Auf Maltheim drängten unterdessen die Verhältnisse zu einer Entscheidung, denn es stellte sich nur zu bald heraus, daß ein Zusammenleben von Frau Kunigunde und ihrer Stieftochter unmöglich sei. Als die Weihe des ersten Schmerzes vorüber war, traten bei Walburg schnell genug die alten, häßlichen Charakterzüge, Eigennutz, Anmaßung und Begehrlichkeit, hervor, und mit Heftigkeit forderte sie die Teilung des väterlichen Erbes. Herr Pirkheimer hatte inzwischen schon sein Gutachten dahin abgegeben, daß Herr Werner von Maltheim kein Recht gehabt habe, Hohenheiligen im alleinigen Interesse seiner Kinder zweiter Ehe zu veräußern, und daß Walburg ein Anrecht auf die eine Hälfte des Kaufpreises habe. Mit Mühe überredete Ulrich seine Mutter dazu, in einen Verkauf von Maltheim zu willigen, um Walburg abzufinden; der Kurfürst Albrecht Achilles, der alte Gönner des verstorbenen Ritters, wollte selbst der Käufer sein. Im Andenken an die Treue seines ehemaligen Kampfgenossen, bot er dem Sohne eine Anstellung in kurbrandenburgischen Diensten an, die jener dankbar und bereitwillig annahm, denn dort durfte er hoffen, ein weites Feld für seine hochstrebenden Pläne und Gedanken zu finden. Seit Kaiser Sigismund auf dem Konzil zu Kostnitz den treuesten Kämpen seines Thrones, den Burggrafen Friedrich von Nürnberg, mit der Verwaltung der Mark Brandenburg betraut und bald darauf mit der Kurwürde belehnt hatte, war die Entwicklung des verwilderten Landes in bessere Bahnen geleitet worden. Teils durch kluge Verträge mit den Nachbarfürsten, teils durch gewaltiges Niederwerfen der aufsätzigen Großen, hatte Friedrich Ruhe und Ordnung im Lande angebahnt, und was er mit Kraft begonnen, das hatte sein Sohn, Kurfürst Friedrich der Zweite, fortgesetzt: er hatte die trotzigen Städte gedemütigt, die Sitten der Geistlichkeit gebessert und den Adel in gebührenden Schranken gehalten. Jetzt war Albrecht Achilles der eigentliche Herrscher des Landes, aber er verweilte dort nur zuweilen als Gast, denn er mochte seine schöne fränkische Heimat nicht mit jenem rauhen, ärmlichen Lande vertauschen; so hatte er denn seinen Sohn Johann als Statthalter in den Marken eingesetzt, und ihm sollte Ulrich seine Kräfte widmen.

Frau Kunigunde konnte sich nicht entschließen, sich im fremden Lande eine neue Heimat zu gründen, und so namenlos schwer ihrem Mutterherzen auch der Gedanke einer dauernden Trennung von Ulrich fiel, so weigerte sie sich doch entschieden, ihn zu begleiten. Sie zog sich in die tiefste Stille zu einer Schwester zurück, die ihr gern ihr Haus öffnete, aber die Kümmernisse und Täuschungen, die sie erlitten, zehrten an dem Mark ihres Lebens, und nach wenigen Jahren folgte sie ihrem Gatten in die ewige Heimat.

