„Ich halte ihn für einen wackern und tüchtigen Mann,“ erwiderte sie unbefangen, „wohl wert, Euch wie ein lieber Sohn zur Seite zu stehen.“
Dem Vater schien die Antwort zu behagen, denn er lächelte befriedigt vor sich hin. „Es freut mich, mein Kind, daß du verständig genug bist, so vorzügliche Eigenschaften anzuerkennen, auch wo sie ohne ritterlichen Firlefanz, unter schlichter, echt bürgerlicher Außenseite zu Tage treten. Du hast dich in dieser schweren Zeit als meine treue, verständige Tochter bewährt, und so will ich dir mein Vertrauen schenken: ich denke daran, Lorenz in alle Rechte eines Sohnes einzusetzen und ihm einen vollen Anteil an der Handlung zu geben. Und es ist mein herzlicher Wunsch, daß er auch noch durch ein anderes, zarteres Band mit meinem Hause verknüpft werden möchte, durch ein Band, das ihm ein besonderes Recht geben würde, mich ‚Vater‘ zu nennen.“
Er legte seine Hand einen Augenblick wie segnend auf ihren Scheitel, küßte sie liebevoll auf die Stirn und verließ sie dann. In banger Verwirrung blieb Margarete zurück; sie konnte des Vaters Wunsch nicht mißverstehen, aber ihr Herz sprach kein Wort dazu.
Siebzehntes Kapitel.
Die Werbung.
Haben die Herzen sich auch in Liebe und Treue gefunden:
Zwischen sie dränget sich noch trennend des Vaters Gebot.
Nie hatte Elsbeth Ebnerin eine glücklichere Zeit verlebt, als die, welche sie mit ihrer Mutter bei den Verwandten in Bamberg zubrachte. Bisher hatte sie stets hinter Margarete zurückstehen müssen, denn obgleich jene nur zwei kurze Jahre vor ihr voraus hatte, so genoß sie doch bei allen ein unbedingtes Vertrauen, während man sie selbst immer noch wie ein halbes Kind behandelte. Aber jetzt fiel ihr die Pflege der geliebten Mutter ganz selbstverständlich zu, und jeder mußte sagen, daß sie sich derselben mit Geschick und Treue widmete; auch machte ihr niemand Lorenz Tuchers Gesellschaft streitig, und das beglückte sie besonders. Er begegnete ihr mit der Vertraulichkeit eines älteren Bruders und hörte mit wohlwollendem Lächeln ihrem Geplauder zu, das zwar nicht viel Geist, aber ein gutes Herz und einen kindlich reinen Sinn verriet. In der größeren Selbständigkeit entwickelte sich ihr ganzes Wesen freier und anmuthiger; da sie nicht unter dem beständigen Vergleich mit der begabteren Schwester litt, so galt sie bei jedermann in Bamberg für ein hübsches, wohlerzognes Mädchen, und man begegnete ihr auf das freundlichste. Sie war daher wenig erbaut von der Botschaft, daß ihrer Rückkehr nichts mehr im Wege stünde, und war am letzten Tage so ernsthaft und traurig, daß Lorenz sie teilnehmend fragte, was ihr fehle.
„Ich muß an das Märchen vom verzauberten Prinzen denken,“ versetzte sie, „das Muhme Lene uns so oft erzählt hat, als wir noch Kinder waren. Ein böser Zauberer hatte ihn in einen Zwerg verwandelt; nur einen Tag im Jahr durfte er in seiner wahren Größe auftreten, aber sobald die Sonne sank, mußte er wieder in die verhaßte Zwerggestalt schlüpfen. So geht es mir auch.“
„Wie meint Ihr das, Bäschen? ich hoffe, es hat niemand gewagt, Euch ein Leid anzuthun?“