Diese Entscheidung wurde mit einem beifälligen Gemurmel aufgenommen; der Haufe, der vom weiten Wege müde und hungrig war, lagerte sich im Schatten des alten Nußbaums, der seine grünen Zweige freundlich über die Armen und Elenden ausbreitete. Nach einiger Zeit erschien Frau Ursula mit den Töchtern zur Seite und zwei Mägden hinter sich, welche große Schüsseln dampfenden Mehlbreis, Brot, Käse und Wurst trugen. Die Hausfrau selbst leitete die Verteilung und sah zu, daß niemand zu kurz käme; besonders auf die Kinder hatte sie ein gütiges Auge, und es rührte sie, zu sehen, mit welchem heißhungrigen Lächeln sie zulangten und sich die gute Kost schmecken ließen, die für sie ein seltener Leckerbissen war. Mit freundlicher Herablassung sprach sie mit den armen Weibern und ließ sich die Geschichte ihrer Leiden erzählen, die ihr tief zu Herzen ging; es war ein erschütterndes Bild täglich wiederholter Plagen, welche diesen unterdrückten Menschen jede Lebensfreude verkümmerten, ja, ihrem elenden Dasein jede Sicherheit entzogen.

So sehr hatten sich im Laufe der Jahrhunderte die ländlichen Verhältnisse verändert, daß die ehemals freien Bauern, welche mit Freude und Selbstbewußtsein ihren Acker bauten und die Früchte ihres Fleißes genossen, fast ausnahmslos zu rechtlosen Leibeigenen herabgedrückt und unter die Knechtschaft der adligen Herren gestellt worden waren. Die Zeit war nicht mehr fern, in der der tiefe Groll, der lange Jahre hindurch die Gemüter mit wohlberechtigter Entrüstung erfüllt hatte, endlich in hellen Flammen wilden Hasses auflodern, und bei der gänzlichen Verkommenheit alles geistigen Lebens ein furchtbares Verderben um sich her verbreiten sollte, in welchem zahllose Dränger und Bedrängte ihren Untergang finden mußten. — Wie dankbar empfand die Ebnerin in dieser Stunde alle Vorzüge ihrer Stellung, wie preßte sie ihre Kinder ans Herz und pries den Himmel dafür, daß sie nicht der Bosheit roher Knechte und ungezügelter Buben ausgesetzt waren! —

Unterdessen fand auf dem Rathause eine sehr erregte Sitzung statt. Die Klagen der Bauern fielen auf einen wohlbereiteten Boden, denn sie waren nicht die einzigen, deren Rechte Junker Veit gröblich mit Füßen trat. Kaum ein Warentransport gelangte von dieser Seite her in die Stadt, dem er nicht aufgelauert hätte, und wenn seine Kräfte auch denen der reisigen Begleiter selten in offenem Kampfe gewachsen gewesen wären, so verstand er es doch vortrefflich, durch List einen einzelnen Wagen zum Stürzen zu bringen und sich in der eintretenden Verwirrung eines Teils seiner Ladung zu bemächtigen. Jeder Handelsherr der Stadt hatte schon Verlust und Arger durch ihn erlitten, und in der Zeit des regsten Verkehrs verging keine Woche ohne solche Schädigungen. Wurden doch in der guten Jahreszeit die Straßen nicht leer von Fuhrwerken, welche die im Auslande lebhaft begehrten Woll- und Lederarbeiten, die Harnische und Waffen und all die zierlichen Erzeugnisse der vorgeschrittenen Industrie Nürnbergs fremden Plätzen zuführten, während andrerseits die großen Kaufhäuser täglich ankommende Waren erwarteten, Weine vom Rhein, aus Spanien, Italien und Ungarn, feine Leinwand aus Flandern, Gewürze aus Indien, Heringe aus dem Norden und andre Dinge aus aller Welt Enden. Da brachte ein einziger Fang dem Räuber ebenso stattlichen Gewinn, wie er dem Kaufmann bedeutenden Schaden zufügte. Auch der städtische Jägermeister hatte beständig gegen Junker Veit und seine Spießgesellen zu klagen, denn sie jagten ohne jede Berechtigung im Reichswalde, der städtisches Eigentum war, und fällten dort so viel Holz, wie sie für Herd und Ofen brauchten. Die Namen Veits von Rotenhahn, des schwarzen Janko und des lahmen Miklot wurden von allen Seiten nur mit Haß und Verachtung genannt; man meinte allgemein, sie müßten mit dem Bösen im Bunde stehen, weil es nie gelänge, einen von ihnen zu fassen. Stets wußten sie mit heiler Haut zu entwischen, auch wenn die Verfolger in der Überzahl und in offenbarem Vorteil waren.

