In einem ganz andern Ton verlief die Unterhaltung zwischen Ulrich und Margarete. „Wie freue ich mich,“ sagte sie, „daß endlich dein heißer Wunsch in Erfüllung geht und die Weisheit ihre goldenen Thore vor dir aufthut! Es ist nur traurig, daß du so weit in die Ferne gehst und uns nicht hin und wieder einige Brosamen aus der Fülle mitteilen kannst, in der du dort schwelgen wirst.“

„Ob ich wohl alles finden werde, was ich suche und hoffe?“ fragte Ulrich träumerisch. „Zuweilen überschleicht mich eine bange Furcht, als ob ich zu viel erwarte, denn es sind doch immer nur Menschen, die am Quell der Wahrheit sitzen und den Durstigen daraus mitteilen. Wie, wenn es auch dort noch Schranken und Schleier gäbe, welche die vollkommne Erkenntnis begrenzen und verhüllen?“

„Ich meine, du wirst die Wahrheit dort so rein schauen, wie es unser Blick überhaupt ertragen kann,“ erwiderte sie. „Vielleicht ist die höchste, göttliche Wahrheit so strahlend hell, daß ein Menschenauge sich davor senken muß.“

Er ergriff ihre Hand. „Du hast recht, Margarete, mich zur Demut zu mahnen. Ich bin nur zu geneigt, zu glauben, daß meiner Seele nichts zu hoch ist, daß ihre Flügel mich weiter zu tragen vermögen, als andere.“

„Entsinnst du dich noch, Ulrich, wie du mir einst die Geschichte von Dädalus und Ikarus erzähltest? Ich habe sie nie vergessen und daran gelernt, den kühnen Flug zu mäßigen, daß er uns nicht, statt zur Sonne, in Nacht und Verderben führe. Aber ich bin auch nur ein Mädchen, das sich bald bescheiden und seine Gedanken denen weiserer Leute unterordnen muß.“

„Du triffst immer das Rechte, Margarete. Wie oft hat dein kindlicher Sinn schon vor Jahren eine Wahrheit erfaßt, die ich mit allem Klügeln und Grübeln nicht gefunden hatte. Ich wollte, du könntest mit mir gehen und mich vor den Abgründen warnen, die mein aufwärts gerichteter Blick nur zu oft übersieht. O Gretchen, mit dir vereint zu suchen und zu forschen, alles Erworbene vor deinen klaren Blick zu bringen, der so unfehlbar das Wahre vom Falschen zu unterscheiden vermag — das müßte das höchste Glück auf Erden sein.“

„Du denkst viel zu hoch von mir, Ulrich; wie sollte mein kleiner Kopf deinem großen Streben gewachsen sein! — Wann denkst du aufzubrechen?“

„Morgen mit dem frühesten; ich muß heute noch von Pater Benedikt und unserm wackern Hans Abschied nehmen. Wo ist Hans? ich sah ihn noch nicht.“

„Er ist seit kurzem in Meister Kraffts Werkstätte als Lehrling eingetreten, und Onkel Adam verheißt, einen tüchtigen Steinmetz aus ihm zu machen.“ —

In der tiefen, lauschigen Fensternische in Frau Ursulas Gemach saßen die beiden Frauen in eifrigem Gespräch. Die Kinder bildeten ein unerschöpfliches Thema; jede hatte so viel von den ihrigen zu sagen, so viel zu loben, auch wohl einiges zu tadeln, was doch wieder entschuldigt werden mußte.