Zwei Tage und zwei Nächte blieben die Soldaten beobachtend vor der Burg liegen: als aber alles still und ausgestorben blieb, fingen sie an zu murren und verlangten, entweder in einen ehrlichen Kampf, oder nach Hause geführt zu werden. Es gab nicht einmal etwas zu plündern auf dem elenden Burghof, wo ohnehin alles in Trümmern lag; die alten Mauern des Turmes hätten doch aller Bemühungen gespottet, ihnen einen Schaden anzuthun. So begnügte sich der Anführer damit, das Urteil des Rates, wonach Junker Veit von Rotenhahn als ein Ehrloser gebrandmarkt und auf seinen Kopf ein Preis gesetzt wurde, ans Thor zu nageln. Dann zog er mit seinem Fähnlein unrühmlich von dannen, um den Vätern der Stadt mit prunkenden Worten zu berichten, daß schon die Annäherung eines bewaffneten Trupps genügt habe, um den Frevler mit all den Seinen in wilder Flucht von Haus und Hof zu jagen. Übrigens sei der Kriegsknecht, Klaus Zworrer, ein Elender und Eidbrüchiger, zu dessen Befreiung weitere Anstalten nicht zu treffen seien. —

Eine Weile, nachdem die tapferen Stadtsoldaten abgezogen waren, blieb es still wie vorher auf dem Burghof von Hohenheiligen, dann öffnete sich die Thür im Oberstock, die Treppe ward herabgelassen, Junker Veit und Janko stiegen hinunter. Im Nu war die Zugbrücke aufgezogen, das Thor geschlossen, die Pferde aus dem Kellergewölbe hervorgezogen. Die beiden wackeren Kumpane waren unmäßig vergnügt, und dem Anführer des Fähnleins hätten billig die Ohren klingen müssen von all den Ehrentiteln, mit denen die beiden ihn belegten. Zuletzt holten sie einen dickbäuchigen Krug spanischen Weines herauf, der beim letzten Überfall in ihre Hände geraten war, und fingen an zu zechen. Erst jubelten und sangen sie, daß die alten Mauern widerklangen, dann lallten sie unverständliche Worte, und schließlich lagen Herr und Knecht in tiefem Rausch mitsammen unter dem Tisch.

Das war das Ende des Strafgerichts, welches die freie Reichsstadt Nürnberg gegen den Raubritter Veit von Rotenhahn verhängte.

Achtes Kapitel.
Des Studenten Auszug.

Eng wird dem Jüngling das Haus, es treibt ihn hinaus in die Ferne,

Wo sich der strömende Quell ewiger Weisheit ergießt.

Mehrere Jahre waren verflossen; sie hatten auf Maltheim nur solche Veränderungen hervorgebracht, wie sie naturgemäß im Laufe der Zeit lagen. Aus dem Knaben Ulrich war ein schöner, schlanker Jüngling geworden, in jeder Rittertugend wohl erfahren und dabei von einer Geistesbildung, welche die seiner Standesgenossen weit überragte. Immer noch war Pater Benedikt sein Lehrer, aber fast hatte der Schüler ihn überholt, wenn auch nicht an eigentlicher Gelehrsamkeit, so doch an Freiheit und Tiefe der Gedanken und mit dem Fluge einer kühnen Phantasie. Er war der Stolz und die höchste Freude seiner Mutter und zugleich ihr vertrauter Freund und Berater, denn ihr Eheherr war inzwischen zu einem hilflosen Greise geworden, der sich mühsam von seinem Lager bis zu seinem Lehnstuhl schleppte und wochenlang sein Zimmer nicht verlassen konnte. Auch sein Geist war sehr gealtert; es fehlte Herrn Werner alles Verständnis für die Gegenwart, der er keine Teilnahme schenkte, dagegen lebte und webte er mit all seinen Gedanken in einer glänzenden Vergangenheit und wurde niemals müde, von den Thaten und Erlebnissen seiner jüngeren Jahre zu erzählen. Er fand eine stets aufmerksame Zuhörerin an Irmgard, die mittlerweile zu einem frühreifen Mädchen herangewachsen war. Die kleinen, zarten Formen ihres Körpers ließen kaum auf zehn Jahre schließen, aber der Glanz der dunklen Augen zeigte von einem ungewöhnlich regen Geistesleben, und das von langen, aschblonden Locken umrahmte Antlitz trug den Ausdruck eines viel reiferen Alters.

Frau Kunigunde saß in der tiefen Fensternische ihres Gemaches und schaute aufmerksam auf den Hof hinaus, wo Ulrich die Schwester im Reiten und Springen übte. Die zierliche Gestalt saß unerschütterlich fest im Sattel und führte jedes Gebot ihres Lehrmeisters mit voller Sicherheit aus. Es war ein hübsches Bild, und die Blicke der Mutter hingen mit stolzer Freude an den beiden Geschwistern, deren Liebe im Lauf der Jahre immer dieselbe geblieben war, wie verschieden sich auch ihr Sinn und ihre Neigungen entwickelt hatten.

Der Eintritt des Hauskaplans unterbrach die stillen Betrachtungen der Edelfrau; sie begrüßte ihn ehrerbietig und bot ihm einen Sitz in ihrer Nähe an. „Ich komme, edle Frau,“ begann er mit bewegter Stimme, „um Euch für viele friedliche Jahre zu danken, die ich in Eurem Hause verlebt habe, — jetzt muß ich von Euch scheiden.“