„So seht ihn doch nur an, Mutter Eva; findet Ihr nicht eine wunderbare Ähnlichkeit mit Eurem Meister an ihm?“
Frau Eva betrachtete ihn aufmerksam. „Wahrhaftig, Alter, er hat deine Augen, die guten, ehrlichen Fiedleraugen, und es liegt etwas in seinem Gesicht ....“
„Ich bin auch ein Fiedler,“ sagte Hans, „der Sohn von Meister Matthias, dem Goldschmied.“
Der Alte breitete seine Arme aus. „Komm an mein Herz, mein Junge,“ sagte er mit warmer Freundlichkeit, „und sei mir tausendmal willkommen! Dein Vater war mein Brudersohn und ein lieber, braver Geselle. Sieh, Eva, da führt uns der Herr noch am Abend meines Lebens einen Menschen von meinem Fleisch und Blut zu, dem ich die alten Fiedlerschätze hinterlassen kann. Es hat mich immer schon gewurmt, daß sie in fremde Hände fallen sollten!“ —
In kurzer Zeit war Hans völlig in sein neues Leben eingeführt; sein heitres Wesen, sein dankbares Bestreben, sich für die ihm erwiesene Güte erkenntlich zu zeigen, gewann ihm schnell alle Herzen. Die Töchter des Hauses konnten sich keinen besseren Gespielen wünschen, denn er war stets bereit, ihre kleinen Wünsche zu erfüllen, ihren Puppen mit geschickten Händen neue Köpfe und Füße anzusetzen, oder ihnen Blumen zu holen, die weit vor dem Thor wuchsen. Der Ratsherr hatte einen älteren Bacchanten ins Haus genommen, welcher die Knaben in Latein und allem Wissenswerten unterrichten sollte; derselbe fand es schwer, Berthold zu fesseln, dem die Grammatik bald ein Greuel wurde, und der sich nur für Kriegs- und Heldenthaten begeisterte, während Hans treu und fleißig lernte und seinem Lehrmeister wenig Schwierigkeiten bereitete. Seine schönsten Stunden aber waren die, welche er bei Meister Andreas verlebte; so oft er konnte, eilte er dorthin, wo er stets wie ein lieber Enkel empfangen wurde und die Herzen der beiden Alten durch seine kindliche Anhänglichkeit labte. Nie wurde er müde, die vielen Bilder zu betrachten und nachzuzeichnen, und keine größere Freude konnte ihm der Oheim machen, als wenn er ihm sagte, daß er gute Anlagen besäße und auch einmal ein Meister werden könne. Oft versenkten sich beide in Betrachtung der alten Fiedlerschätze, die Andreas wie wahre Heiligtümer bewahrte. Da war zuerst eine uralte Fiedel von einfachster Form, auf welcher die Jahreszahl 1220 eingeritzt war, die stammte von jenem berühmten Spielmann, von dem noch manches Lied im Munde des Volkes lebte, von jenem Friedel, den sie einst den Sänger Barbarossas genannt hatten; dann war da ein goldnes Gnadenkettlein, das hatte weiland Kaiser Friedrich der Zweite jenem nämlichen Sängerfriedel als Zeichen seiner Gunst geschenkt. Auch manch kunstreiches Schnitzwerk war vorhanden, das aus alter Zeit stammte und von irgend einem Fiedler gefertigt war, — denn die ganze Familie hatte sich durch eine geschickte Hand ausgezeichnet, daneben aber auch eine besondere Freude an Musik und Gesang bewahrt, weshalb sie auch den Namen Fiedler angenommen hatte. —
