„Ulrich!“ rief sie erschrocken, „bist du deiner Mutter und der Heimat müde geworden?“
„Nein, Mutter, das nicht, aber meine Seele dürstet nach den Tiefen der Erkenntnis, und ich möchte aus der Quelle der Weisheit selbst schöpfen. Jetzt hast du noch den Vater an deiner Seite; stehst du einmal allein da, so komme ich zurück, um deine Stütze zu sein.“ —
Ankunft der Maltheimer im Ebnerhause.
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GRÖSSERES BILD
Es kostete Frau Kunigunde einen harten Kampf, ehe sie einwilligen konnte; war es ihr doch, als ginge in ihrem Leben die Sonne unter, wenn ihr der Sohn fehlte, der ihres Herzens Freude und Wonne war. Aber auch in seiner Abwesenheit übte Pater Benedikt noch einen bestimmenden Einfluß auf sie aus; sie gedachte an die Gefahr für Ulrichs Seele, vor der jener gewarnt, wenn er seinen eignen Grübeleien überlassen bleibe, und mehr, als jeder andre Gedanke, bewog dieser sie, endlich mit schwerem Herzen ihre Zustimmung zu geben. Ihr Gatte war mit allem zufrieden; ihn kümmerte es wenig, ob Ulrich ging, wenn er nur seine kleine Irmgard um sich behielt.
Alle Vorbereitungen waren getroffen; in Begleitung eines treuen, lang erprobten Knechtes sollte Ulrich in die fremde Welt hinausziehen, seine Mutter und Schwester aber gedachten ihm zu Pferde das Geleit zu geben bis Nürnberg, wo sich der Jüngling von einigen alten Freunden verabschieden wollte.
Der kleine Reitertrupp hielt vor dem Ebnerhause still und pochte um Einlaß; alsbald öffnete Just das Thor und lud die Herrschaften ein, in den Hof zu reiten. Aus einer der Schreibstuben kam Berthold hervorgestürzt, gerade noch zur Zeit, um Irmgard vom Pferde zu heben und mit kräftigem Schwunge auf den Boden zu setzen. Frau Ursula erschien alsbald mit den Töchtern auf der Treppe, um die Gäste willkommen zu heißen, und es herrschte große Freude beim Anblick der Maltheimer, hatten sich doch die Frauen, trotz seltnen Verkehrs, immer eine herzliche Teilnahme bewahrt, während die Jünglinge die alte Kinderfreundschaft durch häufige Besuche in Maltheim oder Nürnberg warm erhalten hatten. Doch hatte es sich zufällig so getroffen, daß Frau Kunigunde und Irmgard die Ebnersche Familie nie auf dem Annenhof besucht hatten.
Es war ein köstlicher Spätsommertag, und nach eingenommenem Frühstück begab sich die junge Gesellschaft auf den Hof, wo man im Schatten des alten Nußbaums die milde Witterung besser genießen konnte, als in den Zimmern, in denen immer ein gedämpftes Licht und eine dumpfe Luft vorherrschten. Unwillkürlich gesellten sich Berthold und Irmgard, Ulrich und Margarete in vertraulichem Gespräch zu einander, und Elsbeth fühlte sich so überflüssig, daß sie sich gekränkt zurückzog. Sie fühlte sich stets gekränkt, wenn sie hinter der Schwester zurückstehen mußte, die mit ihrem ernsten, verständigen Wesen viel mehr Beachtung fand, als die kindische Elsbeth.