„Nein, das nicht, aber ich fürchte, zu Hause und neben Margarete werde ich wieder nur der Zwerg sein, den niemand für voll ansieht.“

Sie sah so betrübt aus, daß er tröstend über ihre Wange strich und ihre Hände faßte. „Liebe kleine Elsbeth,“ flüsterte er ihr ins Ohr, „denkt Ihr etwa, daß ich Eure Schwester Euch vorziehe? Ihr seid mir viel lieber als sie.“

„Bin ich das wirklich?“ rief sie hocherfreut, „o Lorenz, wie gut seid Ihr! bisher hat mich noch niemand neben ihr beachtet, und Ihr seid doch so klug, wie kein andrer!“

Das Lob schmeichelte ihm und rührte ihn zugleich; er beugte sich herab und küßte sie auf die roten Lippen. Sie schlug die Hände vor das erglühende Gesicht, „Ihr seid ein Böser!“ rief sie halb erzürnt und halb beglückt und lief davon. Er blieb beschämt zurück; wie konnte er, der Ruhige, Verständige, sich so hinreißen lassen! —

Frau Ursula und Elsbeth waren glücklich heimgekehrt, und während die Mutter nach der ermüdenden Fahrt sogleich die Ruhe suchte, saßen die beiden Schwestern traulich beisammen und tauschten ihre Erlebnisse aus, wobei freilich jede manches vor der andern zurückhielt. Aber Margarete bedurfte eines teilnehmenden Herzens für die große Sorge, die drohend wie ein Gespenst vor ihr stand, und sie beschloß, Elsbeth in ihr Vertrauen zu ziehn. „Der Vater,“ sagte sie beklommen, „ist Lorenz überaus wohlgesinnt und wünscht ihn ganz an unser Haus zu fesseln; ich fürchte, er denkt sogar an — eine Heirat.“

Elsbeths Wangen färbten sich purpurn. „Ich sehe nichts Furchtbares darin,“ sagte sie mit niedergeschlagenen Augen.

Die Ältere stützte den Kopf in die Hand und sah ernsthaft vor sich hin. „Nicht? ach Elsbeth, er ist gewiß ein lieber, braver Mensch, aber der beste von allen kann er mir doch nie sein, ich ....“

„Du?“ schrie die Jüngere auf, „warum denn du und immer du? o ich wußte es wohl, daß meine glückliche Zeit zu Ende ginge, sobald ich hierher zurückkehrte, daß ich immer nur das Stiefkind sein würde neben dir, der Bevorzugten und Geliebten! Und er hat es mir doch selbst gesagt, daß ich ihm werter sei, als du ....“ ein Thränenstrom unterbrach ihre Rede, sie legte den Kopf auf die gefalteten Hände und schluchzte laut.

Margarete stand erschrocken vor diesem leidenschaftlichen Ausbruch, den sie zuerst gar nicht begriff; allmählich aber ging ihr ein Licht auf, und eine Centnerlast schien ihr mit einemmal vom Herzen zu fallen. „Liebe, gute Elsbeth,“ rief sie jauchzend, „warum weinst du? ist er dir lieb und bist du ihm wert, o so ist alles gut! Vergieb, daß ich nur einen Augenblick denken konnte — — o heilige Anna, habe Dank — — wie froh bin ich, wie namenlos froh, nun ebnet sich ja alles nach unsern Wünschen! Laß dich küssen, meine Schwester, ich wünsche dir von Herzen Glück!“

Sie umarmte Elsbeth stürmisch und lachte und weinte vor Freuden, so daß jene die ruhige, verständige Schwester kaum wiedererkannte. Da sie aber einsah, daß sie ihrem Glück nicht im Wege stünde, stimmte sie in ihren Jubel ein, und zwischen den beiden Schwestern war jedes Wölkchen zerstoben. —