„Kennt Ihr uns nicht mehr, Wilibald Ebner?“ fragte Andreas mit sanftem Ernst. „Ich hätte Euch noch heute unter Tausenden erkannt, obgleich Ihr Euch auch sehr verändert habt, seit Ihr zu Ulm in meinem Hause ein- und ausgingt. Damals wart Ihr noch kein großer, reicher Herr, und Hedwig Fiedlerin war nicht unter Eurer Beachtung.“
„Andreas Fiedler und Frau Eva!“ sagte Herr Wilibald erbleichend, indem er sich erhob und die alten Leute durch ein Handbewegung zum Sitzen einlud. „Freilich, es sind viele Jahre seit jener Zeit vergangen, und es ist alles, alles anders geworden. Und doch habe ich die Jugend nicht vergessen — nein, sicher nicht! Hedwig Fiedlerin steht heute noch in meiner Erinnerung, als ein wunderbar liebliches, engelreines Wesen, zu gut für diese Welt und ihre grausamen Verhältnisse.“
Frau Eva wischte sich die Thränen aus den Augen, und Meister Andreas sah sehr gerührt aus. „Ich will Euch jetzt, nach mehr als dreißig Jahren, keinen Vorwurf machen, Herr Ebner,“ sagte er milde, „daß Ihr unser einziges Kind verließt und ihm das treue Herz bracht — Ihr mögt Gründe gehabt haben, die Ihr für zwingend hieltet, und Hedwig ruht längst in seligem Frieden. Aber wir wissen, was solch ein junges Herz leidet, wenn ihm der liebste Wunsch versagt wird, und wir möchten Euch bitten, inständig und mit allen Kräften: Bereitet Eurer eignen Tochter, Eurer lieben, holden Margarete kein solches Los! Tausendmal schwerer, als die Trennung von ihr, würde das Bewußtsein auf Euch lasten, ihr Lebensglück vergiftet, ihre süßesten Hoffnungen geknickt zu haben. Seid milde und gütig und gewährt Eurem Kinde das, was Ihr dem unsrigen einst geraubt habt!“
Lange saß der Ratsherr, den Kopf in die Hand gestützt, und kämpfte schwer mit sich selbst und seinem harten Sinn. Endlich stand er auf, reichte den beiden Alten die Hand und sagte: „Ihr habt mich bezwungen! Heute noch feiern wir die Verlobung meiner Margarete mit Ulrich von Maltheim. Möchte der Himmel das Opfer, das ich bringe, als eine Sühne annehmen für das, was ich an Eurer Tochter verschuldete!“
Achtzehntes Kapitel.
Hochzeit.
Seliger Tag, da der Braut ein neues Heim sich erschlossen!
Aber mit Thränen im Aug’ läßt sie das alte zurück.
Es war eine glückliche Zeit, die nun folgte; Margarete war unbeschreiblich lieblich in ihrem bräutlichen Glück, das wie ein heller, warmer Sonnenstrahl aus ihren Augen leuchtete, und das, im Verein mit ihrer dankbaren Zärtlichkeit, ihren Vater wenigstens nicht bereuen ließ, seiner selbstsüchtigen Liebe dieses Opfer abgerungen zu haben. Und er konnte es nicht einmal vor sich selber leugnen, daß Ulrich ihrer wert sei; trotzdem, daß er ein Edelmann und Fürstendiener war, erschien er in jeder Lage als ein ganzer Mann, dessen Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit selbst dem eingefleischten Bürger volle Achtung abnötigte.
Ulrich kam und ging; er besuchte Irmgard in ihrer klösterlichen Zurückgezogenheit und erledigte mancherlei Aufträge seines fürstlichen Herrn, besonders suchte er Werkleute zu werben, welche bereit wären, ihm nach der Mark zu folgen. Kurfürst Johann Cicero hatte verschiedene große Bauten vor, so lag ihm vor allen der Bau der neuen Universität am Herzen, die er zu Frankfurt an der Oder gründen wollte, und dazu bedurfte er eines gewiegten Steinmetzen, der imstande wäre, den ganzen Bau zu leiten. Ulrich hatte an Hans Fiedler gedacht, und dieser hätte auch sogleich mit beiden Händen zugegriffen, wäre nicht die Rücksicht auf seine und Sabinens Mutter gewesen — denn daß das Mädchen ihm auch in die Fremde folgen würde, das wußte er gewiß. Die Anerbietungen waren aber so günstig, daß ein junger Meister sie gar nicht ablehnen konnte, auch handelte es sich vorläufig nur um einige Jahre; so ließen denn die Mütter ihre Einwendungen fahren und gaben ihre Zustimmung. Es wurde beschlossen, daß beide Hochzeiten beim Beginn des Herbstes stattfinden und die beiden jungen Paare gemeinsam die Reise nach dem Norden antreten sollten. —