Während zu dieser Zeit das Leben im Ebnerhause so ruhig verlief, daß auch nicht ein Wellchen die glatte Oberfläche zu kräuseln schien, gab es doch ein Wesen darin, welches sich bei Tag und Nacht in geheimer Unruhe verzehrte, — und das war Frau Ursula. In der ersten Zeit nach Bertholds Genesung hatte sie nichts empfunden, als Wonne und Glückseligkeit; ihr ganzes Sein erhob sich in einem steten Dankgebet zu Gott und der heiligen Anna, welche so Großes an ihr und ihrem Hause gethan. Mit wahrer Herzensfreude hatte sie die kleine Kapelle ausgeschmückt; verbot deren ehrwürdiges Alter auch durchgreifende Veränderungen, so legten doch die prachtvolle Altardecke und die silbernen Leuchter zu beiden Seiten des Bildes ein beredtes Zeugnis von der Dankbarkeit der Geberin ab. Als Pater Anselmus eine feierliche Messe darin abhielt, und danach die gesamten Bewohner des Annenhofes, samt einer großen Anzahl von Armen der Umgegend, gespeist und reich beschenkt wurden, da hatte Frau Ursula das Gefühl, daß sie alles gethan habe, was die Heilige von ihr erwarten könne. Aber nun regte sich eine Stimme in ihrem Innern, welche ihr, erst leise und undeutlich, dann aber immer lauter und dringender zurief, daß sie die Hauptsache noch unausgeführt gelassen habe, daß sie den Himmel um eine ihm angelobte Seele betrügen wolle. Oft fuhr sie in der Stille der Nacht von ihrem Lager empor, weil mit entsetzlicher Deutlichkeit ihre eignen Worte: ich will ihn dem Himmel weihen! an ihr Ohr schlugen. Sie mußte es wohl, daß dieselben nur eine Auslegung zuließen; der Himmel hieß — das Kloster, und bei diesem Gedanken überlief ein kalter Schauder ihre Glieder, sie streckte abwehrend die Hände aus, als müsse sie ein Schreckliches von sich und ihrem Erstgebornen fernhalten.
Nein, es konnte nicht sein! so Unmögliches konnten die Heiligen nicht verlangen. Sie wußte ja selbst nicht recht, welch ein Leben sie für Berthold erwarte; sein Sehnen und Streben stimmte mit dem Willen seines Vaters gar nicht zusammen, und sie hatte bisher nicht einmal den Mut gehabt, ihn ernstlich auf seine Bestimmung zum Kaufmann hinzuweisen. Doch hätte dieser Beruf ihn wenigstens in die Welt hinausgeführt, in die stete Gesellschaft der Menschen; er schloß Lebensfreude und Genuß nicht aus, wenn er auch strenge Arbeit und Hingabe verlangte. Sie wollte sich von nun an bemühen, ihn mit den Wünschen seines Vaters auszusöhnen, ihm die ritterlichen Träume auszureden; in einem Augenblick kam ihr dies schon wie ein verdienstliches Werk vor, — aber im nächsten tönte plötzlich jenes dumpfe „Amen“ in ihrer Seele wieder und flößte ihr neue Angst ein. War irgend ein Mensch Zeuge ihres übereilten Gelübdes gewesen, oder hatte der Himmel selbst sein „Ja“ dazu gesprochen?
In dieser Gewissensqual, die sie weder ihrem Gatten, noch ihrem Beichtvater anzuvertrauen wagte, fiel ihr Meister Andreas Fiedler ein, von dessen reiner Frömmigkeit Magdalene so viel zu rühmen wußte, dessen Wesen auch auf sie selbst einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Ihm wollte sie den Fall vorsichtig vortragen und seine Meinung hören; vielleicht würde er ihn vorurteilsfreier ansehen, als mancher andre.
An einem Sonntag-Vormittag, als die Ihrigen in der Kirche waren, eilte sie dem kleinen Hause zu. Der alte Meister saß, wie sie erwartet, allein in seinem Lehnstuhl, das offne Evangelienbuch vor sich; er sah so fromm und friedlich aus, daß sie sich innerlich gelobte, seine Ansicht für Wahrheit anzunehmen. „Gott grüß’ Euch, Meister,“ sagte sie herzlich, „mich hat es recht verlangt, ein Wort mit Euch zu reden.“
„Geruht Euch zu mir zu setzen, ehrsame Frau,“ versetzte er mit liebreicher Höflichkeit; „ich freue mich, Euer gütiges Antlitz wiederzusehen.“