Siebentes Kapitel.
Das Strafgericht der Stadt.

Räuberischer Gesell, du Zerrbild christlichen Adels,

Trotzest du heut’ dem Gesetz, einmal bezwingt es dich doch!

In der Hausflur des Ebnerschen Hauses drängte sich ein Haufe Menschen, Männer, Frauen und Kinder, in dürftiger bäuerlicher Tracht. Ihr Aussehen bezeugte deutlich, daß sie zu den Mühseligen und Beladenen gehörten, denn alle Gesichter hatten einen Ausdruck des Leidens, der bei den einen mehr in stumpfes Dulden, bei den anderen in verbissenen Groll überging. Justus hatte vergebens versucht, die Leute hinauszudrängen, sie widerstanden ihm mit ruhiger Hartnäckigkeit und erklärten, nicht vom Platze weichen zu wollen, bis sie den Ratsherrn gesprochen hätten. Endlich öffnete sich eine Thür, und Herr Wilibald Ebner erschien auf den Stufen; alles stürmte auf ihn zu, und alle Stimmen riefen auf einmal: „Helft uns, rettet uns! Habt Erbarmen, übt Gerechtigkeit!“

Der Kaufherr hob die Hand auf. „Schweigt!“ sagte er in ernstem Ton, und in seiner Haltung, wie in dem Klange seiner Stimme lag etwas Gebietendes, das sich sofort Gehorsam erzwang. „Einer rede und sage mir in kurzen Worten Euer Begehr. Sprich du, Freund, was führt Euch zu mir?“

Der Angerufene, ein älterer Mann von ehrbarem, aber unendlich niedergedrücktem Wesen, trat einen Schritt vor. „Herr,“ begann er kummervoll, „wir sind Einwohner des Dorfes Hohenheiligen und bitten Euch um Schutz gegen unsere Bedränger. Junker Veit von Rotenhahn, der die alte Burg bewohnt, behandelt uns wie Feinde; er raubt uns unser Vieh, verwüstet unsre Felder, schlägt unsre Kinder .....“

„Mir hat der Teufel, der schwarze Janko, die einzige Kuh von der Weide getrieben,“ rief eine Stimme dazwischen — „Mir haben die kleinen Junker die Gänse gestohlen,“ schrie eine andre — „Mir hat der lahme Miklot meine Tochter entführt und zum Dienst auf der Burg gepreßt, wo sie mehr Schläge erhält als Essen“ — „Uns haben sie das Heu von der Wiese genommen“ — „Uns das Getreide vom Felde gefahren“ — — Die Klagen wollten kein Ende nehmen.

Wieder erhob Herr Wilibald die Hand und gebot Schweigen; wieder nahm der erste Sprecher das Wort. „Als wir uns bei dem Junker Veit selbst über das Treiben seiner Knechte und seiner wilden Söhnlein beschweren wollten, warf er einen unsrer Boten ins Verließ, wo weder Sonne noch Mond hinscheint, die andern ließ er vom Hofe peitschen. Dann gingen wir zum Ritter nach Maltheim, wo seit der Väter Zeiten unsre Herren gesessen, — aber er sagte uns, er habe Dorf und Flur Hohenheiligen an Euch, Herr, verpfändet und während der Pfandzeit könne er nichts für uns thun. So sind wir zu Euch gekommen, gestrenger Herr; nehmt Ihr Euch unserer Not an! wahrlich, wir sind des Lebens satt und müde, denn es ist, als säße der leibhaftige Teufel mit seinen Helfershelfern über uns und plagte uns schier zu Tode!“

Herrn Ebners Stirn zog sich in dunkle Falten, unwillkürlich ballte sich seine Hand, doch bewahrte er äußerlich seine Ruhe und sprach nach kurzem Bedenken: „Ich gehe eben in die Ratssitzung; drei von Euch mögen mich begleiten, um Eure Klagen vor dem wohllöblichen Rat der Stadt vorzubringen; ich, als Einzelner, vermögte Euch wenig zu helfen. Die andern mögen sich auf dem Hofe niedersetzen, meine Hausfrau wird sie mit Speise und Trank erquicken. Dann aber geht ruhig Eures Weges und erwartet in Geduld das weitere.“