Aber als der Frühling vorschritt und die Nässe des Bodens austrocknete, als reinere Lüfte wehten, da schien die Gewalt der furchtbaren Seuche sich endlich zu brechen, und im April konnte Herr Wilibald der Gattin melden, daß er für einen Tag wenigstens hinauskommen dürfe, um die Seinen wiederzusehn und nach der schweren Zeit einige Stunden der Erholung zu genießen. Frau Ursula drückte das Blatt an ihre Lippen und sendete ein heißes Dankgebet zum Himmel empor; war doch die Zeit der Heimsuchung mit all ihrer tödlichen Angst glücklich vorübergegangen, hatten doch die Heiligen, die sie ohn’ Unterlaß angerufen, ihr Haus so gnädig behütet, daß keinem der Ihrigen ein Leid widerfahren war.

Ganz erfüllt von Dank und Freude saß sie an einem lieblichen Abend vor der Thür des Hauses, in ehrerbietiger Entfernung stand Crescenz, mit der sie freundlich plauderte, während die kleinen Mädchen unter Obhut ihrer Wärterin in ihrer Nähe spielten. „Die Sonne sinkt,“ sagte Frau Ursula aufblickend, „es wird Zeit, die Kleinen zur Ruhe zu bringen. Wo nur die Knaben bleiben? sie sind schon stundenlang fort.“

„Sie sind in den Wald gegangen,“ versetzte die Alte, „aber seid ohne Sorge, gestrenge Frau, Hans ist verständig und weiß, daß er mit dem Abendläuten zu Hause sein muß.“ Aber der Klang der Feierabendsglocke war längst verstummt, und von den beiden war noch immer nichts zu sehen. Crescenz lief vor das Hofthor und spähte nach allen Seiten aus, und da kamen sie endlich an, atemlos und erhitzt vom eiligen Lauf, und nicht schnell genug konnten sie erzählen, was sie erlebt hatten. Sie hätten im Walde einen Wanderer getroffen, der gar müde gewesen sei und nicht weiter gekonnt hätte; Hans habe an seinen Vater denken müssen, und da habe der Mann ihn von Herzen gedauert; sie hätten ihm ein Lager von Laub und Moos zurechtgemacht und ihm vom nahen Bache Wasser geholt, denn er habe über brennenden Durst geklagt. Endlich hätten sie ihm versprochen, ihm Leute zu schicken, mit deren Hilfe er den Hof erreichen könne. Crescenz strich den beiden barmherzigen Samaritern die wirren Haare aus der Stirn und küßte die aufgerechten Gesichter mit Zärtlichkeit; sie schickte zwei Knechte hinaus, um den Fremden aufzusuchen, und bemühte sich, der Gebieterin gegenüber ganz ruhig von dem kleinen Erlebnis zu sprechen, aber in ihrem Herzen lag es wie eine dumpfe Sorge, über die sie sich selbst kaum Rechenschaft zu geben wagte.

Die Knechte kamen nach kurzer Frist allein zurück und berichteten, von Grausen geschüttelt, der alten Schaffnerin, sie hätten an dem bezeichneten Platz einen Kranken gefunden, der in den letzten Zügen gelegen und bereits unfähig gewesen sei, eine Antwort zu geben; sie hätten ihn nicht berühren mögen, denn die schwarzen Flecke auf Gesicht und Händen hätten nur zu deutlich gezeigt, daß es die furchtbare Pest sei, der er zum Opfer gefallen. Crescenz bekreuzte sich in tödlichem Schrecken, denn die Berührung eines Pestkranken konnte Ansteckung und Tod bringen, und die Knaben hatten sich so viel mit dem Unglücklichen zu schaffen gemacht! Sie wagte nicht, der Ratsherrin etwas zu sagen; heimlich zog sie Berthold mit in ihr Zimmer, besprengte die Knaben mit Weihwasser, betete allerlei Segenssprüchlein über ihnen und hing jedem ein geweihtes Amulett um den Hals. Dann brachte sie die halbe Nacht auf ihren Knieen zu und flehte die heilige Anna und alle übrigen Heiligen des Himmels an, die beiden Knaben zu schützen und ihnen ihre Barmherzigkeit nicht zum Fluche werden zu lassen.

Zwei Tage vergingen in gewohnter Weise, und schon fing Crescenz an, freier aufzuatmen, da kam Berthold müde und matt von draußen herein und klagte, daß der Kopf ihm schwer sei, und alle Glieder ihn schmerzten. Frau Ursula ermahnte ihn, sich ein wenig auszuruhen, er sei wohl zu toll umhergelaufen; wenn der Herr Vater käme, müsse er frisch sein, denn der sollte alle die Seinen kerngesund finden. Aber als Herr Wilibald ankam, trat ihm seine Gattin mit sorgenvoller Miene entgegen; „erschreckt nicht, mein teurer Herr,“ sagte sie mit mühsam bezwungenen Thränen, „Berthold ist unpäßlich, aber ich hoffe, es hat nichts zu sagen.“ Bestürzt eilte der Ratsherr an das Lager des Sohnes, der ihn kaum noch erkannte; seine Stirn und Hände brannten, die Augen blickten starr und trübe. Ach, Ebner kannte diese Anzeichen nur zu gut, er sah mit einem Blick, daß alle Fürsorge vergebens gewesen, daß die verderbliche Seuche auch hieher ihren Weg gefunden und sich seinen einzigen Sohn zum Opfer auserkoren habe. Er wußte auch, daß ärztliche Kunst hier ohnmächtig sei, daß unter hundert Kranken kaum einer genese! Für einen Augenblick drohte den ruhigen Mann die Fassung zu verlassen, doch bezwang er sich schnell, faßte Ursulas Hand mit festem Druck und führte sie vor die Thür hinaus.

