Magdalenens Herz wallte hoch auf — sollte endlich die lange und heiß ersehnte Stunde gekommen sein? „Führt ihn zu mir auf den Vorsaal,“ sagte sie gepreßt; sie mußte sich an einem Stuhl festhalten, denn sie zitterte an allen Gliedern. Der Fremde stieg die Treppe herauf; jetzt stand er vor ihr; einen Augenblick betrachtete er sie prüfend, dann breitete er seine Arme aus. „Meine Magdalene,“ rief er, — und der eine Laut sagte ihr alles, zwanzig Jahre des Harrens waren in einem Moment ausgelöscht, sie schluchzte nur: „Adam!“ und sank halb ohnmächtig an seine Brust.

Wenige Minuten später that sich die Thür zum Versammlungszimmer auf; mit einem Ausdruck des Glücks, welcher ihre ganze Erscheinung verjüngte und verschönte, trat Magdalene ein, Adam an der Hand führend. „Verzeiht, liebe Herren, wenn ich Euch unterbreche,“ sagte sie mit leuchtendem Blick, „aber hier ist einer, der bei Eurem Werk auch wohl ein Wörtchen mitreden dürfte, und dessen Rat Ihr nicht verschmähen werdet. Adam Krafft ist wiedergekehrt!“

[(S. 78.)]

Adam Kraffts Heimkehr.


GRÖSSERES BILD

Alle sprangen von ihren Sitzen auf, staunend umringten sie den Ankömmling, der den meisten von ihrer Jugend her bekannt war, an dessen Wiederkehr aber keiner mehr geglaubt hatte, als das eine treue Herz seiner Braut. „Wo habt Ihr so lange verweilt? — was hat Euch all die Jahre zurückgehalten? — wo kommt Ihr plötzlich her?“ so hieß es von allen Seiten. „Setzt Euch und berichtet uns, wie es Euch ergangen ist.“

Es war eine traurige Geschichte, die Adam zu erzählen hatte. Anfangs zwar war ihm alles herrlich geglückt; von einem Meister an den andern empfohlen, von der Lust, zu schauen und zu lernen, immer weiter gelockt, hatte er schöne Jahre in Deutschland und Italien verlebt und manchen reichen Verdienst eingesammelt, der ihm das künftige Haus sollte bauen helfen. In Neapel hatte er kehrt machen wollen, ein Schiff sollte ihn bis Genua führen, und Wind und Wellen schienen dem Streben seiner treuen Liebe hold zu sein. Aber plötzlich erhob sich ein Unwetter, die Masten mußten gekappt werden, ein Sturm trieb das steuerlose Schiff an ein fremdes Gestade, und an dem schlimmen Empfang, den sie dort fand, erkannte die unglückselige Mannschaft, daß sie in die Hände des heidnischen Herrschers von Tunis gefallen sei. Viele Jahre hatte Adam dort als Sklave die niedrigsten Dienste verrichten und endlich Steine zum Bau eines Tempels heranschleppen müssen. Er erkannte mit verständnisvollem Blick, daß das Gebäude übel angelegt sei, und warnte den König und den Baumeister vor den Folgen. Man strich ihn für seine Dreistigkeit mit Ruten; als aber bald darauf sein Wort in Erfüllung ging und der Tempel zusammenstürzte, da gedachte der König seiner Warnung und befahl ihm, ein neues Bauwerk zu errichten. Er that es, und sein Lohn war die Freiheit, doch ward er ohne Habe bei Genua ans Land gesetzt, und mühsam hatte er von dort aus seinen Weg bis zur Heimat zurückgelegt. Nun war er nach zwanzigjähriger Abwesenheit wieder in seiner lieben Vaterstadt angelangt, — aber arm, wie er gegangen; nur seine gesunden Arme hatte er mit heimgebracht, einen Kopf voller Pläne und Entwürfe und seine unveränderte Liebe für seine Magdalene.

Wie ein Lauffeuer ging die Kunde von Adam Kraffts Heimkehr durch die Stadt, alles drängte sich hinzu, um ihn zu begrüßen und Jungfer Magdalene zu beglückwünschen. Wie viele Scheltworte hatte sie um ihrer Hartnäckigkeit willen hinnehmen müssen! wie oft hatten sich Witz und Spott an ihrer hoffnungslosen Treue versucht! Sie hatte sich durch das eine so wenig irre machen lassen, wie durch das andre, und ließ sich auch jetzt nicht dadurch anfechten, daß Adams Armut ihre Vereinigung mit ihm ins Ungewisse hinausrückte. Aber hier zeigte sich der Geist der Nürnberger im schönsten Licht: Adam, hieß es, sei ein echter Sohn der Stadt, und ein Sohn dürfe nichts dagegen einwenden, wenn die Eltern ihn ausstatteten. Von allen Seiten trug man ihm Geschenke zu, der eine brachte Geld, der andre Hausrat, und Adam dachte zu groß, um sich solcher Liebe zu schämen. Er kaufte ein freundliches Häuschen, richtete es mit dem Notdürftigsten ein und bat Magdalene, seine Hausfrau zu werden. Im Herbst ward die Hochzeit gefeiert, die ganze Stadt nahm den herzlichsten Teil daran. Herr Wilibald Ebner übertrug ihm den Bau der Kapelle, den er aufs glänzendste ausführte; er bewies sich dadurch als ein trefflicher Baumeister und hervorragender Steinmetz, dem es fortan an Bestellungen nicht fehlte. Der Name Adam Krafft strahlte von da an als heller Stern am künstlerischen Himmel von Nürnberg.

Frau Ursulas liebster Gang führte sie fortan zur Kapelle der heiligen Anna auf dem Johanniskirchhof; dort betete sie oft für ihre Kinder und mit ihnen und erneuerte den Entschluß, sie in treuer Sorge für den Himmel zu erziehen. Sie ließ es sich jetzt angelegen sein, Berthold für der Stand seines Vaters zu bestimmen, und so sehr er auch anfangs widerstrebte, so fand er sich doch allmählich in den Gedanken, schon um seiner Mutter willen, an der er mit schwärmerischer Liebe hing. Wie keck und übermütig er auch oft sein mochte — ein bittendes Wort von ihr, ein vorwurfsvoller Blick genügte, um seiner mutwilligen Laune eine Schranke zu setzen und ihn zu liebevollem Gehorsam zurückzuführen. So vergingen einige Jahre in stillem Frieden, und wenn Frau Ursula auch zuweilen darüber seufzte, daß ihr Gatte so wenig Zeit für sie und die Kinder übrig habe, wenn sie auch mitunter wünschte, er möchte aufgeschlossner, vertrauensvoller sein, so sah sie diese Entbehrungen doch als die unvermeidlichen Schwächen an, die jedem Erdenlose anhaften, und betrachtete sich als eine glückliche Frau und reich gesegnete Mutter, denn ihre Kinder erblühten neben ihr, frisch und schön, wie die Rosen.