Sie redeten eine Weile über dies und das, bis Frau Ursula plötzlich anfing: „Was haltet Ihr vom Klosterleben, lieber Meister? ist es wirklich der sichre Friedenshafen, als den es uns die frommen Väter so gern schildern, oder findet man dort auch nicht den Himmel auf Erden?“

„Ich habe Klosterleute beiderlei Geschlechts gesehen,“ versetzte der Alte, „welche vom Himmel sicher viel weiter entfernt waren, als manche fromme Laien; andre dienten ihrem Gott in unverfälschtem Glauben und reiner Heiligkeit. Das Kloster ist so wenig der Himmel, wie die Welt die Hölle: erst der Mensch macht beides dazu, je nachdem er gut oder böse ist.“

„So meint Ihr, man könne ein Kind dem Himmel weihen, ohne es ins Kloster zu bringen?“

„Sicher, werte Frau; lehrt es nur Gott vor Augen und im Herzen haben, weis’t es hin auf das selige Paradies, das unser Heiland uns erworben, und lehrt es jede Sünde fliehen, die es dafür untüchtig macht, — und seid gewiß, Ihr werdet seine Seele sicherer dem Himmel weihen, als wenn Ihr es wider seine Neigung zum Mönch oder zur Nonne machen wolltet. Seht, ich hatte selbst ein teures, einziges Kind, meine Hedwig — die glaubte, als ihr die liebste Hoffnung scheiterte, sie könne das Leben in der Welt nicht mehr ertragen und müsse ins Kloster fliehen, um dort den Frieden zu finden. Sie fand ihn auch, — aber er lag nicht fertig auf der Schwelle, wie sie gewähnt hatte, sondern sie mußte ihn mühsam erringen in Kampf und Gebet. Und als es mit ihr zum Sterben kam, da ließ sie uns rufen und sagte: ‚Vater, Mutter, vergebt mir, daß ich Euch eigenwillig verließ; ich habe zu spät erkannt, daß ich einen Irrtum beging, daß ich den Frieden, der im Glauben und in der Ergebung liegt, auch bei Euch hätte finden können.‘“

Der alte Mann hatte sein Haupt bei der schmerzlichen Erinnerung gesenkt, ein paar Thränen fielen auf die gefalteten Hände herab. Frau Ursala war tief gerührt, aber noch mehr erhoben und getröstet. „Habt Dank!“ sagte sie warm, indem sie ihm beide Hände reichte, „Ihr habt mir unendlich wohlgethan, lieber Meister. Der Himmel segne Euch und erhalte Euch Euren reinen Glauben!“

Sie ging nach Hause, ihre Schritte waren beflügelt, sie trug ihr Haupt höher, eine Centnerlast war von ihrer Seele genommen. Fortan sollte keine Sorge mehr ihren Frieden stören; sie wollte nicht allein Berthold, sondern alle ihre Kinder in der Art dem Himmel weihen, wie es Meister Andreas sie gelehrt hatte, und so ihr Gelübde überschwenglich erfüllen.

Und noch eins wollte sie thun: sie hatte der heiligen Anna eine neue Kapelle gelobt, jetzt wußte sie, wo sie dieselbe bauen lassen wollte. Der Rat hatte in der Zeit, als die Pest wütete, verboten, die Toten noch ferner innerhalb der Mauern zu begraben; es war ein neuer Friedhof vor dem Tiergärtner Thor geweiht worden, der fortan als allgemeine Ruhestätte dienen sollte. Doch war man bei der großen Menge auf heftigen Widerstand gestoßen, und es hatten sich alle Gutgesinnten, denen das Wohl der Stadt am Herzen lag, die Aufgabe gestellt, den neuen Johanniskirchhof aufs schönste auszustatten, um so das Vorurteil zu besiegen. Es fiel Frau Ursala nicht schwer, ihren Gatten für ihren Plan zu gewinnen; er liebte es, seinen Reichtum zu entfalten und zum allgemeinen Besten anzuwenden, nur fehlte es ihm, unter den tausend Geschäften, die der ausgedehnte Handel seines Hauses mit sich brachte, oft an Zeit und Gedanken dafür. Doch war er gern bereit, eine Versammlung der besten Kunsthandwerker Nürnbergs in sein Haus zu berufen, um den Plan der Kapelle mit ihnen zu besprechen.

Um den großen Tisch im Wohnzimmer waren bald darauf die hervorragendsten Meister der Stadt vereint. Da war Michael Wohlgemuth, der die besten Gemälde in Nürnberg fertigte, — denn der, welcher einst sein Schüler werden und seinen Ruhm tief in Schatten stellen sollte, Albrecht Dürer, lag noch als kleines Kindlein in der Wiege —; Peter Vischer, der treffliche Rotgießer, der schon manches schöne Werk geschaffen hatte; Veit Stoß, der geschickte Bildschnitzer, von dem der englische Gruß in der Lorenzkirche herrührte; Sebastian Lindenast, der kunstreiche Verfertiger des Männleinlaufens; Veit Hirschvogel, der Glasmaler, der die Kirchen mit köstlichen Fenstern schmückte, und andre; nur der eigentliche Baumeister war ausgeblieben. Während Herr Wilibald seine Absichten entwickelte, Frau Ursula hin und wieder ein bescheidenes Wörtchen einwarf, und die Anwesenden ihre Ideen aussprachen, war Magdalene draußen beschäftigt, einen Imbiß vorzubereiten, denn es war anzunehmen, daß nach vollendeter Beratung jeder einen rechtschaffenen Hunger und Durst empfinden werde.

Der Diener Just meldete ihr, daß ein Mann sie zu sprechen wünsche. „Mich?“ fragte sie erstaunt, „habt Ihr auch recht gehört? wer ist es?“

„Er ist mir ganz fremd, ein hoher schlanker Mann mit langem, dunklem Bart; er trägt sich anders, als die Leute hier pflegen.“