Der Tod der alten Crescenz bewegte Frau Ursula hauptsächlich um Afra’s willen, der sie stets eine warme Zuneigung bewahrt hatte. Daß jene nicht allein auf dem Annenhofe bleiben konnte, war klar, man mußte dort eine kräftigere Schaffnerin einsetzen. „Ich habe einen Gedanken, Margarete,“ sagte die Mutter am andern Tage, „ich möchte Afra anbieten, wieder wie einst in meinen persönlichen Dienst einzutreten. Sie weiß mit Kranken umzugehen und wird dir meine Pflege erleichtern; und wenn du, mein geliebtes Kind, in kurzem wünschen wirst, dein Elternhaus zu verlassen, so wird es dir weniger schwer werden, wenn du mich wohl versorgt weißt.“

Margarete umarmte die Mutter mit Thränen der Wehmut und Zärtlichkeit; sie hatte kein Geheimnis vor ihr und teilte alle ihre Sorgen, Hoffnungen und Pläne mit der Teuren. So sehnsüchtig sie nach Ulrich ausschaute, so schmerzlich war ihr doch der Gedanke, die Mutter zu verlassen, die an ihre immerwährende Fürsorge und liebreiche Gesellschaft so gewöhnt war.

Afra ging gern auf den Vorschlag ein; sie hatte keine Neigung für die ländliche Wirtschaft, so treu sie auch in den letzten Jahren der alternden Crescenz darin beigestanden hatte. Ihre stille, sanfte Art, der wehmütige Schatten, der über ihrem ganzen Wesen lag, die lebhafte Teilnahme, die sie für die Schmerzen anderer empfand, machten sie zu einer passenden Umgebung für Frau Ursula, und Margarete fühlte sich in der That sehr beruhigt, wenn sie an die Trennung dachte; sie würde die geliebte Mutter wenigstens in sicherer Pflege zurücklassen. —

Heiße Sommerglut lag auf den Straßen von Nürnberg; in den Patrizierhäusern waren überall die dunklen Vorhänge herabgelassen, um der sengenden Sonne den Eingang zu verwehren. Im Erker des Ebnerhauses war es kühl und angenehm, denn die Sonnenstrahlen trafen ihn nicht, und die dicken Mauern ließen die Hitze nicht eindringen. Dort saß Margarete und blickte träumerisch hinaus auf die Gasse, in der nichts zu sehen war, aber ihre Augen schauten auch nicht nach äußeren Dingen, sie waren nach innen gekehrt. Plötzlich scholl Pferdegetrappel vom Markt her, mehrere Reiter bogen auf den Ägidienplatz ein. Einer sprengte voraus, eine herrliche, hohe Gestalt; er nahm den Hut vom Kopfe, daß ihm die blonden Locken um die weiße Stirn wehten, und schwenkte ihn grüßend nach oben. Eine Purpurglut schoß in Margaretens Wangen — der Augenblick, von dem sie in sechs langen Jahren geträumt, war gekommen: Ulrich war wieder da! Sie stand regungslos, nur das Antlitz hatte sie der Treppe zugekehrt. Und jetzt kam er heraufgestürmt, der treue Freund ihrer Kindheit und Jugend, der Erkorne ihrer reiferen Jahre, er zog sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn. „Meine Margarete, meine süße Braut,“ flüsterte er mit unsäglicher Zärtlichkeit, „da bin ich endlich, endlich bei dir! O wie lang und schwer waren diese Jahre der Trennung! Aber nun soll sich nichts mehr zwischen uns drängen, nun wollen wir treu zusammenstehen, bis einst der Tod uns scheidet.“

Sie lehnte sich an seine treue Brust und sah mit glücklichen Augen zu ihm auf; dann machte sie sich sanft von ihm los. „Du mußt dir meines Vaters Zustimmung erbitten, Ulrich. Mein Herz konnte ich allein verschenken, über meine Hand kann nur er verfügen. Aber erst komm zur Mutter.“

Frau Ursula empfing Ulrich wie einen geliebten Sohn, er hatte ja einst so viel für ihren Berthold gethan, und Margaretens Liebe machte ihn ihr doppelt wert. Es war eine köstliche Stunde im traulichen Gemach der Hausfrau —, aber noch war mancher Sturm zu bestehen, ehe das Schifflein der Liebenden im sicheren Hafen landete. Herr Wilibald konnte sich nicht entschließen, seine Einwilligung zu ihrer Verbindung zu geben; die alten, festgewurzelten Vorurteile gegen den adligen Stand verbanden sich mit der tiefen Abneigung, seine Lieblingstochter, deren teilnehmendes Verständnis ihm unentbehrlich zum Leben schien, aus seinem Hause fort, in eine unerreichbare Ferne ziehen zu lassen. Alle Bitten Margaretens und seiner Gattin prallten an seinem hartnäckigen Widerstande ab, sein „nein“ schien unumstößlich zu sein.

In tiefem Kummer war das Mädchen einmal zu Meister Andreas Fiedler gegangen; der liebe, alte Mann mit dem kindlichen Glauben und der reichen Erfahrung sollte ihr sagen, wie sie sich in dem herben Zwiespalt zwischen dem Vater und dem Bräutigam verhalten solle. Frau Eva und ihr Gatte wechselten bedeutungsvolle Blicke bei ihrem traurigen Bericht. „So wollen wir es versuchen, Eures Vaters Herz zu rühren,“ sagte der Alte endlich, „unserm Worte wird er vielleicht nicht widerstehen.“

Margarete sah ihn erstaunt an, sie konnte sich die Zuversicht, mit der er sprach, nicht erklären; welchen Einfluß glaubte der schlichte Meister über den stolzen Patrizier zu besitzen? Sie gab sich keiner Hoffnung hin, daß seine Einmischung zum Ziele führen werde.

Der Ratsherr saß in seiner Schreibstube am Pult, aber die Feder war ihm aus der Hand gefallen, und er brütete düster vor sich hin. Da ward an seine Thür geklopft, und auf seinen ärgerlichen Ruf — denn wer wagte es, ihn gerade jetzt zu stören? — trat ein alter Mann mit schneeweißem Haupthaar ein, auf eine Krücke gestützt, während eine ebenso alte, einfache Frau ihn am andern Arm führte.

„Wer seid Ihr, und was wollt Ihr von mir?“ fuhr der Kaufherr auf.