So weit, als leuchten mag die Sonn’,
Find’t man desgleichen nicht.“
Ein zierliches Türmchen von ansehnlicher Höhe, mit Bögen und Giebeln von kunstreich durchbrochener Arbeit, von vielen Bildsäulen umgeben, die lauter Heldengestalten darstellen, ragt über dem Becken empor. Magdalene machte Hans mit liebevollem Eifer auf alle Einzelheiten aufmerksam, und der Knabe erfaßte alles mit bewunderndem Blick. Da hob die Uhr auf der nahen Frauenkirche zum Schlagen aus, und Berthold drängte dorthin, um das „Männleinlaufen“ nicht zu versäumen. Das war ein kunstvolles Uhrwerk über der Eingangsthür, welches zu jeder Stunde eine Menge bunter Figuren in Bewegung setzte. Auf einem Thron sitzt der Kaiser in vollem Ornat; ein Herold erscheint, gefolgt von vier Posaunenbläsern, denen sich die sieben Kurfürsten mit den Reichskleinodien anschließen. Alle bewegen sich langsam vorwärts; vor dem Throne angekommen, setzen die Bläser ihre Instrumente an den Mund, die Fürsten nehmen die Hermelinmützen ab, hinter dem Kaiser aber steht der Knochenmann und schlägt mit der Sense die Stunden an die Glocke. Als das Kunstwerk mit der Vollendung des Glockenschlages wieder zur Ruhe gekommen war und Hans seine Bewunderung gebührend ausgesprochen hatte, gingen die drei weiter, überschritten die Königsbrücke, welche über die gelblichen Fluten der Pegnitz führt und standen nun vor dem höchsten Stolz aller Nürnberger, dem herrlichen Lorenzmünster, der mit seinen beiden goldgedeckten Türmen bis in den Himmel zu ragen scheint. Reiches steinernes Bildwerk umrahmt den Eingang; innen vereinigen sich die Bogen der himmelanstrebenden Pfeilerreihen wie zu einem Laubengange, dessen Ende der staunende Blick kaum ermißt. Durch die schön gemalten Fenster warf die Sonne schimmernde, wie Rubinen und Saphire glänzende Lichter in die heiligen Räume und beleuchtete das neue Schnitzbild von Veit Stoß, der englische Gruß genannt. Auf einem Throne sitzt Gott Vater mit Krone und Scepter in göttlicher Majestät, und seine Strahlen senken sich nieder auf die betende Jungfrau, welche die Botschaft des Engels mit Freude und Schrecken vernimmt. Ein Kranz von Blumen und Blättern in unendlich zierlicher Arbeit schlingt sich um die Figuren und schließt das Ganze wie ein Rahmen ab.
Wie geblendet wandelte Hans umher; „wer auch so Schönes erdenken, so Erhabenes schaffen könnte,“ sagte er aus tiefster Seele; „ich wollte, ich könnte ein Künstler werden!“ Hatte das Staunen seines Gefährten Berthold zuerst nicht befriedigt, so wurde er jetzt ungeduldig, als jener mit Schauen und Bewundern kein Ende finden konnte; fehlte ihm selbst doch jener künstlerische Blick, jenes tiefere Gefühl für das Schöne, die Hans als ein altes Erbteil seiner Familie überkommen hatte, und die jetzt zuerst zu vollem Bewußtsein erwachten.
„Ich meine, Sankt Sebald lassen wir für ein andermal,“ schlug Berthold vor, „und gehen nun zu Meister Andreas. Ich bin gar zu neugierig, was der Alte sagen wird, wenn wir ihm einen Fiedler ins Haus bringen.“ Die andern waren damit zufrieden, und so schlugen sie den Weg nach dem Hundsgäßlein ein. Unterwegs machte Magdalene Hans auf vieles aufmerksam, hier auf ein mächtiges Warenhaus, dort auf ein buntes Kirchenfenster, auf das Steinpflaster in einigen Straßen und die Laternen, welche an den Ecken quer über den Weg hingen — zwei Einrichtungen, welche Nürnberg vor andern Städten damaliger Zeit voraus hatte —; mit allem war der Name Tucher eng verbunden. „Die Tuchers,“ sagte sie, „sind seit alten Zeiten treue Söhne ihrer Vaterstadt gewesen und haben ihr ihre besten Kräfte gewidmet. Zwar haben sie viel Handel nach Welschland und den Niederlanden getrieben und dort auch Niederlassungen gegründet, aber im Herzen blieben sie stets echte Nürnberger. Meine Mutter war auch eine Tucherin,“ setzte sie mit bescheidenem Stolze hinzu.
„Wie kommt es nur, Muhme Lene,“ fragte Berthold; „daß so viel von den Tuchers, und so wenig von den Ebners die Rede ist? Haben die Vorfahren meines Vaters sich denn gar nicht ausgezeichnet?“
„Der Herr Vater ist kein Nürnberger Kind; er ist aus Ulm zugewandert,“ war die Antwort. „Da aber dein Großvater keinen Sohn hatte und Herr Wilibald in allen Stücken seine rechte Hand war, so wurde, er, mit Zustimmung des weisen Rates der Stadt, in alle Rechte eines Sohnes eingesetzt. Daher ist er auch Ratsherr geworden, was sonst einem Zugewanderten nicht gewährt wird.“
Sie pochten jetzt an die Thür des Fiedlerhauses, und Frau Eva öffnete. „Es ist Junker Berthold!“ rief sie freudig, „Gott willkommen, liebes Junkerlein, und dem Herrn sei Dank, der Euch vom Tode errettet hat!“ Auch Meister Andreas empfing den Knaben mit herzlicher Freude und drückte Magdalenen wie einer vertrauten Freundin die Hand. „Und wen haben wir hier?“ fragte er, auf Hans deutend.
„Das sollt Ihr einmal raten, Meister,“ rief Berthold fröhlich, „wir sagen’s Euch nicht. Es ist mein Kamerad, der mit mir bei Latein und Mathematik leiden soll, — aber Euch geht er noch näher an.“
„Uns?“ fragten die beiden Alten erstaunt, „redet deutlicher, lieber Junker.“