Frau Walburg neigte das Haupt und verschwand in der Burg; in kurzem kehrte sie zurück, ein Bündel in der Hand, eine große Decke über dem Arm. Der Tote ward auf einen Wagen gehoben und sorgfältig zugedeckt; ehe die Witwe dazu stieg, wendete sie sich noch einmal an den Hauptmann. „Gebt mir diesen mit!“ sagte sie halb bittend und halb befehlend, indem sie auf den gefesselten Janko wies, der aus vielen Wunden blutete. „Er war der treueste Diener seines Herrn und hat nur nach seinen Befehlen gehandelt.“
„Es sei!“ versetzte Herr Hennerle nach kurzer Überlegung, „er wird uns nicht mehr schaden.“
Janko küßte seiner Gebieterin dankbar die Hand und kroch mühselig auf den Wagen; wie ein verwundeter Hund kauerte er sich zu den Füßen seines toten Herrn nieder. „Nach Maltheim!“ befahl Walburg, und langsam setzte der traurige Zug sich in Bewegung; die alte Heimat war der einzige Zufluchtsort der beraubten Witwe. In diesem Augenblick dachte sie nicht an die Söhne, die ihr noch geblieben waren und, fern von dem gesetzlosen Treiben der letzten Zeit, erzogen wurden; sie konnte nur an den Gatten denken, mit dem sie jung gewesen, den sie in ihrer Weise heiß und aufrichtig geliebt hatte. Sie verhüllte ihr Haupt; die ganze Welt um sie her war versunken; wie eine trauernde Königin, die mit dem Gatten Krone und Reich verloren, fuhr sie dahin. — — — —
Mit lautem Triumph kehrten die Nürnberger Truppen heim in die Stadt, wo sie mit Jubel empfangen wurden. Groß waren die Vorteile, die sie mit diesem einen Schlage errungen hatten, denn fast alle feindlichen Anführer waren in ihren Händen, der ganze Bund zersprengt und gelähmt durch den Verlust seiner Häupter. Dagegen waren ihre Verluste verhältnismäßig gering: wer fragte nach Klaus Zworrer, der statt Lohn und Freiheit den Tod gefunden hatte? Frau Barbara war tot, und seine Töchter kannten den Vater kaum, von dem sie nur wenig Gutes erfahren hatten. Von allen Seiten traten jetzt die guten Freunde beider Parteien auf, die sich bisher vom Kampfe fern gehalten hatten; sie suchten zwischen den Streitenden zu vermitteln, damit keiner von beiden durch die Friedens-Bedingungen zu hart getroffen würde. Die gefangenen Edelleute fanden viele Fürsprecher unter ihren Standesgenossen, und die Stadt durfte ihnen nicht allzu scharf an den Kragen gehen, um sich nicht neue Feinde auf den Hals zu ziehen. Man mußte sich begnügen, an einigen geringeren Leuten ein Exempel zu statuieren, machte ihnen den Prozeß und überlieferte sie dem hochnotpeinlichen Gericht, welches sie durch Galgen und Rad vom Leben zum Tode beförderte. Die vornehmeren unter den Wolfenbündlern mußten schwören, nie wieder die Waffen gegen die freie Reichsstadt zu erheben, und wurden dann gegen ein Lösegeld in Freiheit gesetzt. So ging die Fehde zu Ende, und die den ganzen Kampf ausbaden mußten, waren vor allem die kleinen Bauern in den offenen Dörfern, deren Häuser und Höfe verbrannt und verwüstet, deren Felder zerstampft, und deren Vieh geschlachtet und fortgeführt war, während niemand daran dachte, ihnen den erlittenen Schaden zu ersetzen.
Ulrich von Maltheim war gleich beim Beginn der Friedens-Verhandlungen aus seiner Haft entlassen worden. „Ihr habt meinem verlornen Sohne Freundschaft erwiesen,“ hatte Herr Wilibald ernst zu ihm gesprochen, „dafür danke ich Euch. Freilich wäre es echtere Freundschaft gewesen, wenn Ihr den Verirrten auf den Weg der Pflicht und Treue zurückgewiesen hättet — doch Ihr seid ein Edelmann und habt wie ein solcher gehandelt. Es kann keiner von uns über die Schranken seines Standes hinaus, aber es stände vielleicht besser in der Welt, wenn es viele Edelleute von Eurem Schlage gäbe, Herr von Maltheim.“
Ulrich war hoch erfreut über diese Rede, aus der er nur das Lob heraushörte; sie schien ihm die Erfüllung der süßen Hoffnungen zu verbürgen, welche in den stillen Tagen seiner Gefangenschaft sein ganzes Herz eingenommen hatten. Er wünschte sehnlich, ein paar ungestörte Worte mit Margarete zu sprechen, aber er fand keine Gelegenheit dazu; das letzte Frühstück nahm er in Gesellschaft von Vater und Tochter ein, und der Ratsherr blieb bei ihm, bis er sein Roß bestieg.
Als er fort war, ging das Mädchen in das kleine Zimmerchen, in dem er die letzten Wochen gewohnt hatte; träumend betrachtete sie jedes Stück, das er benutzt hatte, und fuhr liebkosend über jedes Buch, in dem er gelesen. Als sie das eine aufschlug, fiel ein Zettel heraus, und hoch errötend las sie folgende Worte darauf:
Gefangen saß ich in engem Raum,
Doch tröstend umschwebt mich der lieblichste Traum.
Mir träumte, als ich so einsam lag,