„Weißt du noch, Irmgard,“ sagte Berthold, „wie wir hier spielten, als du zum erstenmal nach der Stadt gekommen warst? Wir hatten eine Burg von Kisten und Fässern erbaut; du warst die gefangne Prinzessin und Hans der böse Riese, der dich bewachte, ich aber war der Recke, der alle Gefahren überwand und die Königstochter heimführte. Es war ein schönes Spiel, und ich habe noch oft daran gedacht.“

„Armer Berthold!“ sagte sie mitleidig, „damals meintest du, das Spiel sollte einmal Wirklichkeit werden, und jetzt sitzest du in der Schreibstube und fichtst mit dem Federkiel gegen lange Reihen von Zahlen — ich ertrüge es nicht!“

„Ich würde es auch nicht ertragen, wenn ich es nicht meiner Mutter zuliebe thäte, sie wünscht es so sehr. — Du wirst Ulrich sehr vermissen, Irmgard.“

„Gewiß, er ist so lieb und gut — und doch kann ich ihn oft nicht begreifen, und ich glaube, du, Berthold, würdest an seiner Stelle ganz anders handeln.“

„Meinst du?“

„O, nicht wahr? du würdest dich nicht hinter Büchern vergraben, wenn du der Sohn eines alten, glorreichen Adelsgeschlechtes wärest, sondern in die Welt hinausziehen, um große Thaten zu thun und zu den alten Ruhmeskränzen einer glänzenden Vergangenheit neue Lorbeeren hinzuzufügen! Sieh, wenn ich höre, wie die Türken von allen Seiten gegen unsre Grenzen herandrängen, wie vergeblich der heilige Vater sich bemüht, einen Kreuzzug gegen sie zu predigen — dann ergreift mich’s gewaltig; in meinem Innern fängt es an zu sieden und zu brennen, ich möchte Panzer und Schild anlegen und eine Kreuzesfahne in die Hand nehmen und allen, die ein Schwert schwingen können, zurufen: Auf, folgt mir, ich will euch zu Kampf und Sieg, zu unsterblichem Ruhm führen! O Berthold, wenn wir beide die Welt regieren könnten, wir würden die verhaßten Türken bald zu Paaren treiben und sie in die fernen, heidnischen Lande zurückjagen, aus denen sie hergekommen sind. Dann würdest du der König des befreiten Landes sein und ich deine Königin, und die ganze Welt würde voll werden von der Glorie unsrer Siege und unsres Namens!“

Er sah sie mit unverhohlnem Entzücken an, die kleine zarte Gestalt mit den großen leuchtenden Augen und den wallenden Locken, mit dem schneeweißen Rosengesicht, das von Begeisterung strahlte. „Würdest du wirklich meine Königin sein mögen, Irmgard?“

„Gewiß, wenn du ein Ritter wärest und herrliche Heldenthaten vollbracht hättest. Pater Benedikt hat mir einmal aus einer uralten Chronik vorgelesen, daß zwischen dem berühmtesten Ahnherrn unsres Hauses und einem Tucher von Nürnberg eine innige Freundschaft bestand, und daß sogar ein Tucher, der im Kriege zum Ritter geschlagen war, ein Fräulein von Maltheim heimführte. Ein tapferer Ritter und Kriegsheld ist selbst einer Fürstentochter ebenbürtig.“

„Aber wenn ich nun ein großer Kaufmann würde und unermeßliche Reichtümer erwürbe und dir alle Schätze zu Füßen legte, die nur mit Geld zu kaufen sind — würdest du mir dann nicht auch deine Hand reichen?“

„Natürlich nicht! wie kannst du nur so seltsam fragen? Ein adliges Fräulein und ein bürgerlicher Kaufherr — das paßt schlecht zusammen. Ich müßte auf meinen Gatten stolz sein können, und das würde ich nur, wenn er ein Held wäre.“ —