„Ihr wollt uns verlassen, Pater Benedikt?“ fragte Frau Kunigunde überrascht. „Wir werden eine hirtenlose Schar sein, ohne Eure treue, väterliche Leitung, und was wird Ulrich beginnen, wenn er Eurer Unterweisung entbehren muß?“

„Das Gebot meiner Oberen ruft mich von hinnen, ich muß gehorchen, denn der Diener des Herrn darf, wie sein Meister, auf Erden keine bleibende Stätte haben. Aber ehe ich diesem Hause Valet sage, an dem mein Herz vielleicht fester hängt, als es einem Sohn der Kirche geziemt, möchte ich als treuer Freund und Beichtiger mit Euch über Ulrich sprechen. Sein grübelnder Geist braucht kräftige Nahrung, um sich nicht auf gefährliche Abwege zu verirren: schickt ihn nach Paris oder Bologna, damit er fleißig studiere.“

„Ich soll mich von ihm trennen?“ rief Frau Kunigunde erschrocken; „nein, Vater, verlangt nur das nicht von mir! sagt mir nicht, daß es meine Pflicht sei, meinen einzigen Sohn in die Fremde hinaus zu schicken und ohne ihn zu leben!“

„Und dennoch ist es Eure Pflicht, edle Frau, und ich weiß, Ihr werdet Euch derselben nicht entziehen. Eine Mutter darf nicht selbstsüchtig ihren Sohn der Welt vorenthalten, die an seine Kraft und seinen Verstand ein Anrecht hat. Laßt ihn auf vier, fünf Jahre hinausziehen, damit er fähig werde, die Stelle einzunehmen, für die ihm seine reichen Gaben verliehen sind. Dann wird Ulrich einst ein Mann werden, auf den Ihr mit Recht stolz sein dürft.“ —

Der Pater ging und ließ die Edelfrau in tiefer Bewegung zurück. Was blieb ihr denn noch, wenn Ulrich von ihr ging? Ihr Gatte war alt und hilflos, fast kindisch, und bei Irmgards Anblick wollte zuweilen ein quälender Zweifel ihre Seele beschleichen. Es war nun schon mehrere Jahre her, seit Walburg mit Klaus’ Erzählung hervorgetreten war und behauptet hatte, jener Findling sei heimlich in die Wiege des verstorbenen Kindes gelegt worden. Herr Werner hatte damals der Tochter in heftigem Zorn verboten, je wieder ein ähnliches Wort zu äußern, er hatte ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie solche schändlichen Lügen verbreite. Sollte er sein eigen Fleisch und Blut nicht kennen? konnte nicht ein Blinder merken, daß seine weiße Rose aus seinem alten Stammbaum erblüht sei? Aber in Frau Kunigundens Seele war seit jener Zeit ein Stachel zurückgeblieben; zuweilen starrte sie in Irmgards Antlitz, um darin die Spur verwandter Züge zu entdecken — vergebens! Darin hatte Walburg sicher recht gehabt, daß das Mädchen weder Vater noch Mutter glich, und je mehr sie heranwuchs, um so mehr zeigte sich in ihr eine völlig eigenartige Schönheit. Bis jetzt hatte Frau von Maltheim noch nicht gewagt, gegen irgend jemand ein Wort von ihren Zweifeln zu äußern, doch stieg in ihrer Seele der Wunsch nach Gewißheit immer höher; sie beschloß, bei nächster Gelegenheit Frau Barbara aufzusuchen und sie vorsichtig auszuforschen.

Der Kaplan war abgereist, der Wille seiner Oberen berief ihn an die Frauenkirche zu Nürnberg, wo er dem alternden Propst, besonders als Kanzelredner, ein Beistand sein sollte. Niemand empfand die Lücke mehr, als Ulrich, der den trefflichen Lehrer täglich vermißte. Eines Tages kam er zu seiner Mutter und umfaßte sie liebevoll. „Lieb Mütterlein,“ flüsterte er in zärtlichem Ton, „hast du mich lieb? und bist du fest überzeugt, daß ich dich lieber habe, als alles andre auf der Welt?“

„Ja, mein Ulrich,“ erwiderte sie innig, „ich weiß es, und es ist mein bestes Glück.“

„Darf ich dir eine Bitte aussprechen?“

„Gewiß, mein Sohn; so viel in meinen Kräften steht, will ich dir von Herzen gern gewähren.“

„So gieb mich für ein paar Jahre frei und laß mich auf die Universität ziehen.“