Er fing langsam zu zählen an, regungslos blieb die Äbtissin vor ihm stehen, während die zitternden Nonnen sich näher an sie drängten. „Sechzehn, siebzehn, achtzehn,“ zählte der Bauer; schon hob er seinen Spieß, und seine Mordgesellen hielten ihre Waffen zum tödlichen Schlage bereit — da fuhr plötzlich eine andre bewaffnete Schar auf die Räuber ein, Schwerter klirrten, Pistolenschüsse dröhnten durch die heilige Stätte. Ein wilder Kampf begann zwischen den Bauern und den neuen Ankömmlingen, welche durch eine Seitenpforte hinter dem Altar in die Kirche gedrungen waren und sämtlich die Abzeichen des Deutschen Ordens trugen. Der Anführer eilte auf die Äbtissin zu, schlug seinen weißen Mantel um sie und hob sie mit starken Armen empor. „Ihr müßt fliehen, hochwürdigste Frau!“ rief er ihr zu und schleppte sie durch das Pförtchen; eilenden Fußes folgten ihm die Nonnen. Er hob die Äbtissin auf sein Pferd und jagte mit ihr davon, während die frommen Schwestern ihr Heil in wilder Flucht suchten.

Das alles war so schnell und mit so unwiderstehlicher Gewalt vor sich gegangen, daß die geistliche Frau kaum zur Besinnung kam, geschweige denn einen Widerstand versuchen konnte. Nach einigen Minuten richtete sie sich auf und fragte in strengem Ton: „Wer seid Ihr, und wohin bringt Ihr mich?“

„Ich bringe Euch in Sicherheit, Irmgard von Maltheim,“ erwiderte der Ritter; „Euer todeskühner Leidensmut würde Euch diesen Buben gegenüber wenig genützt haben, und nicht unter ihren kirchenschänderischen Händen solltet Ihr Euer Leben aushauchen.“

„Ihr nennt einen Namen, der längst begraben ist,“ versetzte sie wehmutsvoll; „seit einem halben Jahrhundert habe ich Schwester Matthäa geheißen. Und Ihr? woher kennt Ihr meine Vergangenheit? von wannen kommt Ihr?“

„Kennt Ihr mich denn gar nicht mehr, Irmgard? ist kein Zug an mir, der Euch an die alte, längst verklungene, glückliche Jugend gemahnte?“

Sie sah ihn aufmerksam an. Das Gesicht war einst vielleicht schön gewesen, aber eine harte Zeit hatte es mit tiefen Furchen gezeichnet, Haare und Bart waren grau, und um den Mund lag ein Zug bitterer Enttäuschung. Nur in den dunklen Augen glühte noch das Feuer früherer Tage, — und diese Augen, obwohl sie einst lachend und sorglos in die Welt hinausgeschaut, riefen ihr das Bild des Jugendfreundes zurück. „Ihr müßt Berthold Ebner sein,“ sagte sie, tief aufatmend.

„Ich war es, aber auch ich habe diesen Namen längst begraben, meine Flucht aus dem Kloster hatte mich seiner unwert gemacht. Als mich der Hochmeister unsres Ordens zum Ritter schlug, legte er mir den Namen Berthold von Franken bei, und diesen habe ich seit vierzig Jahren, wie ich hoffe, nicht mit Unehren geführt.“

Vor ihnen tauchte jetzt ein schmuckes Herrenhaus auf, keine Burg mit Türmen und Gräben, mit Donnerbüchsen gespickt, sondern ein friedlicher Landsitz, der zwar von einer Mauer umgeben und mit starken Thoren versehen war, aber doch ein freundliches, ländliches Gepräge trug. „Wißt Ihr, wer hier wohnt?“ fragte Berthold.

„Auch ein Genosse unserer Jugend: Ulrich von Maltheim.“

„Mein Schwager Ulrich?“ rief er erstaunt, „welch wunderbares Zusammentreffen! Ich glaubte ihn in kurbrandenburgischen Diensten, wo ich ihn vor fünfzehn Jahren aufgesucht habe!“