„Auch raufen und schlagen?“
„Wer mich schlägt, den schlage ich wieder, sonst mache ich mir nichts daraus.“
„Kennst du Wald und Flur?“
„Wie meine Tasche.“
„Dann bist du mein Mann! schlag ein, wir wollen gute Kameraden sein.“ So war die Freundschaft der Knaben schnell geschlossen.
Das Haus zeigte einen einfachen, ländlichen Zuschnitt; der Luxus des städtischen Lebens mit seinen verfeinerten Ansprüchen hatte noch keinen Eingang gefunden, da die Familie des Herrn nur selten hier verweilte. Die Mitte des niedrigen Gebäudes nahm ein großer Raum ein, der sowohl als Küche, wie zum Aufenthalt diente. In einer Ecke stand der riesige Feuerherd mit dem gewaltigen Rauchfang darüber, an den Wänden lange Regale, die mit blitzend blankem Metallgeschirr, mit irdenen Tellern und Krügen besetzt waren. Der bunte Ziegelfußboden war mit hellem Sande bestreut, unter den schneeweiß gescheuerten Tischen und Bänken lagen zierlich geflochtene Matten. Ebenso sauber war das Gemach zur Rechten, das zur Aufnahme der Gebieterin und ihrer Kinder eingerichtet war. Das große Himmelbett mit den blau und weiß gewürfelten Vorhängen, der mächtige Tisch mit dem knaufigen Gestell, die großen Truhen, der schwerfällige Lehnstuhl — das alles stammte aus alter Zeit und hatte sicher schon den Großeltern der jetzigen Besitzerin gedient, aber es war alles wohl erhalten und nicht ohne altväterische Behaglichkeit. In keinem Raume des Hauses fehlte der kleine Weihwasserkessel neben der Thür und zwischen den Fenstern ein Kruzifix oder geschnitztes Heiligenbild, das heute mit frischem Tannengrün geschmückt war.
„Wie geht es deiner Afra?“ fragte Frau Ursula, als Crescenz mit Händeküssen und Versicherungen ihrer Freude kein Ende finden konnte.
Die Alte fuhr mit der Schürze über die Augen: „Ach, gestrenge Frau, es ist immer in einer Weise mit ihr. In Jahr und Tag hat sie nicht zwanzig Worte mit mir oder ihrem einzigen Kinde gesprochen; sie sitzt immer da und spinnt und schlägt die Augen zu Boden, und lacht nicht und weint nicht — es ist etwas tot in ihr oder entzwei gesprungen — die heilige Anna mag wissen, was es ist. Was habe ich nicht geweint und gebetet, wie viel Kerzen im Annenkapellchen angezündet, wieviel Messen von Pater Anselmus lesen lassen, — es hilft alles nichts; sie bleibt so stumm, wie sie gewesen, und schüttelt zu allem nur den Kopf, — nicht böse oder verstockt, aber so traurig, daß einem das Herz dabei blutet. Wenn Ihr es noch versuchen möchtet, ihr zuzureden, gestrenge Frau! Euch hat sie von klein auf geliebt und verehrt, Ihr seid meine letzte Hoffnung, denn selbst der Priester vermag nichts über sie.“
„Quält das arme Weib nicht,“ sagte Ursula, ergriffen von dieser Schilderung eines tiefen Seelenleidens; „sie hat mehr Schweres erlebt, als ihr Geist zu fassen vermochte. Vielleicht senden die Heiligen einmal eine Hilfe ohne unser Zuthun.“
Das Wiedersehen mit der Jugendgespielin schien wenig Eindruck auf Afra zu machen, sie beugte sich über die dargebotene Hand, um sie zu küssen, sah aber kaum auf und spann unbewegt weiter. Nur beim Anblick der kleinen Mädchen überlief ein leises Zittern ihre Gestalt, doch nur für einen Augenblick; die runden, rosigen Geschöpfchen, die lachend umherspielten, erinnerten doch zu wenig an ihren bleichen, verlornen Liebling. Margarete aber faßte eine seltsame Zuneigung zu der stillen Frau, die immer auf derselben Stelle saß und ihr Spinnrad eintönig schnurren ließ. Oft rückte das Kind sein kleines Stühlchen nahe an Afra heran und sah ihr unverwandt zu; als es draußen zu blühen begann, brachte sie ihr Schürzchen voll Blumen, schüttete sie auf Afras Schoß und sah dabei so suchend und fragend in die gesenkten Augen, bis endlich ein Strahl der Erkenntlichkeit darin aufleuchtete. Und wenn Afra auch ihr Schweigen nicht brach, so legte sie doch mitunter ihre Hand wie segnend auf des Kindes lockiges Köpfchen, das sich so zärtlich an sie schmiegte. Das war auch ein neugeschlossener Freundschaftsbund, wennschon von ganz anderer Art, wie der der beiden Knaben.