Apollo sagte: »Willst du meine Leier haben?«

»Ja,« antwortete der Satyr, und nahm sie. Es war, als ob er erwachte, und er blickte umher … doch die Träume von aller Dinge Morgen füllten seine Sinne mit seliger Trunkenheit.

»Er ist ja schön!« sagte Venus.

»Ist das … ist das nicht Antäus?« fragte Vulkan den Herkules. Der aber antwortete nicht, er lauschte dem Satyr …

Und der Satyr griff in die Leier … und verlor sich wieder: wusste nicht, vor wem er sang, nicht, wo er sang.

Er sang das Lied der Menschheit.

Erde ist der Mensch: Erde, die zum Himmel will. Doch immer wieder wurde der Mensch zurückgeworfen, immer wieder wurde er geknechtet. Nicht den Namen Prometheus nannte der Satyr. Doch seine Augen sprühten Funken metallenen Feuers, da er sang vom Kampfe des Menschen mit schändlichen Königen und gierigen Göttern. »Und furchtbar war der Mensch in diesem Ringen. Wen kann das wundernehmen? Wälz' einen Berg auf die Glut des Menschengeistes, und er speit Lava! Und noch immer steckt der Menschengeist zur Hälfte in Chaos und Schlamm. Unter eurem Regiment, Götter! Noch immer kämpft der Mensch hart und schwer mit euern Elementen, mit dem Erdboden, mit der Pest, mit den Meeresfluten. Des Urstoffs ungelöstes Rätsel drückt ihn darnieder, ist fast immer sein armseliges Schicksal, an dem er zugrunde geht, und entfesselt seine Leidenschaften, sodass eine Menschenhorde mordend auf die andere sich stürzt – und eine jede hat ihren König!

Aber, ihr Götter – kommen wird der Tag, da der Mensch eure Elemente wie gebändigte Rosse anschirrt und herrlich mit ihnen dahinfährt ins Reich der Freiheit! Dann macht er sich zum Herrscher über alle, die heute seine Tyrannen sind. Schon hör' ich das Feuer knistern unter der Asche … den Axthieb schon seh' ich, der die Rinde zerspellt! Aufbäumen wird sich der geknebelte Mensch, durch Flammen wird er schreiten wie ein Dämon, durch Wälder, Ströme, Lüfte, in der Hand jauchzend die Fackel, die in Brand gesetzt ist an demselben Feuer, das die Sterne entzündet hat! Und zu des Urstoffs gelöstem Rätsel wird er sprechen: »Nimm Flügel!« Und zu den Grenzen: »Ihr seid nicht mehr!« Denn wer kann wissen, ob er nicht eines Tages alle Schwere von sich werfen wird, diese unreine Hülle, womit der Staub den Gedanken belastet? Wer kann wissen, ob nicht dereinst dieser Erdenwurm in euerm Himmel seine Schwingen breitet? Darum auf, Menschengeist – empöre dich! Leg' deine Bahn ums Licht herum! Ströme mit hinein in den grossen Chor! Mach' dich frei vom Joch der Sünden! Werde Menschheit, jene herrlichste Dreiheit: Mann, Kind, Weib! Unermüdlich sollst du in Geist dich verwandeln! Greife die Strahlen des Lichts! Lass den beschwingten Körper, die göttliche Stirn auf den Thron dich erheben! Und stehst du dort oben, so wirf deine Bocksfüsse zurück in die Nacht, aus der sie kamen!! …«

Der Satyr hielt inne. Und wie ein Haupt, das aus dem Gischt eines Wasserfalles emportaucht, schöpfte er tief Atem. Ein ganz anderer war er jetzt. Die erschreckten Götter starrten auf Jupiter; der sass finster auf seinem Thron, als drohte ein Unheil …