So war denn alles vollendet, die Erbschaft geteilt, die Frauen nach verschiedenen Seiten abgezogen. Ulrich hatte die Mutter in ihr Asyl geleitet und dann die Burg in die Hände des neuen Besitzers übergeben; von einigen Knappen gefolgt, sprengte er jetzt den Burgberg hinab. Der Abschied von der Heimat seiner Kindheit wurde ihm schwerer, als er selbst gedacht hatte; das Bewußtsein, dem uralten Erbe seiner Väter, das Jahrhunderte lang in den Händen seiner Familie gewesen war, für immer Lebewohl zu sagen, als ein heimatloser Wanderer hinauszuziehen in eine ungewisse Zukunft, rührte ihn fast zu Thränen, aber er gab seinem Pferde die Sporen, so daß seine Begleiter ihm kaum folgen konnten, und zog sein Schwert aus der Scheide. „Vorwärts!“ rief er, „mit Gott und Sankt Georg! Als ein echter Ritter will ich kämpfen für Wahrheit und Recht gegen Lüge und Finsternis, und Gott helfe mir zum Siege! O Herr, stelle mir ein hilfreiches Wesen an die Seite, das mit seiner Liebe und seinem Vertrauen mich stärke und tröste, wenn ich schwach werde!“

Er rastete nicht im scharfen Ritt, bis er die Thore von Nürnberg erreicht hatte; dort hieß er seine Begleiter in der Herberge bleiben, stellte sein Roß in den Stall und schlug zu Fuß den Weg nach dem Ebnerhause ein.

Hier fand er alles in froher Bewegung, denn man feierte eben die Verlobung von Lorenz Tucher mit Elsbeth Ebnerin. Herr Wilibald war zwar sehr erstaunt und gar nicht erfreut gewesen, als seine Gattin ihm mitteilte, daß nicht Margarete, sondern ihre Schwester die Erwählte sei; er hätte es viel mehr seinem Lieblinge gegönnt, die ansehnliche Stellung einzunehmen, zu der er Lorenz den Weg ebnete, — aber gegen die volle Übereinstimmung aller drei Beteiligten konnte er nichts einwenden. Elsbeth strahlte vor Seligkeit; zu dem Gefühl des eignen Glücks kann noch die Genugthuung, bei diesem wichtigsten Schritt des Lebens der bevorzugten Schwester den Rang abgelaufen zu haben.

Ulrich stattete seinen Glückwunsch ab und bat um Erlaubnis, vor seiner Abreise in die Fremde hier einige Stunden zu rasten, die ihm mit Freuden gewährt wurde. Aber obgleich er auf teilnehmendes Befragen ausführlichen Bescheid über alles gab, was er erlebt hatte und von der Zukunft erwartete, so war er im ganzen doch ernst und schweigsam, und Margarete teilte seine Stimmung. Endlich sprach er gegen sie den Wunsch aus, noch einmal das Stübchen zu betreten, in dem er die Wochen seiner Gefangenschaft zugebracht hatte; das Mädchen stand bereitwillig auf, um ihn zu geleiten, aber auch der Ratsherr schloß sich an. Erst, als sie auf dem Hofe unter dem alten Nußbaum standen, rief irgend eine wohlthätige Anfrage aus einer der Schreibstuben Herrn Wilibald ab, und endlich waren die beiden allein. Ulrich faßte beide Hände der Jungfrau, die errötend vor ihm stand: „Liebe Margarete,“ sagte er leise und schnell, „wenn es mir gelingt, mir im Norden eine Stellung zu verschaffen, die — Euer würdig ist, würdet Ihr es für denkbar halten, — die geliebte Heimat zu verlassen — und mir zu folgen?“

Sie hob die treuen, grauen Augen mit dem Ausdruck vollsten Vertrauens zu ihm empor. „Ja, Ulrich,“ sagte sie fest, „wenn es mein Vater erlaubt, will ich Euch folgen, wohin es auch sei.“

„Und wenn es ein Jahr und länger dauern sollte, ehe ich wiederkomme, willst du meiner harren, du Liebe, und nicht müde werden?“

„Ich will warten und hoffen, bis du kommst, sei es in einem Jahr oder in zehn.“

Da nahm er ein Ringlein vom Finger und steckte es an den ihrigen, danach aber zog er ihre Hände an seine Lippen und küßte sie inbrünstig. „Lebe wohl, meine süße Braut,“ sagte er innig, „Gott schenke uns ein glückliches Wiedersehen! baue so fest auf meine Liebe und Treue, wie ich auf die deine!“ —