„Er hat sich vom Hofdienst in diese ländliche Stille zurückgezogen. Hätte er nur geahnt, was uns drohte, er wäre uns gleich zu Hilfe geeilt, obgleich auch er unsrer heiligen Mutter Kirche untreu geworden und zum neuen Glauben übergetreten ist.“

„Darf ich Euch bitten, hier abzusteigen, Irmgard, und allein einzutreten?“ fragte Berthold, als sie am Thor angelangt waren, „ich muß zurück, um nach meinen Leuten zu sehen.“

„O ich bitte Euch, erkundigt Euch auch nach meinen armen Schwestern — ich habe sie treulos in der Gefahr verlassen, wie ein Mietling, der den Wolf kommen sieht und flieht!“

„Ihr gehorchtet nur dem Zwange, auch hättet Ihr sie nicht schützen, nur mit Ihnen sterben können. Aber seid ohne Sorge, meine Leute werden den Rebellen wacker die Zähne gezeigt haben, und dieser elende Bauernpöbel flieht, sobald man ihm ernsthaft gegenübertritt.“

Als Berthold nach wenigen Stunden zurückkehrte, konnte er gute Nachricht mitbringen: die Ordensbrüder waren mit dem Bauerntrupp bald fertig geworden, der Vogt und seine Knechte waren befreit und das Kloster besetzt, um es gegen eine Wiederkehr der Aufrührer zu schützen. Mehrere Nonnen waren bereits zurückgekehrt, anderen, die sich in der Nähe verborgen, war Botschaft gesendet worden, daß sie nichts mehr zu fürchten hätten, einige freilich hatten die gute Gelegenheit benutzt, um die heimlich ersehnte Freiheit zu gewinnen. Die Äbtissin ließ sich, angesichts der hergestellten Sicherheit, überreden, den Tag über in dem verwandten Hause zu verweilen und erst zur Nacht in das Kloster zurückzukehren.

Es war ein wehmütiges, und doch unendlich wohlthuendes Beisammensein der alten, so lange getrennten Jugendgenossen, die hier in trautem Kreise ihre Lebensschicksale austauschten. Am wenigsten hatte Irmgard zu berichten; aus dem langen Gleichmaß ihrer Tage ragte eigentlich nur ein großes Ereignis hervor: ihre Wahl zur Äbtissin. Auch in ihre streng geregelte Gemeinschaft hatte die Kunde von Luthers Auftreten Eingang gefunden, aber die unwandelbare Festigkeit der Oberin, welche mit Liebe und ernstem Eifer über die ihr anvertrauten Seelen wachte, hatte bis jetzt noch jeden Abfall vom alten Glauben verhindert.

Viel bewegter war das Leben gewesen, von dem Ulrich und Margarete zu erzählen hatten. Manche Not und Widerwärtigkeit hatten sie in der Mark zu überwinden gehabt, wo die Zustände noch vielfach ungeordnet, die Mittel immer knapp waren. Aber die unverbrüchliche Liebe und Treue, welche die beiden Gatten vereinte, hatte weder in guten, noch in bösen Tagen gewankt, und wenn Ulrich in seinem Amt auf Schwierigkeiten stieß, wenn ihm zuweilen Hindernisse in den Weg traten, die seine guten Absichten kreuzten und ihm bittere Täuschungen bereiteten, so fand er in seinem Hause immer einen Hafen des Friedens, in dem seine Kraft sich stärkte und sein Streben neue Anregung fand. Nach Johann Ciceros Tode war Ulrich in den Dienst seines Nachfolgers, Joachims des Ersten, übergegangen und hatte denselben in seinem Bemühen, die Rechtspflege zu fördern und die Verwaltung in gedeihliche Bahnen zu lenken, mit all seinem Wissen und Wollen kräftig unterstützt. Als aber die neue Zeit anbrach und die Reformation ihren Siegeslauf begann, als Ulrich und sein Weib sich der reineren Lehre alsbald mit ganzem Herzen anschlossen, da hatte der Abscheu des Fürsten gegen die Neuerung seinem geheimen Rat den weiteren Dienst unmöglich gemacht, und derselbe hatte sich nach Hohenheiligen zurückgezogen, das nach des Vaters Tode Margareten zugefallen war. Hier führte er ein stilles Leben voll geistiger Arbeit, während sich sein Ehegemahl in der alten Heimat sehr glücklich fühlte. Sie sorgte wie eine Mutter für alle Elenden und Betrübten und ward von ihrer Umgebung unbeschreiblich verehrt. In Hohenheiligen hätten die Anführer sicher keinen Anklang mit ihren Aufreizungen gefunden, denn dort wurden alle gerechten Beschwerden liebevoll angehört und abgestellt; das kleinste Bäuerlein konnte seinen Acker in Frieden bauen und dessen Früchte ohne erdrückende Lasten und Fronen genießen.