„Es ist die Pest,“ sagte er mit dumpfer, tonloser Stimme. Sie sah ihn an, als könne sie seine Worte nicht fassen, — dann sank sie ohnmächtig in seine Arme. Er legte sie auf Afras Bett nieder und traf mit der Ruhe der Verzweiflung die nötigen Anordnungen. Berthold wurde samt seinem Lager in die große luftige Bodenkammer getragen, in der sonst niemand schlief; auf einem Kohlenfeuer wurden Myrrhen und Wacholder angezündet, deren würzigem Duft man eine heilende Kraft zuschrieb. Nur eine Wärterin durfte den Kranken versorgen, außer ihr sollte niemand den Oberstock betreten. Crescenz rang die Hände; wem sollte sie die Pflege, die so leicht verderblich werden konnte, übertragen? sie selbst konnte sie nicht übernehmen, denn sie durfte die Wirtschaft nicht verlassen. Da stand plötzlich Afra neben ihrer Mutter und gab ihr durch ein Zeichen kund, daß sie dazu bereit sei. „Du, Afra?“ rief die Alte, halb erschrocken und halb erfreut, „die heilige Anna lohne dir deinen Heldenmut und segne deine Hand, daß sie unserm lieben Junker Heilung bringe.“

Mit Innigkeit zog die stille Frau ihren Sohn, wie zum Abschied, an ihre Brust, dann stieg sie die Treppe hinauf und verschwand in der Thür, hinter der der Pestkranke lag. Mit unermüdlicher Sorgfalt versah sie bei Tag und Nacht ihr schweres Amt, kühlte die fieberglühende Stirn, netzte die brennenden Lippen und schien für sich selbst weder Speise noch Schlaf zu bedürfen.

Herr Ebner war am nächsten Morgen nach der Stadt zurückgekehrt, wohin die Pflicht ihn gebieterisch rief; am fünften Tage, der in den meisten Fällen die Entscheidung zu bringen pflegte, wollte er wiederkommen. In trauriger Verfassung blieb Ursula zurück; ohne die Stütze ihres Gatten schwankte sie umher, wie ein irrer Geist, und da sie feierlich gelobt hatte, die Krankenkammer zu meiden, so brachte sie viele Stunden des Tages in der kleinen Annenkapelle zu, welche dicht vor dem Thor lag und dem Hof seinen Namen gegeben hatte. Es war ein uraltes Kirchlein im Schatten mächtiger, alter Bäume, ganz von immergrünem Epheu umsponnen, der das einzige Fenster fast verdunkelte. Die ewige Lampe, die über dem Altar schwebte und von Crescenz stets sorgfältig versehen wurde, goß nur einen Dämmerschein über das bescheidene Heiligtum aus, die Winkel blieben immer in Schatten gehüllt. Zuweilen las Pater Anselmus vom nächsten Dorf, oder Pater Benedikt von der Burg hier eine Messe; für gewöhnlich aber diente das Kapellchen nur als Stätte stiller Andacht für die Insassen des Hofes, welche die heilige Anna als ihre Schutzpatronin verehrten und besondere Berücksichtigung von ihr erwarteten.

Auch am Morgen des entscheidenden Tages war Frau Ursula hierher geeilt; es litt sie in der furchtbaren Spannung nicht im Hause, doch hatte sie Befehl gegeben, ihr bei dem leisesten Zeichen eintretender Besserung sogleich eine Botschaft zu senden. Sie warf sich vor dem mit Lichtern und Kränzen geschmückten Altar auf die Kniee und erleichterte ihr bedrücktes Herz in heißem Flehen; sie gelobte der heiligen Anna eine reich gestickte Decke, einen kostbaren Altar, endlich eine neue Kapelle, wenn sie ihren Sohn vom Tode erretten wolle; sie flehte sie an, ihr ein Zeichen zu geben, daß sie ihre Bitte höre. Aber das Antlitz der Heiligen, auf das sie ihre angstvollen Blicke heftete, blieb unbewegt und lächelte unter seinem Heiligenschein, ruhig wie immer, auf die Beterin herab. Ganz erschöpft hielt Frau Ursula inne und lauschte eine Weile, ob niemand vom Hause herkomme, um ihr eine tröstliche Botschaft zu bringen, aber auch hier blieb alles leer und still. Da warf sie sich noch einmal auf die Stufen nieder, hob die Hände empor und rief mit leidenschaftlicher Inbrunst: „Heilige Anna, schenke mir meinen Sohn, meinen Liebling, und ich will ihn dem Himmel weihen ...“

„Amen!“ sagte eine tiefe Stimme.