Kaum hörte Magdalene von der bevorstehenden Übersiedelung, als sie sich erbot, in der Stadt zu bleiben und Haus und Hausherrn zu versorgen. „Ihr, Base Lene, Ihr wollt bei ihm bleiben und seine Gefahr teilen,“ rief Ursula schmerzlich, „und ich, sein Weib, soll in sicherer Ferne abwarten, was ein feindliches Geschick vielleicht über ihn verhängt? wäre es nicht mein Recht, an seiner Seite auszuharren? Geht Ihr mit den Kindern nach dem Annenhof und laßt mich hier.“

„Was liegt an meinem einsamen Leben?“ fragte Magdalene wehmütig, „und wem wäre mein Tod ein unüberwindlicher Schlag? Ihr müßt Euch Eurem Gatten, Euren Kindern erhalten, Ursula, sie alle können Euch nicht missen. Ist es mir aber beschieden, der Seuche zu erliegen, so grüßt meinen Adam, wenn er zurückkehrt, und sagt ihm, ich wäre ihm treu geblieben. Vielleicht finde ich ihn schon drüben, und alles Warten und Sehnen hat dann ein Ende!“

Die nächsten Tage vergingen in eifrigen Zurüstungen; eines Morgens hielt der schwerfällige Reisewagen auf dem Hofe, alle Diener des Hauses trugen Bündel und Körbe herab, um sie aufzuladen. Zuletzt erschien Herr Wilibald mit seiner Familie; schluchzend warf sich Ursula in seine Arme: „Alle vierzehn heiligen Nothelfer sollen Euch behüten und beschirmen, mein teurer Gatte; möchten sie uns in Glück und Freude wieder zusammenführen! O, wie ist mir so bange ums Herz, als stünde uns Schweres bevor!“

„Laß uns einander nicht weich machen, liebes Weib,“ versetzte Ebner gehalten; „was geschehen muß, geschieht am besten in ruhiger Fassung. Sankt Sebald und die heilige Jungfrau mögen Euch geleiten!“ Er küßte sie auf die Stirn und half ihr in den Wagen; auch die Kinder küßte er ohne Erregung, nur sein Töchterchen Margarete hielt er einen Augenblick länger in seinen Armen, — das sinnige, kleine Mädchen mit den ernsten grauen Augen war dem Herzen des ernsten Mannes wohl das teuerste Kleinod.

„Ihr werdet mir doch fleißig schreiben?“ bat Ursula noch von oben herab.

„Ich werde dir jede Woche einen Boten schicken, der dir Nachricht bringt,“ erwiderte er, knöpfte selbst den Ledervorhang fest, welcher die Öffnung schloß, und gab dem Kutscher das Zeichen zur Abfahrt. Er sah dem Wagen, dem sich zur Sicherheit einige reisige Knechte anschlossen, nach, bis er den Thorweg passiert hatte, dann ging er in sein Kontor, und niemand merkte ihm an, daß heute etwas Besonderes vorgefallen sei.

Obgleich die Entfernung von der Stadt bis zum Annenhofe nur wenige Meilen betrug, so bedurfte es bei der entsetzlichen Beschaffenheit der Landstraße doch vieler Stunden, um den Weg zurückzulegen; die Reisenden waren von allen Gefahren des Umwerfens und Steckenbleibens bedroht, und Menschen und Tiere waren in einem Zustande fast tödlicher Erschöpfung, als sie endlich ihr Ziel erreichten. Frau Crescenz hatte wacker geschafft, um das bescheidene Haus zum Empfang der geliebten Herrschaft instandzusetzen; über der Hausthür prangte ein Kranz von frischem Tannengrün, sie selbst stand im Feierkleide, dem dunkelroten Faltenrock mit der großen, weißen Schürze und der gesteiften, weißen Haube, mit Hans auf den Stufen, um die Gestrenge zu begrüßen, während alle Knechte und Mägde des Hofes am Thorwege aufgestellt waren, um den Wagen feierlich bis an das Haus zu geleiten. Einige sprangen diensteifrig hinzu, um den Vorhang zu öffnen und die mehrstufige Leiter, welche von dem hohen Gefährt bis auf den Boden reichte, herabzulassen. Mühsam kletterten die Insassen, denen von der schrecklichen Fahrt noch alle Glieder zitterten, herab, nur Berthold sprang mit einem Satz zur Erde und stellte sich mit forschender Neugier vor Hans auf. „Ich bin Berthold Ebner, und du?“

„Ich bin Hans Fiedler.“

„Kannst du jagen und klettern?“

„Ei freilich.“