Die Kinder des edlen Elternpaares waren in aller Welt zerstreut, die Söhne dienten verschiedenen Herren, nur der jüngste studierte, zur Freude seiner Mutter, zu Wittenberg die Gottesgelahrtheit, um einst ein Prediger des Evangeliums zu werden. Von den Töchtern war nur noch eine zu Hause, und ihre holde Jungfräulichkeit bildete einen lieblichen Gegensatz zu der matronenhaften Schönheit und Würde, welche Frau Margareten eigen waren. Unter der weißen Schleierhaube, die das ergraute Haar bedeckte, leuchteten deren graue Augen in ungetrübtem Glanze hervor, ein Hauch von Milde und Güte lag über den edlen Zügen, und die hohe, ungebeugte Gestalt kam auch in der schlichten Kleidung des Alters noch zu voller Geltung. —

Bertholds Geschichte war eine Kette trüber Täuschungen. Die Flucht aus dem Kloster hatte ihm wie ein schwerer Bann auf Seele und Gewissen gelegen; er konnte der gestohlenen Freiheit nicht froh werden, und sein Leben ward, wie das seiner Mutter, eine Reihe von Bußen, um diese Schuld zu sühnen. Nur zu bald hatte er erkennen müssen, daß er sein Leben an eine verlorne Sache gesetzt habe, daß der Deutsche Orden im Absterben sei und seinem Ende entgegeneile. Weder Friedrich von Sachsen, noch Albrecht von Brandenburg, die letzten Hochmeister, hatten es vermocht, dem Verderben Einhalt zu gebieten; von innen hatten sich die alten Bande der Zucht und Ehre völlig gelockert, von außen drohte Polen mit seiner Übermacht den Orden zu erdrücken, und die Kraft und Tapferkeit der Einzelnen erschöpfte sich in nutz- und ruhmlosen Kämpfen. Endlich hatte Albrecht Frieden mit der Krone Polen gemacht und über den Trümmern der Ordensherrschaft ein weltliches Herzogtum Preußen errichtet; dann hatte er den neuen Glauben angenommen und sich mit einer Fürstentochter vermählt. Aber nicht alle Ordensritter wollten sich der neuen Ordnung der Dinge fügen; viele zogen sich grollend zurück, unter ihnen Berthold, den das Gelübde seiner Mutter mit unzerreißbaren Banden gefangen hielt. Mit einer Schar gleichgesinnter Ordensbrüder, die ihn zum Anführer erwählten, hatte er das Preußenland verlassen, um nach dem Süden zu ziehen, wo der Deutschmeister Walter von Kronberg zu Mergentheim die zersprengten Reste vereinigte, und wo der Deutsche Orden noch lange ein schattenhaftes Dasein, ohne innere Kraft und Bedeutung, führen sollte. Die Zeiten des Rittertums waren unwiederbringlich dahin, selbst der ritterliche Kaiser Maximilian hatte die abgestorbenen Formen nicht neu beleben können. Man nannte ihn den letzten Ritter, und mit ihm ward die alte Zeit für immer begraben. —

„Was ist aus unserm Jugendgespielen Hans Fiedler geworden?“ fragte Berthold.