An einem sonnigen Morgen brach die Familie mit Janko und Miklos auf, ein schwer beladener Packwagen mit dem nötigsten Hausrat begleitete sie. Der Tag ward von den Bewohnern von Maltheim als ein Freudenfest begangen, aber von niemand mehr, als von Frau Kunigunde und Ulrich. Mehr als einmal sahen sich die Mägde verstohlen lächelnd und verständnisvoll an, wenn aus dem Munde der Edelfrau, mitten unter ihren häuslichen Beschäftigungen, singende Töne hervorbrachen, als könne sie die Freude ihres Herzens gar nicht unterdrücken. Abends kam Ulrich freudestrahlend zum Ritter. „Denkt nur, Herr Vater, heute habe ich drei Spatzen im Fluge mit dem Bolzen erlegt; Lukas sagt, es sei ein Meisterschuß.“
„Sieh da, mein Knabe,“ sagte Herr Werner angenehm überrascht, „treibst du auch ritterliche Künste neben der Büchergelehrsamkeit?“
„Ei freilich, Herr Vater; ich habe mich fleißig im Schießen geübt, ich möchte alles lernen, was Euch wohlgefällt.“
„Das ist brav, mein Junge,“ versetzte der Alte und strich ihm freundlich über die langen Locken, „vergiß es nie, daß du der Sproß eines der edelsten Häuser im Frankenlande bist.“ —
So waren Ruhe und Frieden wieder in Maltheim eingekehrt, die auch der Ritter wohlthuend empfand, obgleich er nichts darüber sagte. Junker Veit ließ sich selten blicken, und wenn Walburg auch zuweilen zum Besuch herüberkam — sie that es nur, wenn die Not sie trieb, und hatte stets eine Menge von Wünschen vorzubringen —, so ließ sich das schon ertragen, denn es war doch immer ein baldiges Ende abzusehn.
Fünftes Kapitel.
Das letzte Opfer.
Über der zitternden Stadt schwingt ihre Geißel die Seuche,
Folget dem Flüchtling selbst bis in das sichre Asyl.
Der Sommer war vorüber, er hatte den Nürnbergern nur wenige ungetrübte Tage gebracht. Drückende Schwüle, heftige Gewitter und viel Regen hatten miteinander abgewechselt, und mühsam hatte man die Ernte von den Feldern eingebracht, die unter solchen Umständen keine reiche und erfreuliche sein konnte. Unter den wohlhabenderen Reichsstädtern war kaum einer, der nicht ein ländliches Grundstück besessen hätte, die kleineren Bürger hatten wenigstens ein Stückchen Land gepachtet oder zu eigen, worauf sie ihren Kohl und etwas Korn bauten; daher war auch in der Stadt die Mehrzahl der Einwohner an dem Ertrage des Feldbaus unmittelbar beteiligt. — Auch der Herbst schien es nicht besser im Sinn zu haben, als der Sommer; keine Woche verging, in der nicht gewaltige Regengüsse herabgestürzt wären und die Straßen in Bäche verwandelt hätten, aus denen die großen Steine des Bürgersteiges wie Inselchen hervorguckten. Nachts ließen sich am Himmel allerlei merkwürdige Zeichen sehen, ungewöhnliche Konstellationen der Sterne, welche die Eingeweihten sehr bedenklich machen; alte, erfahrne Leute schüttelten bedeutungsvoll die Köpfe und sprachen in düsterem Prophetenton von Pestilenz und teurer Zeit, wohl gar von einem Kriege mit dem Türken. Die Erfüllung dieser bösen Anzeichen ließ auch nicht lange auf sich warten, die Preise stiegen infolge der mangelhaften Ernte sehr hoch, und im November fing man an zu munkeln, daß hier und da in den ärmeren Stadtteilen ein Fall von Pest vorgekommen sei. Man suchte anfangs diese traurige Thatsache möglichst geheim zu halten; als aber im Februar die Kälte nachließ und Tauwetter eintrat, als über dem durchweichten Erdboden eine dicke, schwere Nebelluft lagerte und giftige Dünste aufstiegen, — da konnte kein Zweifel mehr sein: die Pest herrschte in Nürnberg und forderte täglich ihre Opfer, die sie bald nicht allein aus den Reihen der Armen und Geringen, sondern auch aus den Häusern der Reichen und Vornehmen wählte.