Es war ein goldig klarer Herbsttag: die Sonne hatte siegreich die Morgennebel bezwungen, ein frischer Wind hatte die Wolken auseinander gejagt, so daß sie sich, wie eine schneeweiße Lämmerherde, am Rande des Horizontes lagerten. Unter dem Nußbaum, der noch seine volle Laubkrone bewahrt hatte, stand Margarete, und wehmütige Gedanken zogen durch ihre Seele. Der Baum war ihr wie ein alter Freund, an den sich tausend liebe Erinnerungen knüpften: war er doch der Genosse ihrer kindlichen Spiele mit Berthold gewesen, hatte er doch dem tief ergreifenden, unvergeßlichen Abschiedsgespräch mit dem Bruder gelauscht und den Zwiegesängen mit Ulrich zugehört, in denen es beiden klar geworden war, daß sie zu einander gehörten. Von dem alten Nußbaum Abschied nehmen, das hieß scheiden von den geliebten Eltern und der teuern Heimat, von der eng umfriedeten, sorgsam behüteten Jugend und hinausschiffen auf das fremde Meer des Lebens, mit seinen Wellen und Stürmen, seinen unbekannten Landeplätzen. Aber dann trat Ulrichs Bild vor ihr inneres Auge, und mit ihm kehrte Mut, Vertrauen und Freudigkeit zurück; er war der rechte Steuermann, dem sie sich wohl für die unsichere Fahrt anvertrauen durfte, an seiner Seite wollte sie auch den Sturm nicht fürchten, sondern mit ihm vertrauend nach oben blicken, wo nach Nebel und Wolken Gottes Gnadensonne sicher wieder scheinen würde. So ging sie freudig und gefaßt ihrem Ehrentage entgegen. —

Die Hochzeit wurde mit der gediegenen Pracht ausgerichtet, die dem Reichtum und Ansehen des Patrizierhauses gebührte. Um die Mittagszeit erschien der Bräutigam, gefolgt von seinen Genossen, teils Jünglingen aus den vornehmsten Familien der Stadt, teils jungen Adligen, welche mit Ulrich verwandt waren. Einer unter ihnen war zum Sprecher auserkoren; er warb nach alter Sitte noch einmal in feierlicher Rede um die Braut, der Vater übergab sie ihm, und er führte sie dem Bräutigam zu, der sie mit vorgeschriebener Umarmung empfing. Dann ordnete sich der hochzeitliche Zug zum Gange nach der Kirche; bunte Teppiche bedeckten die Straße bis zum Gotteshause, und eine schaulustige Menge bildete ein dichtes Spalier. Voran schritt ein Beamter der Stadt, der mit seinem Stabe die Bahn frei hielt; ihm folgte Deodat mit Elsbeths ältestem Töchterlein, welche den Weg mit Blumen bestreuten; dann führte Ulrich Frau Ursula und Herr Wilibald die Braut. Herrlich waren die beiden Hochzeiter anzuschauen: Ulrich trug ein anschließendes Wams von dunkelrotem Samt mit Hänge-Ärmeln, das mit dunklem Pelz besetzt, an Brust und Nacken dreieckig ausgeschnitten war, darunter ein Untergewand von Goldbrokat mit engen Ärmeln, kurze, rote Beinkleider von Seide und lange, fest anliegende Strümpfe von gleicher Farbe. Ein purpurrotes Samtbarett mit wallender weißer Feder, das er erst an der Tafel mit einem grünen Kranz vertauschte, saß auf seinen vollen Locken, eine lange goldne Halskette, ein Geschenk seines kurfürstlichen Herrn, reichte ihm bis auf die Brust herab; am silberbeschlagenen Gürtel hing eine zierliche Ledertasche und ein Dolch in silberner Scheide. Margarete trug ein Kleid von rosenroter, schwerer Seide mit kostbarem, juwelengeschmücktem Gürtel; vorn keilförmig geteilt, ließ es ein Unterkleid von reichgemustertem Silberbrokat sehen. Das knappe Mieder mit den herabfallenden Ärmeln war mit Perlenschnüren zugenestelt, ein breites Halsband von Perlen und Diamanten, das fürstliche Hochzeitsgeschenk ihres Vaters, schlang sich um die feine Halskrause. Auf ihrem Haupt erhob sich ein luftiges Gestell von Draht, auf dem das grüne Jungfernkränzlein thronte, und von welchem der lange, zarte Spitzenschleier bis auf die Erde herabwallte. — Als der Gottesdienst vorüber und die kirchliche Handlung beendet war, empfing eine Bande von Spielleuten an der Kirchthür den Hochzeitszug und stellte sich mit lustigem Geschmetter an die Spitze; dann folgte das junge Paar Hand in Hand. — Endlich waren die treuen Herzen vereint und hatten ein heiliges Recht, einander anzugehören.

