„Erst müßt Ihr mir Bescheid geben. Ihr wart auf Maltheim bei Eurer Frau — es mögen jetzt etwa drei Jahre her sein?“

„Ja, ich war dort, ich erinnere mich genau, denn bald darauf zog ich mit meinem Weibe nach Nürnberg.“

„Es war zu der Zeit, als das kleine Töchterchen des Ritters auf dem Tode lag und wunderbar genas, besinnt Ihr Euch?“

„Nein, davon weiß ich nichts.“

„Nicht? so bin ich fertig und kann wieder gehen.“ Sie griff nach der Laterne und den Lebensmitteln; aus der Brust des Gefangenen drang ein Jammerlaut, der schauerlich von dem weiten Gewölbe widerhallte.

„O bleibt, erbarmt Euch — geht nicht fort — gebt mir mehr zu essen —; was ich irgend weiß, will ich Euch sagen.“

Sie reichte ihm wieder einen Bissen und einen kargen Trunk. „Redet,“ sagte sie herrisch „verhehlt mir nicht den kleinsten Umstand aus jener Zeit.“

„Ich war lange in der Fremde gewesen, in burgundischen Diensten,“ erzählte er in abgebrochenen Sätzen, „aber ich hatte die reiche Beute nicht gefunden, die ich erhofft — ein Teil freilich war mir beim Würfelspiel wieder durch die Finger gegangen. Müde und krank kehrte ich zurück, — in der Nähe der Burg Maltheim fand ich ein Bündel auf der Straße liegen und hob es auf, denn ich meinte, es möchte vielleicht ein gutes Geschenk für mein Weib darin sein. Als ich es vor mir am Sattelknopf befestigte, fing es innen an, sich zu rühren und zu quäken; ich erschrak und untersuchte es — es war ein kleines Kind darin. Schon wollte ich es ärgerlich herabwerfen, aber das Würmchen dauerte mich, es sah so weiß und fein aus; so nahm ich es mit und brachte es meinem Weibe, das mich arg dafür auszankte. Sie behielt mich zwei Tage bei sich; dann sagte sie, ich müsse fort, denn die Gebieterin wolle mich unter ihrem Dach nicht leiden und dürfe mich nicht sehen. Das Kind wolle sie behalten, aber ich müsse schwören, niemand ein Wort davon zu sagen. Darauf zog ich nach Nürnberg und nahm Dienste bei der Stadt als reisiger Knecht; meine Bärbel hat dort eine Schenke, und wir leben in leidlicher Eintracht bei einander. Das ist alles, was ich Euch sagen kann — und nun gebt mir zu essen und zu trinken, denn ich bin schwach zum Sterben.“

Mit einem Hochgefühl des Triumphes kehrte Walburg in ihr Gemach zurück; endlich glaubte sie den Schlüssel zu einem Geheimnis gefunden zu haben, an dessen Lösung sie sich bisher vergeblich versucht hatte. Es schien ihr kein Zweifel mehr übrig, daß Irmgard jener Findling sei, den der Kriegsknecht nach Maltheim gebracht hatte. Sie beschloß, über ihre Entdeckung vorerst zu schweigen, um sie bei gelegener Zeit zu verwerten, dagegen jetzt etwas für Klaus zu thun, um ihn desto sicherer in ihrer Hand zu behalten.

„Ich sprach heute mit dem Gefangenen,“ sagte sie zu ihrem Gatten; „der Hunger hat ihn mürbe gemacht, er ist bereit, aus der Hand zu fressen, wie ein Hund, den man mit der Peitsche gezähmt hat. Übrigens scheint er kein verächtlicher Geselle zu sein; vielleicht könntest du in ihm einen tüchtigen Knecht gewinnen, denn Miklot wird gebrechlich, und es ist nicht mehr auf ihn zu zählen.“