„Aber all die lieben, kleinen Kinderchen, die noch gar nicht gehen und sprechen konnten, die waren doch nicht schlecht und ungehorsam, warum mußten die auch ertrinken?“ fuhr Margarete in steigender Erregung fort, „warum konnten die nicht lieber in der Arche gerettet werden, statt der häßlichen, wilden Tiere, die nichts thun, als brüllen und andre auffressen?“

Ulrich sah sie ein wenig erschrocken an; seine kleine Freundin liebte es, Fragen zu stellen, auf die er schwer eine Antwort fand. „Die kleinen Kinder wären mit der Zeit auch schlecht geworden,“ sagte er etwas unsicher, „daher mußte das ganze Geschlecht vertilgt werden, das den Zorn des Herrgotts erregt hatte.“

Die Kleine schwieg eine Weile, dann sagte sie scheu und leise: „Ulrich, ist der Herrgott so zornig? Berthold sagt manchmal, unser Vater sei streng, aber der große Gott ist viel strenger, als er. Denn wenn ich mein Väterchen recht herzlich um etwas bitte, so thut er es, und er hat schon manchmal Berthold die Strafe geschenkt.“ —

Ulrich ritt in tiefen Gedanken nach Hause und überschüttete daheim Pater Benedikt mit dringenden Fragen: warum die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden müßten, warum es in der Schöpfung so viel feindliche Gewalten gäbe, die dem Menschen Verderben brächten, und warum Gott so viel strenger sei, als irdische Väter. Der Pater gab ihm Antwort, soweit er es vermochte, aber zum Schluß sagte er ihm wieder: „Uns ziemt es nicht, nach dem Warum zu fragen, sondern im Staube anzubeten. Hüte dich, mein Sohn, daß dich der grübelnde Verstand nicht um die Seligkeit eines einfältigen Glaubens betrüge.“ Dann schwieg der Knabe, aber er hoffte im stillen auf eine Zeit, in der er auf alle seine Fragen klare Antwort erhalten würde, und immer höher stieg in seiner Seele der Durst nach Weisheit und Erkenntnis.

Endlich ging auch Bertholds heißester Wunsch in Erfüllung: er durfte ein Pferd besteigen und unter Just’s Anleitung reiten lernen. Er war unendlich stolz darauf, denn er betrachtete diese Kunst als die erste Stufe zu den Heldenthaten und dem Rittertum, von denen er beständig träumte. Es war ein großer Tag für ihn, als er zum erstenmal nach Burg Maltheim reiten durfte; ganz erfüllt von den Herrlichkeiten, die er dort gesehen, kehrte er abends zurück. So müde er war, konnte er doch nicht eher die Augen schließen, bis er seinem Mütterchen alles genau berichtet hatte: die alte Ritterburg mit Graben und Zugbrücke, mit Mauern und Türmen, die große Halle mit ihren Waffen und Rüstungen, die gewölbte Bücherei mit den uralten Pergamenten, in denen die Chronik derer von Maltheim seit unvordenklichen Zeiten aufgezeichnet war, — das alles waren für ihn die ersten greifbaren Verkörperungen seiner Ideale, die ihm bisher nur nach Erzählungen und mangelhaften Bildern vorgeschwebt hatten. „Es war alles so schön und groß,“ erzählte er in atemlosem Eifer, „aber das Allerschönste war doch die kleine Irmgard! Solch ein Kind hast du noch nie gesehen, Herzmutter! — sie ist nicht frisch und rund, wie Grete — nein, so zart und fein, als könnte sie davonfliegen, ihre Haare sind hell, aber nicht goldig wie die Ulrichs, oder weiß wie Elsbeths, sondern so, als ob ein Schleier darüber läge — ähnlich wie die von Afra. Und dann hat sie so große, dunkle Augen wie — ja, wie nur? einmal sah mich Afra ganz groß an, da sahen ihre Augen auch so aus, sonst kenne ich keine ähnlichen.“

„Ist denn Irmgard unsrer Afra ähnlich?“

„O nein, nein, wie kannst du so etwas denken? sie ist wie ein Königskind. Ich wollte, sie wäre eine Prinzessin und würde von einem Drachen bewacht, und ich wäre ein Ritter und könnte ausziehen, um sie zu befreien! Wie wollte ich mein Schwert schwingen und allen Gefahren trotzen und nicht eher ruhen, bis ich sie erlöst hätte, und die weiße Rose mein wäre! Sie ist so weiß wie Schnee, Mutter, kein Tröpflein Blut fließt in ihren Wangen.“

„Das arme Kind ist wohl krank; mir würde das nicht gefallen.“

„O Mutter, ich finde das aber schön!“ sagte Berthold, „viel schöner, als dicke — rote — Backen —“ und damit fielen ihm die Augen zu. —

Während der Aufenthalt auf dem Annenhof den Kindern mancherlei Freuden und Anregungen brachte, gingen für Frau Ursula die Wochen in drückender Eintönigkeit vorüber. Die einzige Abwechselung gewährte ihr der Bote aus der Stadt, der mit höchster Pünktlichkeit in jeder Woche erschien und ihr einen Brief ihres Gatten brachte. Mit peinlicher Ungeduld sah sie ihm entgegen, denn die Tage wurden ihr lang, und Sehnsucht und Sorge stiegen immer höher. Anfangs hatte der Ratsherr nicht viel Erfreuliches zu melden, die Pest forderte zahllose Opfer, und mancher, der morgens noch wohlauf war, lag abends auf der Bahre, darunter mehr als ein guter Freund des Hauses. Noch trostloser klang das, was der Knecht mündlich berichtete: viele Häuser ständen offen, weil niemand darin sei, um sie zu verschließen; still und öde wären die Straßen, auf denen nur der Priester und der Sakristan mit vermummten Gesichtern hin- und hereilten, um den Sterbenden das Sakrament zu bringen. Außer dem Meßglöcklein höre man kaum einen Laut, denn die Glocken dürften nicht mehr geläutet, und die Toten müßten bei Nacht, draußen vor der Stadt, begraben werden; überall seien auf den Plätzen große Feuer angezündet, um die Luft zu reinigen, und wenn sich zwei auf der öden Straße träfen, so eile einer ohne Gruß am andern vorüber, denn jeder fürchte, der Atem des Nachbars könne ihm Ansteckung und Verderben bringen.