Der Gedanke leuchtete Junker Veit ein, und er bot dem unglücklichen Mann die Freiheit an, falls er sich verpflichte, in seinen Dienst zu treten, und ihm geloben wolle, ihm in allen Stücken treu und gewärtig zu sein. Klaus weigerte sich anfangs lebhaft; er stand im Dienst der Stadt, hatte ihrem obersten Kriegshauptmann das Jurament geleistet, und es erschien ihm schimpflich, diesen ehrlichen Dienst mit dem bei einem Stegreifritter und gemeinen Räuber zu vertauschen. Aber einige Tage Hunger, Finsternis und Einsamkeit brachten ihn auf andre Gedanken; er sah ein, daß er ohne Hilfe nicht aus dem Raubnest entfliehen könne, und daß man ihn bei fortgesetzter Weigerung ohne Bedenken würde verhungern lassen; die Zeit der Einkerkerung kam ihm wie eine Ewigkeit vor, denn Tage und Nächte schlichen in endlosem Gleichmaß an seiner geängsteten Seele vorüber. Da er daran verzweifelte, daß die Stadt etwas für ihren gefangenen Boten thun würde, so sagte er endlich „ja“ zu Junker Veits Vorschlägen und taumelte mühsam zum Licht der Sonne empor, das seinen geblendeten Augen wehthat, während alle seine Glieder steif und schmerzhaft waren und seine Kniee vor Schwäche zitterten. Es genügten freilich wenige Tage, um ihn körperlich wiederherzustellen, aber sein Sinn blieb düster und sein Mund verschlossen; hätte nicht Junker Veit ihn mit einem furchtbaren Eide an sich gebunden und seinen Abfall mit entsetzlichen Strafen bedroht, so hätte er vom ersten Tage an nur auf Flucht gesonnen.

Die Nachricht, welche die beiden Boten nach Nürnberg brachten, hatte Rat und Bürgerschaft in unbeschreibliche Entrüstung versetzt; laute, aufgeregte Stimmen schrieen nach Rache für solche unerhörte Frechheit, galten doch in der ganzen Christenheit Boten für geheiligte Persönlichkeiten, an denen sich niemand vergreifen durfte. Man forderte blutige Sühne für diesen Frevel, und hätte die allgemeine Stimmung sich sofort in die That umgesetzt, wäre am nächsten Tage eine bewaffnete Schar ausgezogen, um die Burg zu überfallen, so wäre es Junker Veit übel ergangen. Aber so schnell ging es nicht; man war bei jeder Unternehmung an weitläufige Formalitäten gebunden, an einberufene Versammlungen, Vorschläge, Abstimmungen, Einspruchsfristen, und in dieser Zeit verrauchte viel von dem anfänglichen Feuer. Endlich, nach Ablauf einer Woche, marschierte ein Fähnlein Fußvolk unter einem berittenen Anführer nach Hohenheiligen ab.

Inzwischen hatte Veit Muße gehabt, sich auf alle kommenden Ereignisse vorzubereiten. Eines Tages kam Janko, der zum Spionieren ausgeschickt war, auf schweißbedecktem Gaule angesprengt: „Sie kommen, Herr,“ rief er keuchend, „in drei Stunden stehen sie vor unserm Thor.“

„Gut,“ sagte der Junker ruhig, „da haben wir noch reichlich Zeit, uns zu ihrem Empfange zu rüsten.“ Er gab sofort seine Befehle, setzte Walburg und die Knaben zu Pferde und gab ihnen Klaus und Miklot zur Begleitung; sie sollten auf wohlbekannten Waldpfaden nach einer benachbarten Burg reiten, wo ein gleichgesinnter Freund wohnte, und dort das weitere abwarten. Walburg hatte sich zuerst geweigert, ihn in dieser Gefahr zu verlassen, aber er lachte nur über den Gedanken an Gefahr und verhieß ihr, sie in kurzem wieder heimzuholen.

Als die Nürnberger Soldaten vor der Burg anlangten, sahen sie mit Erstaunen, daß die Zugbrücke herabgelassen war und das Thor weit offen stand. Vorsichtig verbot der Anführer das Betreten der Brücke und des Burghofes, weil er irgend eine teuflische List vermutete; als aber eine Stunde verging und nichts sich regte, schickte er ein Häuflein ab, um die Sache zu untersuchen. Totenstille herrschte in dem engen Hof, die Thüren der niedrigen Ställe standen offen, nirgend war ein lebendes Wesen zu sehen. Der Turm schien keinen Eingang darzubieten, denn die schmale Öffnung, welche aus der Küche ins Freie führte, war so kunstreich geschlossen, daß man nicht einmal eine Spur davon gewahrte; die Treppe zum Oberstock war abgenommen, man sah nichts, als kahle, nackte Mauern. Der Junker, der das Fähnlein führte, schüttelte verwundert und unschlüssig den Kopf: wen sollte man denn bekriegen, wenn gar kein Feind da war? Er hieß seine Leute, die ganze Burg umzingeln und bewachen und ritt mit geringer Begleitung ins Dorf, um Kundschaft einzuziehen. Bald sammelte sich die ganze Bevölkerung um die tapferen Krieger und schrie auf sie ein; die alten Klagen gegen Junker Veit und seine Knechte erschollen wieder, flehentliche Bitten, sie von ihren Peinigern zu befreien, wurden laut.

„Schweigt, Ihr Gesindel!“ herrschte der Anführer die Bauern an, „ich bin nicht gekommen, um Euer Gewäsch anzuhören. Sagt mir kurz und bündig, was Ihr von den Insassen der Burg wißt; mir scheint, die Galgenvögel sind allesamt ausgeflogen.“

„Ich sah die ganze Gesellschaft heute früh in gestrecktem Lauf davonreiten,“ rief einer, „sie werden wohl Wind bekommen haben und entflohen sein.“

„Meine Tochter, die auf der Burg gedient hat, ist heute zurückgekehrt,“ sagte eine Frau, „Junker Veit hat sie vom Hofe gejagt.“

„Bringt mir die Dirne her,“ gebot der Anführer. Ein bleiches, verschüchtertes Mädchen trat zitternd hervor, sie sah unendlich verkommen und zerlumpt aus. „Rede!“ rief der Reiter gebieterisch, „was weißt du von dem, was auf der Burg vorgegangen?“

„Ich weiß nicht viel,“ stammelte die Dirne ängstlich; „vorige Woche haben sie einen Gefangenen in den Keller geschleppt, aber niemand durfte zu ihm, als der Herr und die Frau. Nach ein paar Tagen kam er heraus und schwur dem Junker Treue, von da an ging er frei aus und ein. Heute früh trieb mich der Herr mit der Peitsche aus der Küche, ich solle mich hüten, wiederzukommen, er ritte mit all den Seinen davon. Da bin ich gelaufen, was meine Füße mich tragen wollten, und habe mich nicht mehr umgesehen, denn dort ist’s schlimmer, als in der Hölle.“