Die Bedenken des rohen Kriegsknechtes blieben nicht ohne Eindruck auf die Versammlung. „Ein Eid, den Ihr gezwungenermaßen einem Ehrlosen und Räuber geleistet, kann nicht bindend sein,“ nahm nach einer Pause einer der Herren das Wort; „jeder Priester wird Euch davon freisprechen. Bedenkt, daß die Stadt das erste Anrecht an Eure Treue hat.“

Es kostete noch manches Hin- und Herreden, bis Klaus’ Zweifel überwunden waren; endlich aber gewann die Ansicht der ehrsamen und gestrengen Herren vom Rat den Sieg über seine Gewissensbedenken, und er sagte seine Hilfe zu. Als er wieder in seinem Gefängnis saß, wo man ihm sofort allerlei Erleichterungen gewährte, ballte er die Faust und rief mit wilder Freude: „Jetzt kommt die Stunde der Rache, Junker Veit von Rotenhahn! jetzt sollt Ihr büßen für all das Elend, das Ihr mir in diesen Jahren bereitet habt — Ihr und Euer Weib!“

Bald danach brachen von Nürnberg mehrere Fähnlein Fußvolk und eine ansehnliche Reiterschar auf, denen mehrere Geschütze und anderes Belagerungsmaterial folgte, und mit gewaltigem Lärm schlugen dieselben langsam und bedächtig einen Weg ein, der nicht nach Hohenheiligen führte. Einige Stunden später aber schlich sich, im Schutz der Dunkelheit, ein auserlesener Haufe aus dem Thor, lauter erprobte Männer voll Kraft und Entschlossenheit, die mit den besten Handwaffen ausgerüstet waren, an der Spitze Herr Hennerle von Steifen, und neben ihm Klaus Zworrer, als Führer. Es war tiefe Nacht, als sie im Walde, unweit der Räuberburg ankamen; man zündete einige Fackeln an, und mit ihrer Hilfe fand Klaus den künstlich verborgenen Eingang zu dem unterirdischen Gange, der bis in den inneren Burghof führte. Auf den Zehen schleichend, den scharfen Dolch zwischen den Zähnen, die Hand am gespannten Hahn des Faustrohrs, drangen die Männer, in langer Reihe dicht hintereinander gehend, durch den engen, niedrigen Gang vor; der Soldknecht, der schläfrig den Ausgang bewachte, war im Nu niedergestoßen, und der dunkle Hof füllte sich mit Bewaffneten.

Im Turme saßen die Häupter des Wolfenbundes beim Gelage und spotteten beim vollen Becher des Nürnberger Rates, der seine Unternehmungen so wenig zu verstecken wisse, daß man immer zwölf Stunden Zeit zur Vorbereitung habe. Auch Frau Walburg bewegte sich unter den wilden Gesellen; sie war sehr gealtert, und das kostbare Brokatkleid, das sie trug — es war aus kürzlich erbeutetem Stoff gemacht und wohl für eine Fürstin bestimmt gewesen —, hing schlottrig um ihre dürre Gestalt; die letzten Jahre mußten ihr nicht viele ruhige und pflegsame Tage gebracht haben. Sie hatte viel zu thun, um den zechlustigen Genossen ihres Gatten die Becher zu füllen und ihre zahlreichen Wünsche zu befriedigen; die Scherze, die sie dabei zu hören bekam, waren wenig für ein weibliches Ohr gemacht, doch war sie an solche Unterhaltung zu sehr gewöhnt, um Anstoß daran zu nehmen. Oft stimmte sie in die freie Rede ein und lachte laut über einen derben Witz, oder erwehrte sich mit einer Ohrfeige eines allzu zudringlichen Gesellen.

Plötzlich erscholl von unten Getümmel und Waffengeklirr, — die Eindringlinge waren mit der Besatzung der Burg ins Handgemenge gekommen. Im nächsten Augenblick stürzte Janko schreckensbleich unter die Zechenden: „rettet Euch,“ schrie er atemlos, „die Nürnberger sind über uns! Klaus, der Schurke, hat sie geführt!“ In wildem Durcheinander sprangen alle auf und griffen zu den Waffen; einer und der andre taumelte stark, aber die Gefahr zerstreute schnell den Rausch, der die Sinne benebelte. Auf der Treppe stießen Angreifer und Überfallne aufeinander, und ein wütendes Ringen begann. Aber noch waren die Wölfe nicht überwunden, sie bissen mit der Wut der Verzweiflung um sich, einige schossen aus den kleinen Fenstern des Turmes auf die Städter herab, bis von außen her Trompetenklang und Pferdegetrappel erscholl: der Vortrab der Belagerungstruppe rückte heran und berannte das Thor — damit war der Sieg der Nürnberger entschieden.