Darin also waren alle einig, daß Junker Veit ein arger Bösewicht sei, welcher gegen jedes Recht frevle und harte Strafe verdiene; aber wie die Strafe zu vollstrecken sei, darüber gingen die Meinungen weit auseinander. Die Hitzigsten wollten Aufbietung der bewaffneten Stadtmacht, offne Fehde-Erklärung, Belagerung der Burg und Vernichtung oder Gefangennahme der Übelthäter; die Ruhigen verlangten, daß erst alle Mittel friedlicher Justiz versucht werden sollten. „Wir wenden uns mit unsrer Klage an das kaiserliche Landgericht,“ hieß es.

„Habt Ihr vergessen,“ wendete ein andrer ein, „daß Markgraf Albrecht Achilles Verwalter des kaiserlichen Gerichts ist? und könnt Ihr von ihm Gerechtigkeit erwarten in Sachen der Stadt wider einen Adligen?“

„Wir müssen uns selbst Recht schaffen!“ rief ein dritter; „ladet den Junker vor die städtische Gerichtsbarkeit, er hat sich hundertmal auf städtischem Gebiet vergangen.“

„Laden können wir ihn wohl, aber wird er kommen?“ fragte ein vierter; „wird er unsre Forderung nicht einfach verlachen?“

Dennoch hatte dieser Vorschlag schließlich die meisten Stimmen für sich, und man beschloß, dem Junker durch drei sichere Boten eine Ladung zu senden. Sollte er derselben nicht folgen, so konnte man ihn in seiner Abwesenheit verurteilen und für vogelfrei erklären, sobald er sich auf städtischem Grund und Boden betreten ließe. Dann würde es wohl nicht schwer halten, ihm durch ein paar verwegene Gesellen auflauern und ihn in sichere Haft bringen zu lassen — und dann winkten ihm Galgen und Rad als unausbleibliche Strafe.

Inzwischen saß der, gegen welchen diese Anklagen geschleudert wurden, in seiner sicheren Feste, wie ein Dachs in seinem Bau, und seine Tage vergingen teils in aufregenden Unternehmungen, teils in trägem Müßiggang. Die Stätte, wo er mit seiner Familie hauste, war keineswegs anheimelnd oder wohnlich, doch war sie seinen wilden Neigungen trefflich angepaßt. Inmitten eines wüsten Trümmerhaufens erhob sich in drei Stockwerken ein turmartiger Bau mit gewaltigen, unversehrten Mauern, der letzte Überrest einer stolzen Burg. Das unterste Gelaß, das nur durch einige Öffnungen dicht unter der Decke spärlich erhellt wurde, enthielt die Küche und etliche Vorratsräume; eine schmale Spalte, die durch eine starke eichene Thür und eiserne Riegel verwahrt werden konnte, führte ins Freie. In den zweiten Stock gelangte man von außen auf einer hölzernen Treppe, welche in eisernen Haken hing, und die man nach Gefallen abnehmen konnte; von hier führte eine steinerne Wendeltreppe nach oben. Jedes Stockwerk enthielt einen größeren Raum, unten den für die Männer, oben den für die Frauen, und kleine Schlafkammern daneben; auf der Zinne wohnte in einer winzigen Zelle der Türmer, der auf einem vorspringenden Söller ringsum gehen und die Umgebung der Burg auf eine weite Entfernung überschauen konnte. Ein enger Hof, der durch eine hohe Umwallung aus den zerfallenen Steinen der ehemaligen Burg abgeschlossen wurde, umgab den Turm; die Zugbrücke, welche meist aufgezogen blieb, wurde durch zwei Donnerbüchsen behütet, und so war mit großem Geschick eine fast uneinnehmbare Festung geschaffen worden, deren Inhaber die Feindschaft und den Haß der ganzen Welt verlachte.

Junker Veit lag lang ausgestreckt auf seinem Lager, dessen Stroh nur mangelhaft durch einige ausgebreitete Felle verdeckt wurde; eine umgestürzte, riesige Bierkanne zeugte deutlich von der Beschäftigung, der er sich vorher hingegeben hatte. Sein Weib stand neben ihm. „Holla, Veit,“ rief sie laut und schüttelte ihn derb an der Schulter, „wie lange willst du hier noch auf der Bärenhaut liegen? sollen deine Frau und deine Kinder Hunger leiden um deiner Faulheit willen?“