»Da!« rief Merkur, und warf ihm seine Flöte zu.
Der arme Waldteufel war an Schattendunkel gewöhnt. In einem Winkel kauerte er sich hin, ganz für sich allein, und sammelte seine Träume. Dann probierte er die Rohrflöte. Bei dem ersten wundersamen Triller schaute der Adler auf. Der hatte nicht mitgelacht …
Und dann begann der Sang des Waldteufels. Leidensschwer klang er … bis zur Erde tönte er nieder. Das Getier rings um den Olymp und unten an den Waldhängen, mit dem Geweih aus dem Laube hervorlugend, die Hirschkuh mit ihren tiefen Augen, alle streckten sie den Hals und spitzten die Ohren. Die Bäume drunten huben an, ihre Zweige nach dem schwermütigen Rhythmus des Flötenliedes zu wiegen, Zedern und Pinien, alle, alle. Die rotblättrigen Buchen schauten noch ernster drein. Der Wolf gab dem Tiger ein Zeichen, dass auch er lauschen solle …
Und der Satyr wusste nicht mehr, vor wem er sang, wo er sang …
Er sang das Lied der Erde. Er sang das Lied der Schöpfung. Und er sang von den gewaltigen Vulkanen, die nun schlummern unter den Meeren und Seen und träumen von dem Gebirge, das einst ihr Helm, und von den Flammensäulen, die einst ihr Helmbusch gewesen. Er sang von Felsen, schlafend unter dem Eis – er sang von des Wurmes unterirdischer Arbeit. Also begann sein Sang. Und dann sang er vom Walde … den kannte er am besten. Er sang von den herrlichen Bäumen, die ihre Wurzeln tief im Erdball haben, ihre grauenvollen Wurzeln, die wie geduckte Schlangenhälse mit aufgesperrten Rachen über schwarzen Tiefen hangen und trinkgierig sich bohren in schaurigste Finsternis. Und was sie getrunken, geben sie wieder als Nebelrauch, der zum Himmel steigt, oder sie speien es aus wie Gift. Was kümmert das alles die Erde? Sie sammelt und zeugt ohne Ende. Aller Wesen Durst und Hunger saugt an ihren Brüsten … die Bäume aber sind Kiefer, die alles vorkauen, für alles die Vorarbeit tun; Regen schlürfen sie ein, Luft und Wind, Nacht und Tod! Alles ist gut genug für sie. Die Bäume verwandeln alles wieder in Sand, in Erde.
Dort unten aber, wo ihre Wurzeln tätig sind, werden Kämpfe ausgefochten. Denn Raubtiere sind die Wurzeln … Und der Satyr sang von dem Kampf tief unten im Dunkel des Daseins, von dem Kampf zwischen den lichtfremden Geistern …
Und während er sang, ward ihm so seltsam, als fielen Fesseln von seinem Nacken. Die Worte sprangen von seinen Lippen, als machten sie ihn frei. Zu mächtigen Flügelschlägen wurden sie …
»Das Gebirge,« so sang er, »der grosse Zeuge, erhebt sich über dem ewigen Kampf in der Erde und auf der Erde. Das kahle Gebirge ahnt zwischen Nebeln und Nächten das grosse Geheimnis. Sein ewig ruhiges Antlitz späht in die wilden Tiefen und sieht in den wahren Himmel, den die olympischen Götter nicht kennen! Die uralten Weisen, die Berge, grübeln dem nackten Ursprung der Dinge nach. In der keuschen, ehrwürdigen Natur forschen sie nach den Urgründen, den Quellen des Seins! Etwas aber bleibt immer noch übrig, das keiner enträtselt, auch sie nicht …«
Des Satyrs Augen hatten sich geschlossen – er griff nach seiner Flöte, und liess sie fallen … griff sie wieder auf, und liess sie abermals fallen … Schweiss rann ihm von der Stirne, wie Wasser von einem Netz, wenn man es aus dem Meere zieht.
Die Tiere der Erde waren zur Höhe geklommen. Gehörnte Köpfe und wilde Augen stierten in den Äther herauf.