Ulrich zog einen Ring vom Finger ....
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GRÖSSERES BILD
Ehe Ulrich von Nürnberg schied, suchte er eine ungestörte Unterredung mit Herrn Wilibald Ebner und bat ihn um Margaretens Hand. Der Ratsherr maß ihm vom Kopf bis zu den Füßen mit einem strengen, forschenden Blick. „Was habt Ihr meiner Tochter zu bieten, Herr?“ fragte er in schneidendem Ton, „habt Ihr Haus und Hof, oder ein Amt, das Euch ernährt? oder glaubt Ihr, ich werde mein liebstes Kind einem fahrenden Ritter übergeben, daß er es vor sich aufs Pferd nehme und mit ihm durch die Lande ziehe, um sein Glück zu suchen? Oder meint Ihr gar, ich solle dem Bräutchen Hohenheiligen als Mitgift geben, wie es schon vor Jahren Euer edler Herr Vater vorschlug? Weit gefehlt, Herr von Maltheim! Ein nüchterner Städter will feste, geordnete Verhältnisse vor sich sehen, aufs Geratewohl wirft er seine Tochter nicht dem ersten besten an den Hals!“
Ulrich verbeugte sich tief. „Ihr habt recht, Herr Ratsherr,“ sagte er eisig kühl, aber mit vollkommener Höflichkeit, „es ist noch zu früh für mich, um als Bewerber Eurer Tochter aufzutreten. In einigen Jahren, wenn ich als wohlbestallter Rat des Kurfürsten von Brandenburg vor Euch treten und Euch meine Einkünfte nach Heller und Pfennig vorrechnen kann, dann will ich wieder bei Euch vorsprechen und meine Bitte erneuern. Aber Ihr werdet es nicht hindern können, daß Jungfrau Margarete das Wort hält, das sie mir gegeben hat, denn sie ist Eure echte Tochter und hat gelernt, Versprechen heilig zu halten. Gehabt Euch wohl, Herr Wilibald Ebner, auf Wiedersehn!“ Noch einmal verbeugte er sich mit ritterlichem Anstand und ging hinaus.
Mit finsterem Blick sah ihm der Kaufherr nach. „Er wagt es, mir zu trotzen!“ murmelte er, „thörichter Knabe, habe ich nicht allein das Recht, über die Hand meiner Tochter zu verfügen? Und doch,“ setzte er milder hinzu, „es war nichts Knabenhaftes in seiner Art, er ist ein Mann geworden, den man achten muß. Wäre er nicht ein Edelmann, ich selber könnte ihn lieb haben! — und ich fürchte, Margarete wird schwer von ihm lassen.“ —
Mehrere Jahre waren vergangen; Elsbeth war längst verheiratet und ihrem Gatten in willenlosem Gehorsam unterthan; sie liebte es, sich gegen Margarete ihres häuslichen Glücks, ihres blühenden Wohlstandes zu rühmen, nicht ohne dabei einige mitleidige Seitenblicke auf die hoffnungslose Wartezeit der Schwester zu werfen. Aber diese beneidete sie nicht, sie fühlte sich glücklich und zufrieden. Zwar empfand sie oft eine tiefe Sehnsucht nach dem geliebten Freunde, doch nie kam ein Zweifel an seiner Treue, an seiner endlichen Wiederkehr in ihre Seele. Auch war sie nicht ganz ohne Nachricht von Ulrich, denn zwischen dem Hofe zu Berlin, wo Markgraf Johann die Marken verwaltete, und der Kadolzburg, wo der alte Löwe selber hauste, herrschte ein, für damalige Verhältnisse, reger Verkehr durch berittene Boten, welche Anfragen, Berichte und Verordnungen hin- und hertrugen. Margarete wußte, daß Ulrich an dem gelehrten Markgrafen, den seine Zeitgenossen um seiner klassischen Bildung willen „Cicero“ nannten, einen überaus wohlgesinnten Herrn gefunden habe. Doch waren die Zustände in der Mark so ärmlich, die Landstände so schwierig in der Bewilligung von Geldern, daß es dem Gebieter oft an den nötigsten Mitteln fehlte, um seine Hofhaltung standesgemäß zu führen; mußte er doch die eigne Hochzeit verschieben, weil ihm das Geld zu einer fürstlichen Ausstattung fehlte. Das alles mußte sich ändern, wenn Johann Cicero erst der wirkliche Herr und Kurfürst war, und so vertröstete Ulrich sich und seine Braut auf diesen Zeitpunkt, der erst mit Albrecht Achills Tode eintreten konnte.
Margarete hätte aber auch wenig Zeit gefunden, um trüben Gedanken nachzuhängen, denn ihre Kräfte waren vollauf in Anspruch genommen; sie war ihren Eltern unentbehrlich und hätte selbst nicht zu sagen gewußt, wie ihre zarte, leidende Mutter ohne ihren Beistand hätte leben sollen. Wenige Monate nach dem Abschluß jener Fehde war dem Ebnerhause ein unverhofftes Glück zu teil geworden, der Himmel hatte die leere Stelle ausgefüllt und den trauernden Eltern ein Söhnchen geschenkt. Unendlich groß war Herrn Wilibalds Freude über dies Gnadengeschenk; nun konnte er wieder mit Freudigkeit in die Zukunft sehen, nun durfte er hoffen, daß neben dem neuerblühenden Geschlecht der Tuchers auch der Name Ebner in Nürnberg wachsen und dauern werde. In dem Glück, das er empfand, hatte er Margareten versprochen, sie nie zu einer Ehe zu drängen, zu der ihr Herz sie nicht triebe; Ulrichs Name war dabei nicht genannt worden, sie überließ es der Zukunft, diese Angelegenheit zu rechter Zeit zur Sprache zu bringen.
Frau Ursula empfand beim Anblick ihres Knaben nur eine wehmutsvolle Freude; stets stand ihr dabei ihr Erstgeborner vor Augen, der ihr für immer entrissen war. Bewahrte sie auch die flüchtige Begegnung auf dem Wege nach Bamberg als einen kostbaren Schatz in ihrer Erinnerung auf, so quälte der Gedanke an sein Seelenheil sie doch mit unablässigem Kummer, und ihr Leben war eine Kette von Opfern und Bußen, um den Zorn des Himmels zu versöhnen. Es ward ihr schwer, zu sehen, daß der kleine Deodat — diesen Namen hatte Herr Wilibald dem Kinde gegeben, um es als eine besondere Gottesgabe zu kennzeichnen — im Herzen seines Vaters völlig Bertholds Stelle einnahm, daß jener auf ihn alle die Hoffnungen setzte, die bei dem ältesten Sohne gescheitert waren, ja, sie empfand es mit einer eifersüchtigen Pein, daß er den Spätgebornen mit unendlich viel größerer Zärtlichkeit behandelte, als ehemals Berthold. —