Ein festliches Hochzeitsmahl vereinte die Gäste im Ebnerhause, und die reichbesetzte Tafel bot einen prächtigen Anblick dar: stattliche Männer und schöne Frauen, köstliche Gewänder von Samt und Seide, mit edlem Pelzwerk verbrämt, mit funkelndem Geschmeide verziert, umgaben sie; reiches Gold- und Silbergeschirr, schön gearbeitete Becher, Kannen und Schüsseln, die alten und neuen Schätze der Tuchers und Ebners prangten darauf, und die Reihe der Gerichte und feurigen Weine war schier unabsehbar. Vergebens hatte Margarete versucht, Meister Andreas und seine Eva zu bewegen, an ihrem Feste teilzunehmen; sie fühlte sich ihnen zu innigstem Dank verpflichtet, obgleich sie nicht ahnte, durch welches Mittel der alte Meister den Widerstand ihres Vaters besiegt habe. Aber die beiden Alten dankten für die ihnen zugedachte Ehre; sie fühlten daß sie dort nicht hinein paßten, und begnügten sich mit den Besuchen, die ihnen die Verlobten in dankbarer Liebe abstatteten.

Am folgenden Tage veranstaltete Ulrich ein Fest auf der Nürnberger Burg, an dem zugleich die ganze Hochzeitsgesellschaft der Dürers und Fiedlers teilnahm. Alle angesehenen Leute Nürnbergs, auch die Künstler und höheren Zunftgenossen, waren dorthin geladen, und viele fanden sich ungebeten ein, um alle die Herrlichkeit wenigstens von weitem anzusehn. Musik, Gesang und Tanz vergnügte die Jugend; um die große Linde im Burghof führte man fröhliche Reigentänze auf, bei deren Anordnung sich besonders der Schwager Hans Fiedlers, der junge Albrecht Dürer, hervorthat. Mit künstlerischem Blick wußte er die schönsten Tanzfiguren einzuleiten und die schwierigsten Verschlingungen in anmutiger Gruppierung harmonisch aufzulösen. Alles schaute dem kunstreichen Tanz bewundernd zu, und der alte Maler Michael Wohlgemuth nickte wohlgefällig mit dem grauen Haupte: er war mit seinem Schüler zufrieden und prophezeite ihm eine glänzende Zukunft in der Kunst der Malerei, der er sich bereits gewidmet hatte.

Auf die festlichen Tage mit ihrem rauschenden Jubel folgten die Schmerzen und Thränen des Abschiedes. Lange hielten Mutter und Tochter sich umschlungen, als könnten sie nimmer voneinander lassen; in diesem Augenblick fühlten beide, daß sie einander nicht wiedersehen würden. — Vor der Thür stand ein, für damalige Begriffe bequemer Reisewagen, der die beiden jungen Frauen aufnehmen sollte; die Männer ritten daneben, einige hochbeladene Packwagen mit Möbeln und Hausrat waren unter sicherer Bedeckung schon um einige Tagereisen vorausgeschickt. Herr Wilibald Ebner gab den Reisenden eine Strecke weit das Geleit; noch einmal schloß er Margarete in seine Arme und gab ihr seinen väterlichen Segen. Dann schüttelte er Ulrich die Hand: „Macht sie glücklich,“ sagte er mit halb erstickter Stimme, „und haltet sie hoch und wert, sie ist ein seltenes Kleinod. Solltet Ihr aber des märkischen Sandes und des Hofdienstes überdrüssig werden und Euch nach der alten Heimat zurücksehnen, so wisset, daß ich in meinem Testament Hohenheiligen Margareten als Erbteil verschrieben habe, daß es ihr und ihren Nachkommen für alle Zeit gehöre.“ Damit wendete er sein Pferd und sprengte, ohne sich umzuschauen, nach der Stadt zurück.

So zogen die vier jungen Menschen in der Vollkraft ihres Wollens und Könnens hinaus: der Edelmann aus altem Rittergeschlecht, die Patriziertochter und die beiden Handwerkerkinder, um sich im fremden Lande Haus und Heim zu gründen. Mit sich nahmen sie die höhere Bildung, die verfeinerten Lebensformen und die künstlerischen Interessen ihrer alten Heimat und pflanzten sie als fruchtbare Keime in den Boden der Mark ein. Neue Geschlechter erblühten dort, welche fester und treuer zu den stammverwandten Kurfürsten hielten, als die märkischen Junker, die zum Teil noch lange in ihren Zollern-Fürsten Fremde und Eindringlinge sahen, und ihnen feindselig gegenüberstanden. Aber die Einwanderer fanden dort auch Gutes und Treffliches vor, das sie mit Freuden annahmen und das sich in den Seelen ihrer Kinder festwurzelte, und so erwuchs allmählich aus der Verschmelzung der verschiedenen Elemente ein tüchtiger Stamm, der die Tugenden des Nordens und Südens in sich vereinte und in fleißiger Arbeit und redlichem Streben, in unwandelbarer Unterthanentreue und aufrichtiger Frömmigkeit den Thron des Herrschers als feste Stütze umgab.

Neunzehntes Kapitel.
Nach vierzig Jahren.

Freunde der Jugend — im Alter vereint: es trennt sie der Glaube,

Hoffnungen sanken in Staub, aber die Liebe, sie bleibt!