Eines Morgens ward zu ungewöhnlich früher Stunde an die Thür des Ebnerhauses gepocht: Jungfer Magdalene Löffelholzin stand davor, ein großes Bündel im Arm; sie sah bleich und verstört aus. „Ihr bringt schlimme Kunde, Base Lene!“ rief ihr Frau Ursula erschrocken entgegen, „was ist Euch begegnet?“
„Die Pest ist bei uns eingekehrt,“ versetzte sie mit zitternden Lippen, „ich sprach gestern noch mit meiner Wirtin und gab ihr etwas zur Stärkung für ihren kranken Mann, — heute sind beide tot, die Magd ist fortgelaufen — mir graute in dem öden Hause — wollt Ihr mich gütig bei Euch aufnehmen?“
„Gern, Base Lene; wie oft habe ich es Euch schon angeboten, aber Ihr wolltet ja durchaus Euer eigner Herr bleiben. Ihr wißt, Euer Stübchen oben im Giebel steht immer für Euch bereit. Legt schnell Haube und Mantel ab, ein warmes Süpplein wird Euch wohlthun.“
Eben trug die Magd die dampfende Morgensuppe auf und stellte Brot, Eier und Speck daneben; eine Glocke rief die Hausgenossen zum Frühstück zusammen. Am oberen Ende der langen Tafel saß der Hausherr, zu seiner Rechten die etwaigen Gäste, links die Kinder und die Hausfrau. Weiter abwärts schlossen sich die Schreiber und Lehrlinge der Handlung, die Knechte und Mägde des Hauses an; alle standen ehrerbietig mit gefalteten Händen hinter ihren Stühlen, bis Berthold das Gratias gesprochen und die Herrschaft sich niedergesetzt hatte. Es wurde wenig gesprochen; wen der Herr oder die Frau nicht anredete, der that seinen Mund nicht auf, aber es ward tüchtig und ohne Scheu gegessen, und die großen Schüsseln gingen fleißig von Hand zu Hand. Erst, als die Hausgenossen mit einem „Gesegne es Gott!“ sich entfernt hatten, erzählte Magdalene Herrn Wilibald, was sie so früh hierher getrieben. „Mein Haus, Jungfer Base, steht Euch allezeit offen,“ sagte er mit ernster Freundlichkeit, „aber wie lange wird es noch eine Sicherheit gegen die Seuche darbieten? Wenn es so fortgeht, muß ich die Meinen fortschicken, doch wo sie bleiben, wird es auch für Euch einen Platz geben.“
Schon nach wenigen Tagen teilte Herr Ebner seiner Gattin mit, daß er einen Boten nach dem Annenhof geschickt habe, um die alte Crescenz auf ihr Kommen vorzubereiten; sie möge so bald als möglich sich und die Kinder für eine längere Abwesenheit in Bereitschaft setzen. „Und Ihr wollt allein in der verpesteten Stadt bleiben, lieber Herr?“ fragte Ursula angstvoll; „o ich bitte Euch, kommt mit uns hinaus, ich verginge vor Angst, wüßte ich Euch hier der Gefahr ausgesetzt.“
„Ich muß als Ratsherr auf meinem Posten bleiben und in schweren Zeiten das Wohl der Stadt zu hüten suchen,“ versetzte Ebner ernst; „ich kann so wenig fort, wie ein Hauptmann sein Fähnlein in der Schlacht verlassen darf.“
Sie sah mit einem Ausdruck scheuer Ehrfurcht zu dem älteren Manne auf, der immer so hoch über ihr zu stehen schien; hätte sie nur die Arme um seinen Hals schlingen und ihm alles sagen dürfen, was sie fühlte — aber sein kühles, gemessenes Wesen scheuchte die warme Empfindung immer unausgesprochen zurück in die Tiefen ihres Herzens. „Wer soll hier für Euch sorgen, teurer Herr?“ fragte sie niedergeschlagen, „wem kann ich das Vertrauen schenken, daß er in solcher Zeit alles Nötige für Euer Behagen thun wird?“
„Unsre alte Brigitte ist eine brave, zuverlässige Magd, sie wird es mir sicher an nichts fehlen lassen.“
„Es soll alles geschehen, wie Ihr es befehlt, lieber Herr,“ sagte Ursula nach kurzer Überlegung; „ich beuge mich Eurem Willen und Eurer Einsicht, die gewiß auf unser Bestes bedacht sind.“
„Du thust recht daran, liebes Weib,“ erwiderte er mit einem freundlichen Blick; „du kannst sicher sein, daß das Wohl meiner Familie mir bei Tag und Nacht am Herzen liegt.“