort drauf zu machen; das wird schon gehen, wenn wir uns gegenseitig helfen. Keiner kann uns was anhaben, wenn wir zusammenhalten und den Leuten auch zeigen, daß wir es tun. Unglücklich in der Liebe können bloß die furchtsamen Leute sein oder die Schwachen und Kranken und die Berechnenden, die immer auf eine bestimmte Gelegenheit warten, oder die Schlauen, die schließlich sich an ihrer eigenen Schlauheit verbrennen, oder die Sinnlichen, die sich nicht so lieb haben, daß sie Stand oder Unterschied darüber vergessen,—die verkriechen sich, schreiben Briefe, beben bei jedem Wort und am Ende halten sie diese Angst, diese beständige Unruhe und das Prickeln im Blut für Liebe, fühlen sich unglücklich und zergehen wie Zucker. Pah, wenn die sich richtig lieb hätten, so hätten sie eben keine Angst; dann würden sie lachen und, offen in jedem Lächeln und jedem Wort, geradenwegs auf die Kirchtür zugehen. Ich habe darüber in den Büchern gelesen und habe es selbst mit angesehen: mit der Liebe, die auf Schleichwegen geht, ist's jämmerlich bestellt. Die Liebe muß in Heimlichkeit beginnen, weil sie in Scheu beginnt,—aber leben muß sie in Offenheit, weil sie in Freude lebt. Das ist wie beim jungen Laub. Was wachsen will, das kann sich auch nicht verbergen, und immer wirst Du bemerken, daß alles Dürre am Baum in derselben Stunde abfällt, da das Laub knospen und keimen will. Einer, über den die Liebe kommt, wirft alles hin, was er an altem toten Kram noch festhielt; die Säfte schwellen und treiben, und das sollte man nicht merken? Hei, Mädel, die sollen sich mitfreuen, wenn sie uns fröhlich sehen. Zwei Brautleute, die sich treu bleiben, sind eine Wohltat für das Volk, denn sie schenken ihm ein Gedicht, das ihre Kinder zur Schande der ungläubigen Eltern auswendig lernen. Ich habe von vielen solchen Gedichten gelesen; auch hier im Gau leben welche im Volksmund, und eben die Kinder derer, die einst alles Schlimme verschuldet haben, erzählen jetzt davon und weinen darüber. Ja, Margit, jetzt wollen wir uns die Hand geben,—so, ja, und dann wollen wir uns versprechen, zusammenzuhalten,—so, ja, und dann wird's schon gehen, hurra!—" Er wollte sie beim Kopf fassen, aber sie drehte den Kopf zur Seite und ließ sich vom Stein heruntergleiten.
Er blieb sitzen; sie kam zurück, stützte die Arme auf seine Knie und sah zu ihm auf, während sie mit ihm sprach. "Hör' mal, Öyvind, wenn er nun will, ich soll fort, was dann?"—"Dann sagst Du nein, frei heraus."—"Geht denn das, Schatz?"—"Er kann Dich doch nicht selbst auf den Wagen setzen!"—"Wenn er das auch nicht gerade tut, so hat er doch viele andere Mittel, wodurch er mich zwingen kann."—"Das glaube ich nicht; Gehorsam bist Du ihm freilich schuldig, solange er keine Sünde von Dir verlangt; aber Du hast auch die Pflicht, ihm frei heraus zu sagen, wie schwer es diesmal für Dich ist, gehorsam zu sein. Ich meine, er kommt zur Vernunft, wenn er das sieht; jetzt glaubt er eben noch wie die meisten, es ist bloß Kinderei. Zeige ihm, daß es mehr ist."—"Mit ihm ist ja nicht zu spaßen. Er bewacht mich wie 'ne angebundene Ziege."—"Du reißt Dich aber ein paarmal am Tage los."—"Das ist nicht wahr."—"Doch, immer wenn Du heimlich an mich denkst, reißt Du Dich los."—"Ja dann. Aber weißt Du denn bestimmt, daß ich so oft an Dich denke?"—"Sonst wärst Du ja nicht hier."—"Aber Du hast mir doch sagen lassen, ich solle kommen."—"Du gingst aber doch, weil Deine Gedanken Dich dazu trieben!"—"Nein, bloß weil das Wetter so schön war."—"Du sagtest vorhin, es sei zu heiß."—"Zum Bergauf gehen, ja; aber bergab nicht."—"Warum gingst Du denn hinauf?"—"Um wieder hinunterlaufen zu können!"—"Warum hast Du das nicht schon lange getan?"—"Weil ich mich erst ausruhen mußte."—"Und mit mir von Liebe reden?"—"Ich konnte Dir doch die Freude machen, zuzuhören."—"Beim Vogelsang."—"Wo alles ruht."—"Und beim Glockenklang."—"In Waldeshut."
