Mehrere Jahrzehnte waren verflossen, eine neue Zeit war über Deutschland heraufgezogen. Der Schwan, den Meister Andreas so sehnsüchtig erwartet hatte, war hundert Jahre nach Hussens Tode erschienen: Luthers gewaltiges Auftreten lenkte das geistige Leben der Nation in ganz veränderte Bahnen. Alte Fesseln sprangen, gefangene Geister und Gewissen wurden frei; die dichte Wolke von Heiligen und Priestern, welche sich zwischen Erde und Himmel gedrängt hatte, teilte sich, und die frommen Herzen lernten ihren Weg zu Gott selbständig und ohne Fürsprecher finden. Die Klöster öffneten sich, und hunderte von Mönchen und Nonnen folgten dem Beispiel des Reformators, warfen die erzwungenen, oder als nichtig erkannten Gelübde von sich, um hinfort Gott nicht in beschaulichem Müßiggang, sondern in ehrlichem Arbeiten und Schaffen zu dienen. Auch in die Klassen der Mühseligen und Beladenen dieser Erde, vor allem in die der schwer gedrückten Bauern drang die frohe Botschaft von der evangelischen Freiheit und der Gleichheit aller Menschen vor Gott ein und wurde mit freudiger Hoffnung aufgenommen. Längst schon war ihnen das Joch der übermütigen geistlichen und weltlichen Herren unerträglich geworden; oft schon hatten sich hie und da Bauernbünde gebildet, welche die Befreiung der Unterdrückten anstrebten, jetzt kam ein neuer, mächtiger Antrieb in die Sache. Das Streben nach Abstellung des zeitlichen Elendes verband sich mit edleren Zielen, religiösen Gedanken und berief sich auf göttliche Gebote. Aber dem Edlen und Berechtigten mischten sich nur zu bald unreine Elemente bei; aufrührerische Geister predigten eine falsche Freiheit, ein gewaltsames Abschütteln aller alten Verpflichtungen. Ein Thomas Münzer, Jäcklin Rohrbach, Georg Metzler und andere entflammten durch Wort und Beispiel die Bauern zu furchtbarer Gewaltthat, und durch alle Gauen Deutschlands, vom Süden und Westen anfangend, zog sich der entsetzliche Bauernkrieg, der alles bedrohte, was vornehm, reich und gebildet war, oder unter der Herrschaft der Kirche stand.

Einige Meilen von Nürnberg entfernt, in der Nähe von Hohenheiligen, lag das Kloster gleichen Namens, das den Klarissinnen gehörte, einem Orden von der strengsten Regel. Das Kloster besaß ausgedehnte Ländereien und viele hörige Leute, die durch den adligen Klostervogt in tiefster Unterthänigkeit erhalten und zu harter Fronarbeit herangezogen wurden. Manches, was der Ritter versah, ward durch die Mildthätigkeit der Nonnen wieder gut gemacht; sie pflegten die Kranken, kleideten die Nackten, speisten die Hungrigen und erwarben sich manches „lohn’s Gott,“ während sich hinter dem Vogt oftmals eine schwielige Faust ballte und ein zorniger Mund ihm Rache schwur.

Im Sommer des Jahres 1525 war es, als sich von Weinsberg her, wo die Blutthat gegen den Grafen von Helfenstein Furcht und Entsetzen verbreitet hatte, die wilde Flut der Bauernbewegung gegen Würzburg wälzte; überall wurden Burgen und Klöster erstürmt und geplündert und die einheimische Bevölkerung zum bewaffneten Aufstande ermuntert. Ein räuberischer Haufe war bis nach Hohenheiligen gedrungen, hatte sich mit den hörigen Leuten des Klosters verbrüdert und beschlossen, den Vogt zu züchtigen und das reiche Klostergut an sich zu bringen.

Trefflich war der Überfall gelungen, der Ritter samt seinen Knechten war gefangen und unschädlich gemacht worden, ehe er sich um Beistand an seinen Nachbar wenden konnte; lärmend und tobend drang die wilde Horde gegen das Kloster vor. Die Thür, die fest verschlossen war, ward zertrümmert; wie ein reißender Strom ergoß sich die Rotte in die stillen Kreuzgänge. Nirgends war ein menschliches Wesen zu sehen, unheimliches Schweigen gähnte die Raubgesellen aus allen Winkeln und Zellen an. So drangen sie bis in die Kirche vor, aber hier hielten die rohen Männer unwillkürlich inne. Vor dem Altar, über dem die ewige Lampe schwebte, lagen die sämtlichen Nonnen auf den Knieen; in ihrer Mitte stand die Äbtissin, eine kleine, feine Gestalt im weißen, faltigen Rock und weißen Wimpel, der Brust und Hals in dicken Falten umgab. Vom Kopf herab wallte der schwarze Nonnenschleier bis zu den Ellenbogen, auf der Brust glänzte ein großes, goldenes Kreuz. In dem marmorweißen Antlitz stand keine Furcht geschrieben, nur feste Entschlossenheit; die dunklen Augen leuchteten in todesmutiger Ruhe; sie hielt den Anstürmenden ein Kruzifix entgegen, und ihre Lippen bewegten sich in leisem Gebet. Der Anblick hatte etwas überwältigend Feierliches, Ehrfurchtgebietendes; die von Hohenheiligen erinnerten sich plötzlich all der Wohlthaten, die ihre Frauen und Kinder hier empfangen hatten, sie senkten Spieße und Sensen und drückten sich still hinaus. Die Fremden aber ließen sich nicht lange einschüchtern; ein riesiger Bursche, der den Anführer machte, stellte sich der Äbtissin gegenüber und verlangte gutwillige Herausgabe aller Schätze, widrigenfalls er und seine Genossen sie mit Gewalt nehmen würden.

[(S. 217.)]

Der Retter in der Not.


GRÖSSERES BILD

„Die heiligen Gefäße und Gerätschaften gehören nicht mir, sondern dem Kloster,“ erwiderte die Äbtissin mit klarer Stimme; „nie, so lange ich atme, werde ich das anvertraute Gut den Händen der Feinde unsrer heiligen Kirche übergeben.“

„Nehmt Euch in acht, Ihr winziges Milchgesicht!“ rief der Sprecher drohend, „es kostet mir nur ein Aufheben meines Spießes, so ist Euer kindischer Widerstand gebrochen, und Ihr liegt erschlagen am Boden. Aber Ihr seid ein so erbärmlich schwacher Widersacher, daß ich Gnade gegen Euch üben will, wenn Ihr ohne weitere Umstände meinem Befehl gehorcht. Ich will bis zwanzig zählen: legt Ihr inzwischen alle Eure verborgnen Kostbarkeiten vor uns nieder, so sollt Ihr ungeschoren bleiben; weigert Ihr Euch, so wird’s Euch schlimm ergehen, und wir nehmen, was wir begehren, mit Gewalt!“