So war der Frühling des Jahres 1486 herangekommen, und durch die Stadt lief das Gerücht, daß Kurfürst Albrecht Achilles, der alte Feind der Reichsstädter, zu Frankfurt sein müdes Haupt zur Ruhe gelegt habe und in der Klostergruft zu Heilbronn bestattet worden sei. Die Nachricht bewegte Margaretens Herz mächtig; hatte sie auch als echtes Nürnberger Kind wenig Neigung für den streitbaren Fürsten empfunden, so mußte sein Tod doch entscheidend auf ihr und Ulrichs Schicksal einwirken. In unruhiger Spannung verlebte sie die nächsten Wochen, konnte jetzt doch jeder Tage den Ersehnten bringen und ihr Leben in gänzlich neue Bahnen lenken!
Der alte Nußbaum auf dem Hofe hatte eben wieder sein hellgrünes Blätterkleid angelegt, und die Schwalben schossen zwitschernd und jubilierend darunter fort. Auf dem Sitz, der den gewaltigen Stamm umgab, saß Margarete mit ihrer Arbeit; zu ihren Füßen spielte Deodat, der alle Augenblicke zu ihr gelaufen kam, um ihr etwas zu zeigen, oder sie nach hundert Dingen zu fragen; hing er doch fast mehr an ihr, als an seiner Mutter, die sich oft so kränklich und schwach fühlte, daß sie das lebhafte Kind nicht in ihrer Nähe ertragen konnte. Durch den gepflasterten Thorweg klangen männliche Schritte, die auf den Hof zukamen; Margaretens Herz fing an zu klopfen, sie schaute gespannt nach dem Eingang — aber es war eine andre Gestalt, als die ersehnte, wenn auch eine wohlbekannte: Hans Fiedler. Er hatte längst seine Lehrzeit bei Meister Adam Krafft hinter sich, war dann einige Jahre durch das Reich gewandert und jetzt nach Nürnberg gekommen, um sein Meisterstück zu machen und sich irgendwo als tüchtiger Steinmetz niederzulassen.
„Grüß’ Gott, Hans!“ sagte Margarete und bot ihm die Hand zum Gruß, „wo habt Ihr so lange gesteckt? wir haben manchen Tag nichts von Euch gesehen.“
„Ich war auf dem Annenhof,“ versetzte er ernsthaft, „Ihr wißt, die Großmutter war schon lange krank, am letzten Montag ist sie selig entschlafen, und gestern haben wir sie zur letzten Ruhe bestattet.“
„Crescenz ist tot?“ rief das Mädchen bewegt, „o wie mich das dauert! die gute, alte Seele, Gott hab’ sie selig! sie hat sich durch ihre unwandelbare Treue sicher einen Gotteslohn erworben. Aber was wird aus Eurer lieben Mutter werden, Hans? sie ist nicht von der Art der Großmutter und wird schwerlich ganz allein dort haushalten und wirtschaften mögen.“
„Nein, Jungfer Margarete, das ist auch meine Meinung; wenn ich schon Meister wäre, würde ich sie gern zu mir nehmen, aber damit hat’s noch gute Weile. Und dann — und dann —“ er drehte verlegen seine Kappe zwischen den Fingern hin und her.
„Habt Ihr etwas auf dem Herzen, lieber Hans?“ fragte Margarete freundlich, „nur heraus damit, Ihr wißt, wir beide sind von Kind auf immer gute Freunde und getreue Kameraden gewesen.“
„Ja, Jungfer Gretchen, daher möchte ich auch Euch zu allererst sagen, was mir widerfahren ist,“ sagte Hans, und über sein gutes Gesicht flog ein unwiderstehlicher Freudenschein. „Ihr kennt Meister Dürer, den Goldschmied — und seine Töchter — auch die Sabine — die hat mir versprochen, — mein liebes Weib zu werden, sobald ich Meister geworden bin.“
„Das freut mich von Herzen!“ sagte Margarete warm und schüttelte ihm beide Hände. „Die Sabine ist ein liebes, tüchtiges Mädchen und wird sicher eine frische, fröhliche Hausfrau werden. Gott segne Euch beide, Hans; Ihr hättet nichts Besseres thun können.“
Hans strahlte vor Glück; er verehrte Margarete so sehr, daß ihr Lob und ihre Zustimmung ihm sein erwähltes Mädchen noch lieber machten.