In diesem Augenblick sahen die beiden Margits Großvater auf den Hof gehumpelt kommen und nach der Glocke gehen, um die Leute zusammenzurufen. Die Leute kamen aus Scheunen, Schuppen und Häusern heraus, gingen schläfrig hin zu den Pferden oder den Rechen, verteilten sich über das Feld, und nach einer Weile war alles wieder Leben und Arbeit. Nur der Großvater ging von einem Haus ins andere und zuletzt auf die höchste Scheunenbrücke hinauf und hielt Umschau. Ein kleiner Junge kam auf ihn zugesprungen, wahrscheinlich hatte er ihn gerufen. Der Junge lief dann wahrhaftig nach der Richtung hin, wo Pladsen lag, der Großvater ging inzwischen rund ums Gehöft und blickte dabei häufig in die Höhe; ihm dämmerte wohl, daß das Schwarze da oben auf dem "Großen Stein" Margit und Öyvind seien. Und wieder war Margits großer Hund hinderlich. Er sah ein fremdes Pferd auf den Heidehof einbiegen, und da er dachte, es gehöre zu seinem Geschäft als Hofhund, fing er aus Leibeskräften zu bellen an. Sie suchten den Hund zu beschwichtigen, aber er war wütend geworden und wollte nicht aufhören, unten stand der Großvater und starrte in die Luft. Aber es wurde noch schlimmer, denn die Hunde von der Alm hörten mit Verwunderung die fremde Stimme und kamen herzugelaufen. Als sie sahen, daß es ein großer, wolfähnlicher Riese war, verbündeten sich die zottigen Finnenhunde gegen diesen einen; Margit bekam solche Angst, daß sie ohne Adieu davonlief; mitten auf dem Schlachtfeld stand Öyvind und trat und schlug um sich, aber sie flüchteten nur vom Kampfplatz, um sich unter grausigem Geheul und Gekläff ein Stück weiter wieder zusammenzurotten; er wieder hinter ihnen her, und so zogen sie allmählich zum Bachabhang hin; da lief er schnell hinzu, und die Folge war, daß sie alle miteinander ins Wasser purzelten, gerade an einer Stelle, wo es ordentlich tief war; da rannten sie beschämt auseinander, und so endete diese Schlacht am Walde. Öyvind ging quer durch den Forst, bis er auf die Dorfstraße kam, Margit aber lief ihrem Großvater unten am Zaun in die Arme; das hatte der Hund ihr eingebrockt.
"Wo kommst Du her?"—"Aus dem Wald!"—"Was hast Du da gemacht?"—"Beeren gepflückt."—"Das ist nicht wahr!"—"Nein, das ist es auch nicht!"—"Was hast Du denn gemacht?"—"Ich habe mit einem geredet."—"Mit dem Pladsenbengel?"—"Ja."—"Hör' mal, Margit, morgen reist Du—"—"Nein."—"Hör' mal, Margit, ich will Dir bloß eins sagen, bloß das eine: Du wirst reisen."—"Du kannst mich doch nicht selbst in den Wagen setzen?"—"So? Kann ich das nicht?"—"Nein, denn das willst Du nicht,"—"Will ich nicht? Hör' mal, Margit, bloß zum Spaß, siehst Du, bloß zum Spaß will ich Dir sagen, daß ich dem Lausbuben die Knochen im Leibe entzwei schlagen werde."—"Das wagst Du aber doch nicht."—"Das wage ich nicht? Du sagst, das wage ich nicht? Wer sollte mir wohl was tun?"—"Der Schulmeister."—"Der Schu-Schu-Schulmeister? Denkst Du, der kümmert sich um den?"—"Ja, der hat ihn doch auf die Ackerbauschule geschickt."—"Der Schulmeister?"—"Der Schulmeister!"