Als Junker Veit erkannte, daß alles verloren sei, wollte er sein Heil in tollkühner Flucht versuchen; schon hatte er ungesehen den Stall erreicht und sich auf sein Leibpferd geworfen, — er drückte ihm beide Sporen tief in die Flanken, daß es in gewaltigen Sätzen mitten durch die Kämpfenden dahinflog. Vielleicht wäre er entkommen, aber ein haßerfülltes Auge war ihm gefolgt, Klaus, der sich bis dahin ganz unthätig verhalten, riß sein Schießgewehr an die Wange — der Schuß krachte, und schwer getroffen stürzte Veit von Rotenhahn vom Pferde herab. „Du Teufel! fahre hin an deine Stätte, von der du gekommen bist!“ rief Klaus in wildem Triumph, aber das letzte Wort erstarb ihm auf der Lippe, denn mit hoch geschwungenem Krummsäbel war der schwarze Janko auf ihn zugesprungen und hatte ihn so furchtbar getroffen, daß er röchelnd zusammenbrach. „Stirb, verräterischer Hund!“ knirschte Janko — im nächsten Augenblick lag er selbst gebunden am Boden.

Die aufgehende Sonne beleuchtete eine Stätte des Grauens und der Verwüstung; Tote und Verwundete beider Parteien füllten den Schloßhof. Totenbleich und regungslos lag Junker Veit da, neben ihm saß Walburg, die sein Haupt auf ihren Schoß gebettet hatte und das strömende Blut zu stillen suchte. Dunkle Tropfen rannen über ihr kostbares Kleid herab — sie achtete ihrer nicht, alle ihre Sinne und Gedanken hingen an dem sterbenden Manne. „Veit, mein Gatte, mein Geliebter!“ rief sie jammernd, „geh nicht von mir, laß mich nicht allein hier zurück! Was soll ich anfangen ohne dich, du meine Stütze, mein treuer Gemahl in guten und bösen Tagen? O thue wieder deine Augen auf und schaue mich an, sage mir noch ein einziges Mal, daß ich immer dein gutes, treues Weib gewesen bin. O Veit, mein Licht, meine Sonne, bleibe bei deiner Walburg, die ohne dich nicht leben mag!“

Da schlug der Sterbende die Augen auf und sah sie mit einem Blick voll Liebe an. „Lebe wohl, du Treue,“ stöhnte er, „hab’ Dank — bewahre unsre Söhne — vor ihres Vaters Schicksal ...“ Er drückte ihr krampfhaft die Hand, streckte sich — und war tot. —

Walburg drückte ihm die Augen zu, ein paar große Thränen rollten langsam über ihre Wangen; lange schaute sie dem Toten unverwandt ins Angesicht, dann legte sie ihn sanft auf die Erde nieder, richtete sich empor und suchte mit ihrem Blick den Anführer. „Hauptmann,“ sprach sie — und der Schmerz lieh ihr eine Würde, die sie sonst nie besessen — „Ihr seid die Sieger, wir die Besiegten. Ihr habt diese Burg erobert, nehmt alles hin, nur laßt mir diesen Leib, daß ich ihn ehrlich begrabe.“

Herr Hennerle von Steifen machte eine ritterliche Verbeugung. „Edle Frau,“ erwiderte er höflich, „wir führen nur gegen die Lebenden Krieg, nicht gegen die Toten, auch bekämpfen wir nur Männer und nicht Frauen. Nehmt Euren Schmuck und Eure Kleider, auch was sonst zur Notdurft gehört, nebst dem Leichnam Eures Gatten; Wagen und Pferde stehen zu Eurer Verfügung, und ein Häuflein Reiter soll Euch geleiten, wohin Ihr’s begehrt.“