Ursula fuhr erschrocken empor; wer hatte es gewagt, ihre Zwiesprache mit dem Himmel zu belauschen? welcher Mund drückte ein Siegel auf das Gelübde, das fast unbewußt über ihre Lippen gekommen war? Sie schaute suchend umher, es war niemand zu sehen, und ehe sie noch Zeit hatte, näher nachzuforschen, ob irgend ein Mensch sich in der Kapelle verborgen habe, tönte draußen ein schneller Schritt, die Thür ward aufgerissen, — ihr Gatte stand vor ihr. „Er ist gerettet!“ rief er, und mit einem Schrei stürzte sein Weib in seine Arme. Unter strömenden Thränen knieten beide nieder, um Gott und den Heiligen für diese Gnade zu danken, dann eilten sie mit beflügelten Schritten an das Lager des neugeschenkten Sohnes.

Sah der Knabe auch bleich und abgezehrt aus, vermochte er auch vor Schwäche kaum die Hand zu rühren, so war sein Blick doch klar und hell, und mit vollem Bewußtsein lächelte er die beglückten Eltern an. Frau Ursula wußte kaum, wie sie ihre Freude und Wonne ausdrücken sollte; sie fiel Afra um den Hals und küßte sie: „habe Dank, du Treue,“ rief sie schluchzend, „und sage mir, wie ich dir deine Aufopferung vergelten kann.“ Auch der Ratsherr dankte ihr mit warmen Worten. „Durch Eure Hand,“ sagte er, „hat mir der Himmel meinen einzigen Sohn erhalten; zum Dank laßt mich für Euren Sohn sorgen. Gebt ihn uns mit nach Nürnberg, er soll in unserm Hause leben und alles mit Berthold teilen.“

Afras Seele erbebte bei diesen gütigen Worten; sollte sie ihr Letztes hingeben, den Knaben, der seines Vaters Ebenbild zu werden versprach, und ganz allein zurückbleiben? Und doch — wie durfte sie dies Anerbieten ablehnen, das ihrem Hans eine tüchtige Erziehung sicherte; was konnte sie in ihrer Armut und Hilflosigkeit thun, um ihm einen ehrenvollen Weg durch das Leben zu bahnen? Es mußte sein, auch dieses Opfer mußte gebracht werden; tief neigte sie ihr Haupt hinab und küßte in schweigender Zustimmung die Hände, die ihrem Kinde so Großes darboten.

Wenige Wochen später nahm die Ebnersche Familie Abschied vom Annenhofe und kehrte nach der Stadt zurück, wo die Seuche völlig erloschen war und ein schönerer Sommer, als der vorige, die Gräber mit Grün und Blumen verhüllte. Hans begleitete sie und ging, nach Kinderart, den neuen Verhältnissen mit freudiger Erwartung entgegen. Die alte Crescenz aber blieb in tiefem Kummer zurück; das Haus kam ihr leer und öde vor, als das fröhliche Völkchen daraus verschwunden war, und täglich weinte sie heiße Thränen um ihren lieben Hans, den ihr großmütterliches Herz so fest und zärtlich umschlossen hielt. Afra weinte nicht, aber ihr Antlitz wurde noch starrer, als zuvor; — sie fühlte sich grenzenlos elend und verlassen.

Sechstes Kapitel.
Die Kapelle der heiligen Anna.

Unverletzliche Treue! Dir naht sich die seligste Stunde,

Da, was das Herz sich ersehnt, endlich das Auge erschaut!

Muhme Lene wanderte mit den beiden Knaben durch die Straßen, um Hans alle Merkwürdigkeiten seiner neuen Heimat zu zeigen, und Berthold brannte, mit dem ganzen Stolze eines echten Nürnberger Kindes, darauf, das überwältigte Erstaunen seines Gefährten zu sehen, der eben frisch vom Lande kam und seine schöne Vaterstadt noch gar nicht kannte. Doch fand er sich einigermaßen enttäuscht, denn in Hans erwachte das schlummernde Andenken an das reiche Lüttich; er verglich beständig, was er hier sah, mit den Bildern seiner Erinnerung und befand sich oft im Streit mit Berthold, welche Stadt die schönere sei. Sie hatten jetzt den Markt erreicht, „solch einen Brunnen hast du sicher in Lüttich nicht gesehen,“ rief Berthold triumphierend, „denn selbst der Kaiser hat gesagt, daß er ein unerreichtes Meisterwerk sei.“ Und halblaut sang er dazu:

„Am Markt zu Nürnberg steht ein Bronn’;