"Hör', Margit, ich will von dem Gelaufe nichts wissen; Du sollst hier weg. Du machst mir bloß Sorge und Kummer, gerade wie Deine Mutter, bloß Sorge und Kummer. Ich bin ein alter Mann, ich will Dich gut versorgt sehen, ich will nicht von den Leuten deswegen für einen Narren gehalten werden; ich will bloß Dein Bestes; das mußt Du doch zugeben, Margit. Wenn es mit mir zu Ende ist, stehst Du allein da; wie wäre es Deiner Mutter ergangen, wenn ich nicht gewesen wäre? Hör', Margit, sei vernünftig—hör', was ich sage; ich will bloß Dein Bestes."—"Nein, das willst Du nicht."—"So? Was will ich denn?"—"Deinen Willen durchsetzen, das willst Du; aber nach meinem fragst Du nicht."—"Du willst auch schon 'nen Willen haben, Du Kiekindiewelt? Du solltest schon wissen, was zu Deinem Besten ist, Du dummes Mädel? Ich werd' Dir mal den Stock zu schmecken geben, ja, das werd' ich, so groß und lang Du bist. Hör', Margit, ich will noch mal im Guten mit Dir reden. Du bist im Grunde gar nicht so dumm—das ist bloß 'ne fixe Idee von Dir. Du solltest auf mich hören, ich bin ein alter, vernünftiger Mann. Wir wollen noch mal im Guten drüber reden; mit mir' ist gar nicht soviel los, wie die Leute denken; ein armer lockerer Vogel hat bald mit dem bißchen aufgeräumt, was ich habe; Dein Vater hat schon den Anfang damit gemacht. Man muß in dieser Welt für sich selbst sorgen; besser verdient es keiner. Der Schulmeister hat gut schwatzen, der hat Geld, und der Pfarrer auch; da ist gut predigen. Aber bei uns, die sich ums tägliche Brot quälen müssen, ist das ganz was andres. Ich bin alt und habe viel erfahren und gesehen. Liebe, siehst Du, ist ja ganz schön, wenn man davon redet, aber sonst ist sie nichts wert; das ist bloß was für die Geistlichen und für solche Leute—die Bauern müssen die Sache anders anpacken. Erst das Essen, siehst Du, dann Gotteswort, und dann ein bißchen Schreiben und Rechnen und dann noch ein bißchen Liebe, wenn es sich gerade so macht. Aber es nützt blutwenig, wenn man zu oberst die Liebe stellt und ans Ende das Essen. Was sagst Du dazu, Margit?"—"Ich weiß nicht."—"Du weißt nicht, was Du sagen sollst?"—"Doch, das weiß ich."—"Nun, und?"—"Soll ich es sagen?"—"Ja, natürlich sollst Du es sagen!"—"Ich bin sehr für die Liebe." Er stand einen Augenblick verdutzt da, dann fielen ihm hundert ähnliche Gespräche mit ganz ähnlichem Ausgang ein, und er schüttelte den Kopf, drehte ihr den Rücken und ging.
Er ließ seinen Zorn an den Taglöhnern aus, schnauzte die Mägde an, prügelte den großen Hund und brachte beinahe ein Hühnchen um, das aufs Feld hinausgelaufen war; zu ihr aber sagte er nichts.
An dem Abend war Margit so fröhlich, als sie zu Bett ging, daß sie das Fenster aufmachte, sich hinauslehnte, lange hinausschaute und sang. Sie hatte ein kleines, feines Liebeslied bekommen, und das sang sie:
Hältst du treu zu mir,
Halt' ich treu zu dir
Alle Tage, die mein eigen.
Sommerzeit ging fort;
Grün, das nun verdorrt,
Kehrt zurück mit unserm Reigen.