„Ich bewundre Euch, Kunigunde, daß Ihr Ulrich von Euch laßt,“ sagte die Ebnerin, „ich vermöchte es nicht. So zärtlich ich meine Mädchen liebe — an Berthold reichen sie doch nicht heran und könnten ihn mir nicht ersetzen. Zu denken, daß ich auf Jahre seinen Anblick entbehren sollte — nein, es wäre unmöglich.“
„So habe ich zuerst auch gedacht,“ sagte die Edelfrau mit einem tiefen Seufzer, „und endlich habe ich doch nachgegeben. Was thut eine Mutter nicht, um ihren Liebling glücklich zu machen, um seine Seele vor jeder Gefahr zu behüten? Sollte ich zusehen, wie sich Ulrich in Sehnsucht verzehrte? ich konnte ihm doch die Weisheit nicht bieten, nach der es ihn so heiß verlangt. — Aber ich habe noch Wichtiges mit Eurem Gatten zu besprechen, Ursula. Mein Herr hat ihm Hohenheiligen verpfändet; wir können es jetzt nicht einlösen, brauchen aber flüssiges Geld für Ulrichs Reise und Studium. Wollt Ihr mit Eurem Eheherrn reden, unter welchen Bedingungen er es, unter Vorbehalt der Burgruine, als Eigentum behalten will?“
„Ihr wollt den alten Besitz Eures Hauses aus den Händen geben?“ fragte Ursula erstaunt, „das ist freilich auch ein großes Opfer, das Ihr Eurem Sohne bringt! Hoffentlich denkt Junker Veit nicht daran, in die alte Burg zurückzukehren?“
„Ihr könnt es nicht heißer wünschen, als ich, daß er und sein Weib uns für immer fernbleiben. Es ist eine Schmach, solch einen wüsten Gesellen seinen Eidam nennen zu müssen! Wir haben lange nichts von beiden gehört und hoffen, er hat wieder in Ungarn lohnenden Dienst gefunden. Doch jetzt entschuldigt mich, ich muß einen Gang in die Stadt machen.“
„Ich erwarte Euch zum Mittagessen zurück, Kunigunde, und ich hoffe, Ihr und Eure Kinder werdet die Gastfreundschaft unsres Hauses nicht verschmähen, solange es Euch gefällt, in Nürnberg zu verweilen.“
Dankbar nahm Frau Kunigunde das Anerbieten an und ließ sich dann von Ulrich in die Laufergasse führen, wo unweit des Thores ein großes Schild zum Besuch der Schenke „zum blauen Affen“ einlud. Der blaue Affe selbst hielt ein so gewaltiges Maß Bier in der Hand und fletschte so vergnügt die Zähne, daß jedermann es auf einen Blick erkennen konnte, wie vorzüglich jeder Gast hier aufgehoben wäre. Um diese Vormittagsstunde war jedoch die Schenkstube leer; Frau Barbara, die Wirtin, saß mit ihrem Spinnrad am Fenster und kommandierte ihre Töchter, zwei hübsche, dralle Dirnen, welche damit beschäftigt waren, Becher und Gefäße blank zu putzen und alles in sauberer Ordnung auf die Regale zu stellen. Frau Bärbel hatte sich in den acht Jahren ihres städtischen Lebens eine behagliche Rundung zugelegt, welche als ein Aushängeschild zur Empfehlung ihrer vortrefflichen Küche dienen konnte, selbst der jahrelange Kummer um den Verlust ihres Gatten hatte diese üppige Fülle nicht zu mindern vermocht. Dennoch sprang sie mit Behendigkeit auf, als Frau Kunigunde und Ulrich eintraten, denn solche Gäste verkehrten selten im blauen Affen, und es kostete ihr auch wenig Mühe, ihre ehemalige Herrschaft zu erkennen.
„Gottwillkommen! Gottwillkommen!“ rief sie in überströmender Freude, „o meine edle Gebieterin, welch ein Glück, Euch hier zu sehen! Teurer Junker, wie groß und schön seid Ihr geworden! Sankt Georg selber kann nicht herrlicher ausgesehen haben, als Ihr! Welch ein gesegneter Tag! Trudel, Nelleke, kommt und küßt der Herrin die Hand! wischt die Stühle ab, daß die hohen Gäste sich setzen mögen. Verschmäht es nicht, edelste Frau, und Ihr, mein schönster Junker, eine kleine Weile unter meinem bescheidenen Dach zu rasten — wollt Ihr mir gestatten, Euch in aller Demut eine Erfrischung anzubieten?“
Frau Kunigunde dankte, und Ulrich empfahl sich mit einigen freundlichen Worten, um Pater Benedikt aufzusuchen. „Kann ich ein paar Augenblicke mit dir allein sprechen?“ fragte die Edelfrau.
„Gewiß, meine gnädige Herrin, Ihr habt über mich und mein Haus zu gebieten. Ist’s auch nur klein und bescheiden, so hoffe ich doch, es ist so schmuck und rein, daß es selbst eine Königin betreten könnte, ohne an ihrer Würde Schaden zu nehmen. Und ich danke es doch zumeist Eurer Güte, meine edle Gebieterin, daß ich das Häuschen erwerben konnte, das mir und meinen verwaisten Mädchen Obdach und Unterhalt bietet — verwaist, ach heiliger Sebaldus, ich weiß nicht einmal, ob sie Waisen sind oder nicht, denn ihr Vater ...“ Ein rechtzeitiger Thränenstrom schnitt den weiteren Redefluß ab, und da Frau Kunigunde eine ungeduldige Gebärde machte, wischte Bärbel sich die nassen Augen und führte den Gast in ein kleines Seitenzimmer, von dem aus man durch ein Schiebefensterchen die Schenkstube übersehen konnte. Sie rieb mit ihrer Schürze den sauberen Stuhl noch einmal ab und lud die Dame zum Sitzen ein, während sie selbst vor ihr stehen blieb.
„Du erinnerst dich noch genau des Tages,“ begann Frau von Maltheim, „als meine kleine Irmgard auf dem Tode lag? erzähle mir genau jeden Umstand, der sich damals ereignete. Was du mir auch bekennen magst, Barbara, du wirst keiner Strafe verfallen, nur berichte mir die ganze Wahrheit.“